Als ein Papst noch über Liberalismus debattierte

Der am Montag verstorbene Philosoph Michalski organisierte Ost-West-Begegnungen

Warschau/Rom/Wien – Bei einem der Mittagessen im Rahmen der Tagungen des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Castel Gandolfo Anfang der 1990er-Jahre antwortete der damalige Papst Johannes Paul II. auf eine Frage des Standard nach der aktuellen Bedeutung des Liberalismus lapidar: "Schwer zu sagen. In Italien sind mittlerweile fast alle nennenswerten liberalen Politiker eingesperrt." Es war die Zeit des großen Aufräumens durch die Staatsanwälte und die Zeit des Zusammenbruchs der alten Parteienordnung.

Der am Montag wenige Stunden vor der Bekanntgabe des Amtsverzichts des deutschen Papstes verstorbene polnische Philosoph und IWM-Direktor Krzysztof Michalski hatte dessen Vorgänger Ende der 1980er-Jahre überredet, in der päpstlichen Sommerresidenz Gespräche zur Ost-West-Verständigung stattfinden zu lassen. Der Liberalismus war eines der Themen, geschuldet auch dem IWM-Mitinitiator Ralf Dahrendorf.

Der Papst hörte jeweils die drei Tage von früh bis spät geduldig zu, mischte sich in die oft heftigen Diskussionen nicht ein, machte aber dann bei den Mittagessen schon seine Anmerkungen. Wie zum Beispiel die, dass man "Liberalismus als Weltanschauung ernst nehmen muss, obwohl er meist gegen den Glauben gerichtet ist". Liberalismus als Beliebigkeit sei überhaupt absurd.

Generaltitel der auch in Buchform erschienenen Castel-Gandolfo-Gespräche war Identität im Wandel. Betrieben wurden sie von inzwischen verstorbenen Geistesgrößen wie Paul Ricœur, Reinhart Koselleck, Dahrendorf sowie dem immer noch in Wien (auch bei "Europa im Gespräch" im Burgtheater) diskutierenden kanadischen Philosophen Charles Taylor. Der vor einigen Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommene polnische Philosoph und Ex-Außenminister Bronislaw Geremek markierte die Bedeutung dieser Debatten des IWM durchaus historisch als eine "Abkehr von der karolingischen Mentalität" (einer erobernden, aggressiven) hin zu einer "ottonischen Vorstellung", dominiert von einer Reintegration Zentraleuropas.

Im Pontifikat von Benedikt XVI. verloren sich solche Initiativen. Dessen theologisch ebenfalls konservativer Vorgänger war politisch auf Veränderung aus. (Gerfried Sperl / DER STANDARD, 13.2.2013)

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Das Institut ist/war sicherlich eine Bereicherung - für das Engagement allerdings kann frau/man in erster Linie den sehr engagierten IWM-MitarbeiterInnen danken!

ich war früher einige male bei seinen veranstaltungen - sein engagement und sein institut waren eine bereicherung für's politische und philosophische leben.

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