Ein prophetischer Gestus

Kommentar der anderen | Kurt Appel, 12. Februar 2013, 19:14

Reformstau, Krise, Konflikte: Das in der medialen Öffentlichkeit vielfach gezeichnete Negativbild Benedikts XVI. blendet wesentliche Charakteristika seiner Amtszeit aus. Der radikale Machtverzicht des Papstes sollte manche Kritiker eines Besseren belehren

Blickt man auf die Amtszeit von Benedikt XVI. zurück, so verbinden viele Gläubige und auch Beobachter dieses Pontifikat mit einem prolongierten Reformstau in der katholischen Kirche, mit fortdauernden Krisen und Konflikten (Vatileaks, Missbrauchsfälle, Annäherung an die Piusbruderschaft) und einem sich fortsetzenden Niedergang des Katholizismus - zumindest in Europa.

Die anderen Seiten dieses Pontifikats wurden im deutschsprachigen Raum wenig gewürdigt. Joseph Ratzinger war der erste Papst, der zum Treffen der Weltreligionen auch eine Agnostikerin, nämlich die Philosophin und Lacan-Schülerin Julia Kristeva, eingeladen hat. Mit diesem Gestus wurde von ihm zum Ausdruck gebracht, dass die Zukunft der Menschheit nur in einer Zusammenarbeit von Religion und Humanismus bestehen kann, aber auch dass viele althergebrachte Abgrenzungen fragwürdig geworden sind. In seiner wohl wichtigsten Enzyklika "Spes salvi" thematisierte er die heute in Politik und Wissenschaft weitgehend verdrängte Frage, welche Hoffnungen und Utopien für den Menschen im beginnenden 21. Jahrhundert möglich und notwendig sind. Dabei setzte er sich mit Autoren wie Adorno auseinander, die in der steril gewordenen Philosophie (und Theologie) wieder zu entdecken wären.

Das vielleicht wichtigste Anliegen des Papstes war aber die Suche nach einer neuen Form des Geistigen in einer nicht nur von ihm als sinnentleert empfundenen Welt. Benedikt XVI. verband diese Suche mit der Perspektive einer "Resakralisierung" der Welt. Gemeint war damit eine Sichtweise des Lebens und des Menschlichen, in der dieses jenseits aller Verfügbarkeit über sich hinausweist oder, um hier ein Wort aus Jacques Derridas Religionsschrift zu zitieren, welche auf ein Leben blickt, das "sakral, heilig, unendlich achtungswürdig einzig im Namen dessen ist, was in ihm mehr wert ist als es selbst und sich nicht auf die Natürlichkeit des Biozoologischen beschränkt".

Ratzinger ist der tiefen Überzeugung, dass die unhintergehbare Verantwortung als Mensch, Staatsbürger und Christ eine respektvolle Antwort auf die Würde und Aura des Lebens beinhaltet und dass bei Verlust oder Vernichtung dieser transzendenten Aura an deren Stelle das "Nichts", das heißt die Sinnlosigkeit tritt, die Benedikt XVI. als Symptom der europäischen Gesellschaft ansieht.

Ebenso war der scheidende Papst sich dessen bewusst, dass die Religionen und die Kirchen dazu neigen, die sakrale Dimension des Lebens unter ihre Kontrolle bringen zu wollen, um damit eigene Machtansprüche abzusichern. Mit anderen Worten: Benedikt XVI. sah durchaus die sich im Lichte des Evangeliums noch einmal verschärfende Problematik der Verbindung von Sakralität und Macht, wie etwa sein missverstandener Appell für eine Entweltlichung der Kirche zeigt.

Damit allerdings eine Trennung dieser beiden Bereiche glaubhaft zum Ausdruck gebracht werden kann, bedürfte die katholische Kirche einer tiefgreifenden Reform, die insbesondere den Verzicht vieler liebgewordener Machtsymbole einschließt. Für eine solche grundlegende Reform fehlte Benedikt XVI. in seiner Amtszeit allerdings die Kraft.

