"Wir haben genug Probleme auf diesem Planeten"

12. Februar 2013, 18:44
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Der Grazer Planetenforscher Helmut Lammer glaubt an die Existenz außerirdischen Lebens, ist sich aber nicht sicher, ob es gut ist, wenn uns Aliens entdecken - Den Grund dafür und seinen Favoriten unter den erdähnlichen Planeten verriet er Robert Czepel

STANDARD: Sind wir ganz allein im Kosmos?

Lammer: Ich glaube nicht. Angesichts der enormen Zahl von Sternen und Galaxien im Universum ist die Entstehung von Leben sehr wahrscheinlich. Wenn Leben bei uns entstehen konnte, warum sollte es nicht auch woanders klappen?

STANDARD: Ab wann ist ein Planet "erdähnlich"?

Lammer: Wenn er eine feste Oberfläche besitzt und wenn die dort herrschenden Temperaturen die Existenz von flüssigem Wasser ermöglichen.

STANDARD: Welcher ist der erdähnlichste Planet unter den bislang bekannten 862 Exoplaneten?

Lammer: Eine zweite Erde hat man noch nicht gefunden. Mein Favorit ist momentan Kepler 22b: Von diesem Planeten kennt man bislang nur den Radius. Und er befindet sich in der sogenannten habitablen Zone.

STANDARD: Das heißt?

Lammer: Die habitable Zone ist jener Bereich um einen Stern, in dem Wasser an der Planetenoberfläche flüssig bleibt. Bei einem Stern der Größe unserer Sonne sind das etwa 150 Millionen Kilometer. Wäre die Erde so nah an der Sonne wie die Venus, würden die Ozeane verdampfen. Wäre die Erde etwas weiter weg als der Mars, würden sie gefrieren.

STANDARD: Laut einer Studie im "Astrophysical Journal" könnte es in unserer Galaxis 4,5 Milliarden erdähnliche Planeten geben.

Lammer: Das Problem dabei ist, dass sich diese Studie auf Planeten bezieht, die um relativ kleine Sterne kreisen. Die habitable Zone ist hier so nah am Stern, dass die Planeten vermutlich gravitationsgebunden rotieren würden - so wie der Mond um die Erde. Es gäbe eine Tag- und eine Nachtseite und ein erhebliches Ausmaß an Röntgen- und UV-Strahlung. Sie wären entfernt erdähnlich. Leben könnte auf solchen Planeten aber durchaus entstehen.

STANDARD: Sie haben kürzlich nachgewiesen, dass viele Supererden eigentlich Mini-Neptune sind.

Lammer: Das hat mit der Evolution der Erdatmosphäre zu tun. Zunächst hatte unser Planet eine Protoatmosphäre aus Wasserstoff, die er durch die Sonnenaktivität verlor. Später bildete sich durch Vulkanismus und Kometeneinschläge eine komplexere Atmosphäre, was wiederum eine wichtige Voraussetzung für Leben war. Sogenannte Supererden sind größer als unsere Erde und besitzen in der Regel ebenfalls eine Wasserstoffatmosphäre. Wie unsere Modelle zeigen, bleiben sie in diesem Stadium jedoch stecken, so wie es beim Neptun der Fall war. Sie werden ihre Wasserstoffhülle in den nächsten Milliarden Jahren nicht verlieren.

STANDARD: Könnte Leben nicht auch ganz anders aussehen?

Lammer: Ja, nur wenn ich nicht weiß, wie - wonach soll ich dann suchen? Es ist kein Zufall, dass wir aus Wasser und Kohlenstoff bestehen. Das sind sehr häufige Substanzen im Kosmos. Silizium könnte den Kohlenstoff ersetzen, es ist aber sehr selten. Auch in diesem Fall würden gewisse Temperaturlimits und andere physikalische Einschränkungen gelten. Wäre das nicht der Fall, könnte ich fragen: Wo sind die Kaninchen, die auf dem Mars herumspringen? Es gibt sie nicht. Auch auf dem Uranus wird es unter 10.000 bar Druck keine Lebewesen geben.

STANDARD: Wie könnte man Leben auf weit entfernten Planeten nachweisen?

Lammer: Direkt ist das nicht möglich, aber man kann durch Spektroskopie herausfinden, welche Gase in der Atmosphäre vorhanden sind. Ozon, Wasserdampf und Methan wären ein sehr guter Hinweis auf Leben, sofern sich der Planet in der habitablen Zone befindet. Würden Außerirdische die Erde und unsere Nachbarplaneten mit den gleichen Methoden untersuchen, dann würden sie diese drei Gase bei uns sehen. Bei der Venus und beim Mars könnten sie nur CO2 nachweisen.

