Blüte, Blatt und Stängel auf Abruf

12. Februar 2013, 19:42
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Das Naturhistorische Museum Wien spielt eine tragende Rolle bei der weltweiten digitalen Erfassung von Herbarien - Immerhin zählt die botanische Sammlung des Museums mit ihren Millionen getrockneten Pflanzen zu den wichtigsten der Welt

Die drei Pflänzchen sind fast 172 Jahre alt. Ihre Stängel, Blätter und Blüten sind verdorrt, nur an manchen Stellen ist noch das Lila der Blütenlippen erkennbar. Der österreichische Botaniker Theodor Kotchy hat die Orchideen der Art Anacamptis laxiflora 1841 in Syrien zwischen Aleppo und Diarbekir gepflückt und sie anschließend getrocknet. Jetzt sind sie Bestandteil der Herbariensammlung am Naturhistorischen Museum in Wien.

Millionen solcher sogenannter Belege lagern in Tausenden von Institutionen rund um den Globus. Ein wissenschaftlicher Schatz. Sein Wert hängt gleichwohl auch von der Verfügbarkeit des Materials für Forschungszwecke ab. Und die ist nicht immer einfach gegeben. Auch der Erhalt der getrockneten Pflanzen gestaltet sich mitunter schwierig, vor allem in Entwicklungsländern. Um hier Abhilfe zu schaffen, wurde die internationale Global Plants Initiative ins Leben gerufen. Ihr Ziel: das digitale Erfassen möglichst vieler Herbarbelege mit speziellen Scannern und ihre Speicherung in geeigneten, per Internet abrufbaren Datenbänken.

Die US-amerikanische Mellon Foundation unterstützt das Projekt finanziell - auch in Wien. Für 2013 wird das Naturhistorische Museum (NHM) zu diesem Zweck 630.000 Euro von der Stiftung erhalten. Mit diesen Mitteln lassen sich in den kommenden Monaten etwa 5000 Herbariumsstücke erfassen. Die Finanzierung ist noch für weitere zwei Jahre gesichert, erklärt Ernst Vitek, Botaniker und zuständiger Abteilungsdirektor am NHM. Immerhin zählt die botanische Sammlung des Museums zu den zehn wichtigsten der Welt.

Erstmalig beschrieben

Sie umfasst circa 5,5 Millionen getrocknete Pflanzen aus verschiedensten Winkeln der Erde. Rund 200.000 davon sind sogenannte Typusbelege. Solche werden vom Entdecker einer Spezies gesammelt und dienen praktisch als Referenzexemplar für eine erstmalig wissenschaftlich beschriebene Art.

Allein schon die vollständige digitale Erfassung sämtlicher im NHM lagernder Typusbelege ist eine wahre Herkulesaufgabe. Seit 2005 wurden erst knapp 40.000 Stück aufgenommen und neu dokumentiert. Die Arbeit verläuft mitunter äußerst zäh, berichtet Vitek. Jedes Exemplar wird schließlich nicht nur gescannt und in der Datenbank registriert, sondern auch hinsichtlich seiner korrekten Zuschreibung überprüft. Handelt es sich tatsächlich um den besagten Typus? Dafür muss die Erstbeschreibung zurate gezogen werden. Wenn Letztere vorliegt, braucht ein Experte oft nur fünf Minuten, und der Abgleich ist fertig. Manchmal aber muss das erforderliche Schriftstück per Fernleihe aus einer anderen Bibliothek angefordert werden. Dann vergeht eine Woche oder gar mehr.

Ein weiteres Problem stellt die handschriftliche Etikettierung vieler Belege dar. So manche davon ist nur schwer zu entziffern. Sie wurden in Kurrent oder anderen, in Vergessenheit geratenen Schrifttypen verfasst. Die Botaniker vergangener Jahrhunderte waren zudem nicht immer Meister der Schönschrift - um es milde auszudrücken. Besonderes Kopfzerbrechen bereitet Vitek und seinem Team die Orchideensammlung von Heinrich Gustav Reichenbach. Dessen Etiketten sind kaum lesbar. Aus solchen Gründen braucht die Erfassung viel Zeit, sagt Vitek.

Digital und Original

Auch wenn ein Ende der Digitalisierungsarbeiten vorerst nicht abzusehen ist, herrscht kein akutes Risiko. Den getrockneten Pflanzen droht am NHM kein Zerfall, zumindest nicht in nächster Zeit. Bei korrekter Lagerung, erklärt Vitek, gibt es für ihre Haltbarkeit keine erkennbare Altersgrenze. "Unsere ältesten Belege sind aus dem Jahr 1492."

Die digitale Erfassung ist dennoch ein enormer Fortschritt für die Wissenschaft. Das NHM bekommt ungefähr 150 Typenanfragen pro Jahr. Sie kommen von Forschern von allerlei Nationalitäten, die systematische, morphologische oder auch ökologische Studien durchführen und dazu verschiedene, meist verwandte Pflanzenarten vergleichen.

Früher musste jeder bestellte Beleg per Post versendet werden. Heute jedoch reicht den Kollegen in 95 Prozent der Fälle ein digitales Exemplar, sagt Vitek. "Das spart eine Menge Zeit, Geld und auch Risiken." Wem die Online-Versionen nicht ausreichen, kann sich die Originalscans auf CD zusenden lassen. "Bei denen kann man sogar bis zu den größeren Haaren die Merkmale erkennen."

Doch sind Herbarien, ob digitalisiert oder auf Papier, in der Epoche der Molekularbiologie noch zeitgemäß? Sicher, meint Vitek. Die Molekulargenetik ermöglicht die Erfassung zusätzlicher, äußerlich nicht erkennbarer Artmerkmale. "Sie ist eine weitere Methode, um feiner zu arbeiten und auch die Abstammung besser zu erforschen." Für systematische Grundlagenforschung braucht es aber auch immer das Original - die Pflanze. (Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 13.2.2013)


Datenbank
Die von 14 der renommiertesten botanischen Forschungsinstitutionen der Welt genutzte Datenbank zur Erfassung und zum Abruf von digitalisierten Belegen wurde am NHM entwickelt. Sie ist abrufbar unter http://herbarium.univie.ac.at/database/search.php

  • Die botanische Sammlung des Naturhistorischen Museums Wien umfasst rund 5,5 Millionen getrocknete Pflanzen aus aller Welt. So wie diese Orchideenart aus Petropolis, Brasilien.
    foto: nhm

    Die botanische Sammlung des Naturhistorischen Museums Wien umfasst rund 5,5 Millionen getrocknete Pflanzen aus aller Welt. So wie diese Orchideenart aus Petropolis, Brasilien.

  • Artikelbild
    foto: botanische abteilung/nhm
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