Der Möbel-Souffleur: Marco Dessi

18. Februar 2013, 17:23
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Das Wiener Museum für angewandte Kunst zeigt Arbeiten des Designers Marco Dessi - Durch ihre überraschende Inszenierung heben sie sich von ihrem Dasein als Gebrauchsgegenstände ab

Nicht einmal Marco Dessi selbst wusste vor seiner Ausstellung, was man aus ihr mitnehmen sollte. "Ich wollte auch mich überraschen und etwas Neues über meine Objekte lernen", sagt der Designer. Die Überraschung ist ihm gelungen. Seine Objekte sind inszeniert, als wären sie kleine Bühnenbilder für surreale Stücke. Zu erzählen haben sie auch etwas. Auf verschiedenen Podesten sind sie angerichtet, spielen ihre Rolle, losgelöst von ihrem eigentlichen Zweck, dem des Gebrauchsgegenstandes. Es ist erstaunlich: Hebt man nur einen Sessel von seinem Podest, stellt ihn, wie für einen Sessel üblich, auf den Boden, irritiert dies das gesamte Bild. Es wirkt, als hätte ein Schauspieler seinen Text vergessen.

Seinen Entwürfen zur Seite, sozusagen als Statisten, stellt Dessi Gegenstände, die den aus Meran stammenden Gestalter in irgendeiner Form inspiriert haben und dennoch nicht unmittelbar mit den Protagonisten der Schau zu tun haben müssen. Wie kleine Satelliten kreisen sie um die eigentlichen Objekte aus Dessis Feder. Neben seinem massigen Luster Basket aus Messing und Glas hängt Dessi ein gewöhnliches Kühlergrillteil aus Kunststoff eines VW-Golf - eine Gegenüberstellung, die trotz des krassen Gegensatzes zwischen Pomp und billigem Massenstück ästhetische Zusammenhänge erkennen lässt.

Still Life

Im hinteren Teil der Schau sind auf einer dreistufigen, weißen Bühne zwei von Dessis stapelbaren Sesseln Prater aus Birkensperrholz zu sehen. Leicht versetzt liegt die geschwungene Rückenlehne eines schwarzen 209er-Thonet-Sessels. Ihm zu Füßen, über die Treppenkante gelegt, kommt ein rechtwinkliger Kantenschutz für Zurrgurten zum Einsatz. "Ist doch schön", sagt Dessi, dem bewusst ist, dass die meisten Besucher keinen Tau davon haben, wozu dieses schwarze Plastikteil überhaupt gut sein könnte. Es ist Dessis Begriff von Schönheit, der die Dramaturgie für diese Szenen entstehen ließ. Der Besucher kann dieser folgen, wenn er sich darauf einlässt. Die Podeste schaffen dabei Distanz. Nicht nur zwischen Objekt und Betrachter. Auch transferieren sie den Sinn der Gegenstände ein Stück weit fort.

Still Life nennt sich die Ausstellung in der MAK-Studiensammlung für Möbel. Das bedeutet für Dessi eine Betrachtungshaltung frei von Funktionalität. Dass dabei auch die Komposition eine Rolle spielt, ist auf den ersten Blick ersichtlich. "Ich wollte den Produktionsprozess völlig ausklammern und Leichtigkeit entstehen lassen." Auch das ist Dessi gelungen. Beachtlich ist es in diesem Zusammenhang, wie deutlich spürbar der Fokus dennoch bleibt, den der Entwerfer auf Materialien und Produktionstechniken legt. Ganz bewusst pfeift Dessi (Jg. 1976) also, wie sonst in Designausstellungen oft üblich, auf die Präsentation von Prozessen, von Modellen, Skizzen oder Prototypen, von Making-of. Er wählte einen sehr ungewöhnlichen und persönlichen Zugang für den Auftritt einer umfassenden Auswahl bisher realisierter Projekte und Prototypen. "Ich wollte, dass die Objekte eine Aura entstehen lassen. Sie sollen hier einfach eine andere Geschichte erzählen", erklärt der Designer, dem im Rahmen dieser Ausstellung die MAK-Kuratorin Marlies Wirth zur Seite stand. "Außerdem bin ich ein ganz schlechter Archivar", sagt Dessi.

Donald Ducks Sprechblasen

Eine Ausnahme in Sachen Zusammenspiel dürfte der kleine blasslila Verschluss einer gewöhnlichen Vöslauer-PET-Flasche sein, der auf einem Regalbrett inmitten seines noblen Glasservices Grip zum Liegen kommt. So als hätte man ihn beim Ausstellungsaufbau nach dem letzten Schluck aus der Flasche einfach dort liegen lassen. Dabei ist es genau dieser unscheinbare Drehverschluss mit seinen eingefrästen Rillen, der Dessi inmitten des Entwurfsprozess dazu inspirierte, auch die Rundungen in Bodennähe seiner Gläser auf diese Weise schleifen zu lassen. Schräg gegenüber hängt eine Maske von Donald Duck, und weiter hinten reflektieren die Spiegeldeckel seiner Schmuckschatullen Inlay elliptisch geformte Lichtflecken an die Wand. Dessi sieht sie als leere Sprechblasen von Donald, "ganz zufällig", wie er sagt. Die Maske soll für das Schelmische in der Schau stehen, das Dessi nicht ausklammern möchte. "Außerdem ist die Maske so wie der Plastikverschluss ein Massenobjekt", sagt der Gestalter, der vor seiner Ausbildung an der Wiener Universität für angewandte Kunst als Zahntechniker werkte. 2007 gründete er sein Studio in Wien, bald schon erlangte er internationale Aufmerksamkeit, während er unter anderem in den Diensten von J. & L. Lobmeyr, der Wiener Silbermanufactur, Augarten, Richard Lampert oder Skitsch stand. In einem RONDO-Interview sagte Dessi einmal: "Ich gehe an meine Objekte wie ein Schriftsteller, ich entwerfe einen Handlungsstrang und feile an meiner Formensprache und den Werkstoffen wie der Dichter an seinen Sätzen und Kapiteln. Ich weiß, wann es fertig ist, wann nichts mehr dazukommen darf, aber auch nicht wegkommen kann. Vorher gebe ich keine Ruhe." Dies gilt wohl auch für seine Arbeit als Ausstellungsmacher. (Michael Hausenblas, Rondo, DER STANDARD, 15.2.2013)

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Marco Dessi: "Still Life" ist Teil der Ausstellungsreihe "Angewandte Kunst. Heute", einer Kooperation zwischen Museum für angewandte Kunst und Universität für angewandte Kunst. Stubenring 5, Wien 1; bis 5. Mai 2013; www.mak.at; www.marcodessi.com 

 

  • "Eine andere Geschichte" will Marco Dessi mit den Objekten in der Ausstellung erzählen...
    foto: mak / katrin wißkirchen

    "Eine andere Geschichte" will Marco Dessi mit den Objekten in der Ausstellung erzählen...

  • ...und zwar völlig losgelöst von deren Produktionsprozess.
    foto: mak / katrin wißkirchen

    ...und zwar völlig losgelöst von deren Produktionsprozess.

  • Prater Chair, 2009
 
    foto: mak/richard lampert © tobias schlorhaufer

    Prater Chair, 2009

     

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