Ein europäisches Familienalbum

12. Februar 2013, 20:09
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Traditionelle Wertvorstellungen und gelebtes Patchwork: Die Familien im modernen Europa sind im Wandel - Ein EU-Forschungsprojekt versucht, der Sozialpolitik eine wissenschaftliche Grundlage zu liefern

Partnerschaften ohne Trauschein, Städte voller Singlehaushalte und eine Gesellschaft aus Patchworkfamilien, in denen Kinder aus verschiedenen Beziehungen unter einem Dach vereint sind: Die Lebens- und Beziehungsmodelle, die in den nordwestlichen Teilen der Europäischen Union als zeitgemäß und verbreitet angesehen sind, stehen im Kontrast zu den Verhältnissen in Italien oder Polen, wo nichteheliche Lebensgemeinschaften vergleichsweise wenig akzeptiert sind. Dazu kommen Probleme, die aus Migrationsbewegungen resultieren. Das Zusammenfinden der Kulturen bringt nicht nur gesellschaftliche, sondern auch rechtliche Hürden mit sich.

Kein Zweifel: Die Familien- und Beziehungsformen, in denen Menschen in der EU zusammenleben, und die Umstände, unter denen sie Kinder aufziehen, werden komplexer und diverser. Sie verändern sich stetig. Die Frage ist, ob die Politik in adäquater Weise auf die Veränderungen reagiert, die der Wandel der Familienstrukturen mit sich bringt. In Österreich ist die Toleranz für nichteheliche Lebensgemeinschaften relativ hoch. Etwa 40 Prozent der erstgeborenen Kinder, die hier auf die Welt kommen, haben Eltern, die ohne Trauschein zusammenleben. Bis zu 20 Prozent der Menschen, die mit Partnern zusammenleben, heiraten nie.

Tendenziell gehe es in die Richtung, dass auch der Gesetzgeber keinen Unterschied mehr zwischen ehelichem und nichtehelichem Zusammenleben macht, sagt Dimiter Philipov vom Wiener Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Um das aber für die ganze EU zu erreichen, müssten sich die Verhältnisse in vielen Ländern ändern, die noch viel traditionellere soziale Normen aufweisen. Ihre Heterogenität bringe die EU, die ihre Sozial- und Familienstrukturen in einen adäquaten politischen Rahmen fassen will, in ein Dilemma.

Philipov arbeitet an einem EU-weiten Forschungsprojekt, das untersucht, wie sich zeitgemäße und zukünftige Familien- und Beziehungsmodelle in einer gemeinsamen politischen Strategie vereinen lassen können. Insgesamt 25 europäische Forschungsinstitutionen sind, koordiniert von der Universität Stockholm, in dem vierjährigen, im Februar angelaufenen Projekt involviert. Sechseinhalb Millionen Euro gibt die EU für die Erarbeitung der wissenschaftlichen Grundlagen für ihre Familien- und Sozialpolitik aus.

Das Großprojekt soll nicht nur die sozialen und politischen Realitäten in den EU-Ländern vergleichen und Datenbanken über die rechtlichen Gegebenheiten erarbeiten, sondern auch - und dafür wird Philipovs Institut zuständig sein - zukünftige Entwicklungen abschätzen. Neben der ÖAW ist in Österreich auch die Uni Wien beteiligt. "Ziel ist es, abzuschätzen, inwieweit die aktuellen politischen Rahmenbedingungen mit der zunehmenden Komplexität der Familienentwicklung in Europa kompatibel sind", sagt Philipov. Die Forscher untersuchen auch, wie sich bestehende politische Maßnahmen auf die Entwicklung von Familienstrukturen auswirken.

Gesetze und soziale Normen

"Nichteheliche Lebensgemeinschaften, gleichgeschlechtliche Paare und die Gleichstellung von Frau und Mann wird es weiterhin geben. Darüber muss sich der Gesetzgeber im Klaren sein", sagt Philipow. "Die Idee ist, die Politik dazu in der EU zu vereinheitlichen." Das Problem aber ist: Selbst wenn sie harmonisiert wäre, würde sie wegen der starken zuwiderlaufenden sozialen Normen nicht greifen. "Die politischen Konzepte müssen zum Teil noch besser implementiert werden."

Die Heterogenität Europas spiegelt sich auch in der Gleichstellung der Geschlechter wider: Selbst in Schweden, wo die Gleichstellung am weitesten fortgeschritten ist, ist die Frau im Durchschnitt mehr für die Familie da als der Mann.

Ein Problem ergebe sich auch daraus, dass immer mehr Familien das Kinderkriegen auf spätere Jahre verschieben. Die Lebenserwartung erhöht sich zwar, aber die Zeitspanne, in der Frauen Kinder bekommen können, wird kaum länger. "Die Leute verlassen sich darauf, dass es etwa mit künstlicher Befruchtung später auch noch geht. Letztendlich bleiben sie dann kinderlos", sagt Philipov. Auch hier sei Aufklärungsarbeit notwendig. In Österreich lag das durchschnittliche Alter von Frauen bei der ersten Geburt im Jahr 2010 bei 28,2 Jahren.

Die Familie entscheidet

Wenn nun die Geburtenraten in Europa immer weiter zurückgehen, soll die Politik dann eigentlich intervenieren und dafür eintreten, dass mehr Kinder geboren werden, um einer Überalterung der Gesellschaft entgegenzuwirken? "Nein", sagt Philipov, "unser Standpunkt ist, dass die Familien das allein entscheiden müssen. Die Politik darf sich dabei nicht einmischen." Der sogenannte Pronatalismus, also das Eintreten des Staates für mehr Geburten, würde in die individuellen Rechte der Bürger eingreifen. "Die Familie allein entscheidet über die Anzahl der Kinder", sagt Philipov.

Die Politik könne allerdings Familien mit Kindern unterstützen. Mit Kindergeld, Mutterschutz und Vaterschaftsurlauben und mit genügend Kindergärtenplätzen, die, so Philipov, eine der effektivsten Maßnahmen seien. Wenn die Umstände nicht erlauben, Kinder zu bekommen, etwa weil die Einkommen zu gering sind, wenn sich Menschen zwischen Arbeit und Familie entscheiden müssen, sei die Politik gefragt, einzugreifen.

Die sozialen Normen, unter denen Kinder noch aufwachsen, werden dem Wandel nicht standhalten können. Philipov ist zuversichtlich: So wie die Schimpfwörter für uneheliche Kinder mehr und mehr aus dem Gedächtnis verschwinden, werden auch Probleme, die uns gegenwärtig beschäftigen, langsam schwinden. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 13.2.2013)

  • Gesetze werden den Forschern zufolge immer weniger Unterschied zwischen ehelichem und nichtehelichem Zusammenleben machen.
    foto: corbis

    Gesetze werden den Forschern zufolge immer weniger Unterschied zwischen ehelichem und nichtehelichem Zusammenleben machen.

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