STANDARD: Angenommen, diese drei Gase werden bei einem Planeten nachgewiesen ...

Lammer: ... dann wird vermutlich sofort ein Glaubenskampf unter Wissenschaftern ausbrechen. Die einen werden sagen: Hier gibt es Leben! Die anderen werden es verneinen. Hier spielen auch psychologische und weltanschauliche Momente eine Rolle.

STANDARD: Der Kunsthistoriker Ernst Gombrich kritisierte, dass die Pfeile, die Teil der Botschaften der Voyager-Sonden sind, als Hinweiszeichen nur dann verständlich sind, wenn man den Pfeil historisch auch als Waffe kennt.

Lammer: Da hatte er vermutlich recht. Stephen Hawking hat einmal gewarnt, dass Außerirdische, so sie uns entdecken, potenziell gefährlich werden könnten. Da ist was dran. Wenn Sie das historisch weiterspinnen: Jede fremde Kultur, die von den Europäern entdeckt wurde, drohte danach unterzugehen. Vielleicht wäre es besser, wenn uns niemand findet. Wir haben ohnehin schon genug Probleme auf diesem Planeten.

STANDARD: Ende letzten Jahres wurde verlautbart, dass der Mars-Rover Curiosity organische Moleküle gefunden habe. Was bedeutet dieser Fund?

Lammer: Ein Beweis für Leben oder ehemaliges Leben auf dem Mars ist das sicher nicht. Bei solchen Meldungen muss man vorsichtig sein. Das ganze Projekt steht unter enormem Erfolgsdruck. Dennoch bin ich überzeugt, dass Curiosity noch interessante Ergebnisse liefern wird. Und wer weiß: vielleicht auch den Beweis für Leben. Sollte sich herausstellen, dass der Mars steril ist, würden wir auch daraus etwas lernen. Das würde nämlich zeigen, dass die Phase, in der es flüssiges Wasser auf dem Mars gab, für die Lebensentstehung zu kurz war.

(Robert Czepel, DER STANDARD, 13.2.2013)


Helmut Lammer studierte Astronomie und Geophysik an der Universität Graz, er arbeitet seit Anfang der 1990er- Jahre am Institut für Weltraumforschung (IWF) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) auf dem Gebiet der Evolution von Planetenatmosphären. Er ist an den Weltraummissionen Mars Express, einem Teilchenexperiment an der ersten europäischen Raumsonde Venus Express sowie an der Merkurmission BepiColombo und der Exoplanetenmission Corot beteiligt.

Wissen: Auf der Suche nach einer zweiten Erde

Der Nachweis von Exoplaneten erfolgt in der Mehrzahl indirekt: einerseits durch die Verdunkelung, die der Planet auslöst, sofern er die leuchtende Scheibe der dazugehörigen Sonne passiert ("Transitmethode"), andererseits durch seine Gravitationswirkung: Sie verändert die Abstrahlung der Sonne geringfügig ("Dopplermethode"). Die Effekte sind subtil - mithin der Grund, warum die Planetenforschung in den letzten Jahren einen solchen Aufschwung genommen hat. Erst moderne Weltraumteleskope wie Kepler sind in der Lage, tausende Planeten mit der notwendigen Empfindlichkeit gleichzeitig zu beobachten.

Dass die Suche nach extrasolaren Planeten einen Boom erlebt, lässt sich an Zahlen festmachen. Die ersten Planeten außerhalb unseres Sonnensystems wurden zu Beginn der 1990er-Jahre entdeckt, es folgten sporadische Neuzugänge im Katalog der Exoplaneten. Mittlerweile hat sich das Forschungstempo rasant erhöht: 862 Exoplaneten kennt man mittlerweile - und es werden wöchentlich mehr. Wer auf dem aktuellen Stand der Forschung bleiben möchte, konsultiere die "Extrasolar Planets Encyclopaedia" unter http://exoplanet.eu/, wo sämtliche Funde inklusive physikalischen Steckbriefs abrufbar sind. (cz)

  • Das Planetensystem KOI-961 im 130 Lichtjahre entfernten Sternbild Schwan enthält die drei kleinsten bislang bekannten Exoplaneten.
    foto: nasa/jpl-caltech

    Das Planetensystem KOI-961 im 130 Lichtjahre entfernten Sternbild Schwan enthält die drei kleinsten bislang bekannten Exoplaneten.

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