Umso bemerkenswerter ist sein letzter Akt als Oberhaupt der katholischen Kirche: Benedikt XVI. hat radikal auf Macht verzichtet, indem er zurückgetreten ist im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Und mehr noch macht er damit deutlich, dass auch hinter dem Papst mit seiner Machtfülle zunächst ein Bischof, ein Christ, ein Mensch steht, in aller Verletzlichkeit und Schwäche, aus welcher die Würde des Lebens erwächst. Der Nachfolger von Benedikt XVI., für dessen Auswahl die Kardinäle jetzt mehr Zeit als sonst haben (was Außenseiter begünstigen könnte), wird daran zu messen sein, ob und wie er den vielleicht wichtigsten prophetischen Gestus von Papst Benedikt in der Kirche wirksam werden lässt. (Kurt Appel, DER STANDARD, 13.2.2013)

Kurt Appel (44) ist Professor für Fundamentaltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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15 Postings

"...und sich nicht auf die Natürlichkeit des Biozoologischen beschränkt".
Was für ein beschränkter Fundamentalismus. Erstens ist das "Biozoologische" komplex genug um per se Respekt zu verdienen, zweitens gibts da drüber einen kulturellen Überbau, der auch per se Respekt verdient, und drittens ist das, was uns die Kirchen als "über den Menschen hinausweisend" verkaufen, nichts anderes als frühere (magisch-mythische) Bewusstseinsinhalte und Kulturstufen. Die zu erleben bedarfs nicht zwingend einer Religion, da genügt eine Bergbesteigung oder beispielsweise Reisen, die uns fernstehende Kulturen "von innen" erfahren lassen.

Jetzt ist also schon weglaufen bevor die Kacke richtig am Dampfen ist...

...eine Leistung? Die Kirche muss ganz schön verzweifelt sein.

das seh ich völlig anders. aber gut, soll sein.

amen

das leben als solches ist sinnlos - jeder mensch muss den sinn für sich selbst finden - ohne irgendwelche "göttliche" wesen

so ein riesen theater wegen einem märchenbuch

danke für die lesenswerten gedanken

die betonung des sacralen in der welt kann schon helfen. ehrfurcht vor dem leben, der schöpfung und dem geschaffenen bewirkt eine andere als die derzeit übliche haltung: zum mitmenschen (respektvoll und wertschätzend vor konkurrierend und neidisch), zur natur, zur technik (nicht alles machbare auch machen, von nukleartechnik bis medizin)
das wäre der prophetische beitrag den der papst hätte leisten können, wenn er seinen absolutsheitsanspruch nach außen und die unbarmherzigkeit seiner kurie auch überwunden hätte.
so sinds halt doch leere (und belehrende) worte geblieben ...

dazu brauche ich weder

das fantasiewesen im himmel, noch den in stein gegossenen grössenwahn in rom....

das Dumme bzw. ernsthaft verstörende ist nur, dass uns die Natur keinen Respekt vor dem Leben vorlebt. Von der Schöpfung her kann keine Geistigkeit und kein besonderer Wert, dem ein (unser) Leben zukommen würde, abgelesen werden. In der Natur zählt das Individuum gar nichts, nur Energie-Gleichgewichte etc.

weil die geistlose natur tsunamis macht und vulkane speit, darf ich das leben - da wertlos - zertrampeln und vergiften?

auch ohne religiöse überhöhung:
vielleicht hat unsereins doch mehr IQ als ein Hochwasser
udn auch mehr "Herz"

vielleicht hat unsereins doch mehr IQ als ein Hochwasser

und? irgendwann einmal ist alles vorbei ...

ja, soll er halt meinen, daß

"bei Verlust oder Vernichtung dieser transzendenten Aura an deren Stelle das "Nichts", das heißt die Sinnlosigkeit tritt", vielleicht muß er das sogar meinen

aber wen juckts?

was soll das konkret bewirken?

die menschheit oder auch nur die kirche voranbringen, irgendwelche probleme lösen wird, ja kann derartige cerebralmasturbation im elfenbeinturm nicht

Differenzierte Betrachtung mit Engagement

Vielen Dank für die differenzierte Betrachtung des Pontifikats und der Handlungsweise des Papstes durch Kurt Appel. Ich hoffe (noch immer und trotzdem), dass die Kirchenleitung die Zeichen der Zeit erkennt und die "Schrift an der Wand" liest, um entsprechend zukunftsorientiert zu handeln.

"Dabei setzte er sich mit Autoren wie Adorno auseinander, die in der steril gewordenen Philosophie (und Theologie) wieder zu entdecken wären."

Vielleicht,
ja vielleicht erleben wir ja auch noch einen respektvollen, ernsthaften und lebendig vertieften Dialog mit dem, was in Österreich als "Atheistische Religionsgesellschaft" langsam Gestalt gewinnt. :)

Das wird dann ein wahrhaft dialogischer Gestus sein (müssen).

Hallo Rotstrichler,
vielleicht habt ihr ja Recht und wir erleben sowas doch nicht, ihr kennt Benedikt XVI. möglicherweise besser... ;-)

Das nicht

aber wir kennen die "Atheistische Religionsgemeinschaft". Das allein reicht für einen Rotstrich.

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