Beobachter der sozialen Physik

12. Februar 2013, 20:07
posten

Organisationsforscher Lukas Zenk will Kongresse und Tagungen effizienter machen

Für viele Menschen ist es schwierig, Fremde anzusprechen. Das gilt nicht nur, wenn man auf einer Party jemanden kennenlernen will, sondern auch auf beruflichen Veranstaltungen: bei Kongressen, Konferenzen, wissenschaftlichen Tagungen oder Branchenmessen. Die Besucher sprechen bevorzugt mit Kollegen, die sie ohnehin kennen oder mit deren Bekannten. Zufällige interessante Kontakte ergeben sich seltener.

"Wenn viele Menschen zusammenkommen, um miteinander zu sprechen, merkt man, dass das eigentlich nicht besonders gut klappt", sagt Lukas Zenk. Als Kommunikations- und Netzwerkforscher untersucht er, wie soziale Barrieren auf solchen Events überwunden und die Treffen effizienter ablaufen können. Im Zentrum seines von der Forschungsförderungsgesellschaft FFG geförderten Projekts Event Network Advancement (ENA), das er an der Donau-Universität Krems leitet, steht ein Webtool, das dafür sorgen soll, dass bei einem anstehenden Event genau die richtigen Leute miteinander in Kontakt kommen können.

So sollen etwa Forscher vor einer Fachtagung auf der gemeinsamen Plattform angeben, welche Interessen sie genau innerhalb ihres Fachgebiets haben. Das System macht dann nicht nur ein frühzeitiges Erkunden von gewinnbringenden Gesprächspartner möglich. Wie bei Onlinehändlern schlägt es auch nach dem Motto "Auch dieser Kollege könnte für Sie interessant sein" weitere Kontakte vor. Zudem sollen in dem Projekt auch grundlegende konzeptionelle Überlegungen angestellt werden: Wie kann die Raumgestaltung oder die technologische Unterstützung der Idee des Events gerecht werden?

"Für mich war es immer interessant, so etwas wie eine soziale Physik und Selbstorganisationen zu untersuchen", sagt der 32-Jährige. "Man wirft Elemente in den Raum und beobachtet, wie sie miteinander interagieren." Früher forschte er an Teams und Organisationen, seit einem Jahr läuft das ENA-Projekt. Auch in seiner Doktorarbeit im Bereich der Wirtschaftsinformatik beschäftigte er sich mit der sozialen Netzwerkanalyse. Bereits mit 24 Jahren - und noch bevor er sein Studium beendet hatte - war Zenk Lehrbeauftragter für soziale und psychologische Fächer an der TU Wien, wo er neben der Uni Wien auch einen Teil seines Studiums absolviert hat.

Im Rahmen eines Individuellen Diplomstudiums habe er sich ein "eigenes Studium entwickelt", das die soziologischen, psychologischen und technischen Aspekte, die er untergebracht haben wollte, "mit viel bürokratischem Aufwand" verwoben hat, blickt der Wiener zurück. Ein Studium der Organisationsforschung oder Netzwerkanalyse gab es nicht. An die Donau-Universität Krems kam er dann im Jahr 2006 - ohne zu wissen, dass es ein unbefristeter Vertrag sei, wie er sagt. Und: "Ich habe sicher auch Glück gehabt."

Als Mitglied der Improvisationstheater-Gruppe Quintessenz spiegelt sich Zenks wissenschaftliches Interesse auch im Privatleben. Hier gehe es ebenfalls darum, "wie zwei oder mehr Menschen interagieren können, und wie man gemeinsam etwas Neues entwickeln kann", sagt der Wissenschafter. Man könne erforschen, wie die Teilnehmer "radikal kooperieren" und als Team kreativ sein können. (Alois Pumhösel, DER STANDARD, 13.2.2013)

  • Lukas Zenk untersucht soziale Netzwerke.
    foto: privat

    Lukas Zenk untersucht soziale Netzwerke.

Share if you care.