Peking muss den Hebel ansetzen

Kommentar12. Februar 2013, 18:57
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Nordkoreas Politik ist ein erster harter Test für die sinoamerikanischen Beziehungen

Die Aktionen des Kim-Regimes in Nordkorea seien völlig unvorhersehbar, ja manchmal sogar ausgesprochen verrückt - das ist der Tenor, der durch viele Einschätzungen klingt, wenn Pjöngjang politisch wieder einmal auf die große Pauke haut. Wer ein wenig an dieser quasi orthodoxen Interpretation kratzt, der wird feststellen, dass es durchaus so etwas wie ein nachvollziehbares, beinahe zwingendes Muster im Konflikt der Nordkoreaner mit der internationalen Gemeinschaft gibt: Seit 2006 wechselten sich Raketentests und Nuklearexplosionen dreimal relativ kurz aufeinander getaktet ab. Das war 2009 so und auch diesmal zum Jahreswechsel 2012/13 - Unvorhersehbarkeit, die sieht anders aus.

In diesem Muster gibt es auch einen Fortschritt zu beobachten: Die Explosionen werden zum einen immer heftiger. Das ist ein schlechtes Zeichen, auch wenn bei der jüngsten der Nachweis noch ausstand, ob es sich um eine durch Plutonium oder bereits durch hochangereichertes Uran verursachte Detonation gehandelt hat. Die Raketen, zum anderen, werden immer effizienter. Zuletzt schossen die Nordkoreaner eine dreistufige ballistische Rakete beinahe vorbildhaft in den Orbit. Unklar war zuletzt nur noch, ob es sich bei der Bombe tatsächlich um einen kleinen, auf eine Rakete ladbaren Sprengkopf gehandelt hat oder nicht.

Damit setzt Pjöngjang seine Politik der Erpressung durch seine "Militär zuerst"-Strategie auch unter neuer Führung ganz klar fort. Können Kim Jong-un und seine Berater damit auch keine hegemoniale Macht in der Region erreichen, wie es etwa der Iran im Nahen Osten mit seinem Atomprogramm anstreben könnte, so macht sich der kommunistische Staat damit doch zu einem nicht übergehbaren Faktor in Fernost.

Was immer aber in den maßgeblichen Köpfen in Nordkorea vorgeht: Drängender als die Frage nach deren Motiven ist nach dem neuen Atomtest die Frage, wie die internationale Gemeinschaft denn nun mit den Bombern von Pjöngjang umgehen soll. Denn die Gespräche im Sechserformat, die Politik von Zuckerbrot und Peitsche und auch eine zunehmende Einigkeit der Verhandler haben bisher nicht nur nichts bewirkt, sie haben Nordkoreas Ambitionen im Gegenteil noch angestachelt. So sehr, dass sich nun auch die bisherige Schutzmacht China ausgesprochen deutlich von den Genossen über dem 38. Breitengrad absetzt.

Wollen die Gegner Nordkoreas etwas erreichen, müssen sie ihren Hebel nun auch in Peking ansetzen. Denn wenn die Chinesen ihre Geduld verlieren und sich zu einer Strafaktion gegen den allzu übermütig gewordenen Diktatoren-Lehrling in Pjöngjang aufschwingen, kann es wirklich unangenehm werden für die nordkoreanische Führung. Ob diese sich etwa von erschwerten Handelsbedingungen oder dem Unterbinden des kleinen Grenzverkehrs tatsächlich einschüchtern lassen wird, muss man erst sehen. Aber einen Versuch ist es allemal wert, weil andere Optionen kaum noch zur Verfügung stehen.

Dieser Fall wird übrigens auch zu einem ersten Test dafür werden, wie tragfähig die amerikanisch-chinesischen Beziehungen tatsächlich sind. Denn ein größeres gemeinsames Interesse als Ruhe auf der koreanischen Halbinsel haben Präsident Barack Obama, zu dessen "State of the Union" -Rede die Detonation pünktlich arrangiert war, und der kommende chinesische Staatschef Xi Jinping kaum. (Christoph Prantner, DER STANDARD, 13.2.2013)

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