In Polen herrscht Unverständnis

Zitat Wojtylas: "Vom Kreuz steigt man nicht herunter"

Polens Katholiken können es kaum glauben: "Der Papst dankt ab. War um?", fragt der Internet-Nachrichtenservice Onet.pl. Allein Altersmüdigkeit oder Krankheit könnten nicht die wahren Gründe für die Entscheidung Benedikts XVI. sein. Denn Papst Johannes Paul II. sei ein enger Freund des heutigen Pontifex maximus gewesen und habe sicher Vorbildfunktion gehabt. Das Leiden gehöre zum Älterwerden. Der Verfall der Geistes- und Körperkräfte sei gottgewollt und daher vom Menschen zu akzeptieren.

Noch deutlicher wurde der Krakauer Erzbischof und langjährige Sekretär von Johannes Paul II., Kardinal Stanislaw Dziwisz. Johannes Paul II. habe das Papstamt trotz schwerer Krankheit bis zu seinem Tod ausgefüllt und gesagt, "vom Kreuz steigt man nicht her unter", zitierten polnische Medien Dziwisz. Über diese Frage habe sich der Wojtyla-Papst auch mit dem damaligen Kurienpräfekten Joseph Ratzinger beraten.

Anders sieht dies Adam Bo niecki, Chefredakteur der liberalkatholischen Wochenzeitschrift Ty godnik Powszechny in Krakau. "Ich denke, er wollte keine Wiederholung der dramatischen letzten Monate des Pontifikats von Johannes Paul II.", sagte er auf der Website der Zeitschrift. "Man muss Benedikt dankbar sein, dass er gezeigt hat, wie sich das Problem von Amt, Alter und Schwäche in großem Glauben lösen lässt."

Priester Kazimierz Sowa, Chef des katholischen Fernsehsenders Religia TV in Warschau, ist hingegen fassungslos. "Wir wissen be reits, dass er sich ins Kloster der Karmeliterinnen zurückziehen will, er also die Isolation von der Außenwelt sucht." Die Wahl des Klosters als Alterswohnsitz sei noch paradoxer, wenn man sich vergegenwärtige, dass Benedikt XVI. einer der herausragenden Intellektuellen der katholischen Kirche sei. "Aber jetzt wird er nicht als großer Papst und Denker in die Geschichte eingehen, sondern als derjenige, der abgedankt hat." Allerdings stelle sich nun erneut die Frage, ob das katholische Oberhaupt tatsächlich "auf Lebenszeit" gewählt werden sollte.

Von Klagen gehört

Der Sekretär der polnischen  Bischofskonferenz, Bischof Wojciech Polak, bekannte, er habe natürlich wie viele andere auch immer wieder gehört, dass der Papst über schwindende Kräfte klagte und daran zweifelte, das Amt noch gut ausfüllen zu können. Dennoch sei er nun über Benedikts Schritt erstaunt.

Polens Buchmacher nehmen bereits Wetten auf das Herkunftsland des künftigen Papstes an. Ganz schlecht im Kurs stehen die Kandidaten aus Europa. Hätten die Wettspieler im Konklave in Rom das Wort, würde wohl zum ersten Mal in der Geschichte der katholischen Kirche ein Afrikaner das Rennen machen: Kardinal Peter Turkson aus Ghana. (Gabriele Lesser aus Warschau/DER STANDARD, 13.2.2013)

Share if you care