Niedermoser: "Ab 2014 wird es andere Ausbildungsstrukturen geben - ohne Turnus für Fachärzte"

Interview12. Februar 2013, 18:02
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Peter Niedermoser, Ärztekammerchef in Oberösterreich, hält den Kampf um eine Medizin-Fakultät in Linz für fast gewonnen. Mehr Ausbildungsstätten könnten dem Ärztemangel vorgreifen

STANDARD: Österreich hat europaweit die höchste Ärztedichte, dennoch sprechen Sie von einem Ärztemangel?

Niedermoser: In Oberösterreich mangelt es derzeit vor allem an Turnusärzten. Dadurch werden uns im Jahr 2020 zwischen 180 und 200 Fachärzte fehlen. In Deutschland fehlen derzeit schon so viele Ärzte wie Österreich insgesamt hat. Nicht nur wir, sondern ganz Europa steuert auf einen massiven Ärztemangel zu. Wenn nichts getan wird, können wir die medizinische Versorgung unmöglich in dieser Qualität aufrechterhalten.

STANDARD: Welche Maßnahmen müssen getroffen werden, um das zu verhindern?

Niedermoser: Oberösterreich setzt hier derzeit ein Zeichen durch den Kampf um eine Medizin-Universität in Linz. Denn der erste Punkt ist, dass die Ausbildungskapazitäten dringend angehoben werden müssen. Zweitens verwenden heimische Ärzte fast vierzig Prozent ihrer Arbeitszeit für bürokratische Tätigkeiten - Schreibarbeit, Blutabnehmen und ähnliche Aufgaben müssen andere Berufsgruppen übernehmen. Drittens müssen Arbeitszeiten und Bezahlung auf den europäischen Standard angehoben werden, damit die Jungärzte nicht mehr abwandern.

STANDARD: Das tun Universitätsabgänger auch deshalb, weil sie im Ausland früher Facharztstellen bekommen.

Niedermoser: Und eben die genannten besseren Bedingungen vorfinden. Ich war nun lange in Verhandlungen mit dem Gesundheitsministerium, damit der Facharztausbildung nicht mehr verpflichtend die Ausbildung zum Allgemeinmediziner vorangehen muss. Denn das tut sie derzeit nur, weil Krankenanstalten und Träger es als günstiger erachten. Nun konnten wir eine Einigung erzielen. Es steht fest: Ab 2014 wird es andere Ausbildungsstrukturen geben - die allgemeinmedizinische Ausbildung wird für Fachärzte nicht mehr nötig sein, es wird quasi die Turnuszeit für sie abgeschafft. Das erspart ihnen zwei bis drei Jahre an Ausbildungszeit.

STANDARD: Für zukünftige Allgemeinmediziner bleibt alles gleich?

Niedermoser: Auch hier haben wir ein Konzept, doch Bund und Länder stellen sich derzeit noch quer. Allgemeinmediziner müssen in der Praxis ausgebildet werden und dabei alle gleich entlohnt werden. Das würde jährlich rund elf Millionen Euro kosten - und dafür fehlt angeblich das Geld.

STANDARD: Ein weiteres Problem ist der Ärztemangel in ländlichen Regionen - sie sind nicht attraktiv.

Niedermoser: Auch hier müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Denn es wurden in den vergangenen Jahren einige Gesetze erlassen, die ländliche Standorte statt interessanter, noch unattraktiver gemacht haben - zum Beispiel das Verbot von Hausapotheken. Sicher ist, viele junge Menschen bleiben in der Region, in der sie studiert haben.

STANDARD: Sie spielen auf die erhoffte Medizin-Fakultät in Linz an. Wie stehen die Chancen dafür?

Niedermoser: So gut wie derzeit hat es noch nie ausgesehen. Ich sehe Licht am Ende des Tunnels. (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 13.2.2013)

Peter Niedermoser (51) ist seit 2005 Präsident der Oberösterreichischen Ärztekammer und Facharzt für Pathologie in Linz. Er ist Vorsitzender des Bildungsausschusses der Österreichischen Ärztekammer und arbeitet in Gremien und Arbeitskreisen des Gesundheitsministeriums.

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    Oberösterreichs Ärztekammer-Chef Peter Niedermoser rechnet mit neuen Ausbildungsstrukturen für Fachärzte.

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