Spanische StudentInnen in der Krise

Leserkommentar18. Februar 2013, 13:28
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Eine Auslandslektorin des ÖAD in Spanien über die Situation ihrer StudentInnen

Spanien befindet sich in einer historischen Krise. Da hilft auch der Hoffnungsschimmer des neuen 960-Milliarden-Euro-Pakets der EU bis 2020 nicht viel. Als einen Tropfen auf den heißen Stein sehen die Medien hier in Spanien und Katalonien die versprochenen sechs Milliarden Euro zur Bekämpfung der hohen Jugendarbeitslosigkeit, die bei den 15- bis 25-Jährigen bei mehr als 50 Prozent liegt - und laut neuesten Erhebungen mit steigender Tendenz, wie auch die Arbeitslosigkeit der Gesamtbevölkerung 2013 noch bis auf über 27 Prozent steigen soll. Der Ruf nach Unabhängigkeit wird täglich lauter, und wie in Schottland spricht man von einem Referendum 2014, das derzeit gegen den Willen von Ministerpräsident Mariano Rajoy von der amtierenden katalanischen Regierung ausgearbeitet wird.

Angespannte Stimmung

Unter diesen Umständen sind nun meine Studierenden mit einer Realität konfrontiert, die sich ihre Eltern nie hätten ausmalen können. Als erste Generation seit dem Ende des Franco-Regimes und dem Beginn der Demokratie verspricht die Zukunft keine wirtschaftliche und soziale Stabilisierung und Verbesserung zur Vorgängergeneration, sondern vielmehr ein zunehmendes Spannungsverhältnis zwischen Erwartung, Hoffnung, Rebellion und Resignation.

Keine Möglichkeit für ein Auslandssemester

Die Mittel für das Studentenaustauschprogramm Erasmus erhöhen sich um 31 Prozent. Damit soll die Mobilität der zukünftigen Elite gefördert werden. Das Problem hier in Spanien ist, dass unter den Studierenden trotz Förderung kaum jemand an ein Auslandssemester denken kann, denn der Beitrag der EU ersetzt die Studienbeitragserhöhungen nicht und auch nicht die Kürzung von Auslandsstipendien für Mobilitätsprogramme durch die spanische Regierung. Barcelona gilt als eines der beliebtesten Erasmus-Ziele für Studierende aller Mitgliedsstaaten, allerdings stellen Studierende aus Katalonien kaum Erasmus-Studenten im Ausland, nicht alleine, weil Barcelona so schön ist und jeder gerne zu Hause bleibt, sondern weil nicht genügend Geld vorhanden ist.

Bereits ein Grau-Studium ("Bachelor") wird oftmals nur durch Nebenjobs finanziert, obwohl mehr als 67 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 29 noch bei ihren Eltern wohnen. Damit liegt diese Quote doppelt so hoch wie in den skandinavischen Ländern, wo auch noch das Studieren gratis ist oder nur Verwaltungskosten übernommen werden müssen, etwa in Dänemark, Finnland, Schweden und Norwegen. Aber die wirtschaftliche Krise nimmt keine Rücksicht und beeinflusst das tägliche Familienleben.

Familie muss finanziell aushelfen

Kredite für Wohnungen und Pleiten müssen von den Eltern zurückgezahlt werden, arbeitslose Familienmitglieder miternährt, Ältere und neuer Familienzuwachs gepflegt und betreut werden. Während etwa 32 Prozent der Deutschen davon ausgehen, dass die Familie bei Aufgaben wie Kinderbetreuung mithelfen muss, gehen in Spanien 56 Prozent davon aus. Von denjenigen, die nicht im Elternhaus wohnen, leben nur 31 Prozent weiter als fünf Kilometer von ihren Eltern entfernt, um Kosten zu sparen. Da ist der Gedanke an ein Auslandssemester schon fast illusionär.

"Becas", also Stipendien, werden fast im Monatsrhythmus gekürzt (in Katalonien erhalten derzeit nur noch 18 Prozent ein Stipendium), wie auch die Gehälter im öffentlichen Dienst in den unteren Kategorien, also vermehrt bei Nichtbeamten, und dadurch schrumpft der Bürokratieapparat auch kaum, und das "dolce far niente" der Beamten zieht sich fort. Auch die Korruption floriert und festigt somit das Stereotyp Spaniens als einem südlichen Mittelmeerland, wo eine Hand die andere wäscht.

Zwischen 2009 und 2010 haben nur 3.200 katalanische Studenten an Mobilitätsprogrammen teilgenommen, 1,9 Prozent der erhofften 20 Prozent, die von der Europäischen Union länderübergreifend als Ziel genannt werden.

Der Bildungsstandard leidet

Einen Kreisky zur Abschaffung der Studiengebühren hat es hier nie gegeben. Im Gegenteil: Eine Erhebung des Observatorio del Sistema Universitario (OSU) während des Studienjahres 2011/12 hat ergeben, dass das katalanische Universitätssystem das neuntteuerste in ganz Europa ist und das viertteuerste der Europa-15, vergleichbar mit Studienkosten in den angelsächsischen Ländern. Unter den besten Universitäten Europas sucht man katalanische Universitäten hingegen vergeblich.

Erstaunlicherweise ähnlich dazu verhalten sich auch die Studiengebühren in Ländern im Osten Europas. Der Verantwortliche der Studie, Enric Tello, erkennt Gemeinsamkeiten. Die Kosten für Bachelor- und Masterstudien in Slowenien, Ungarn, Litauen, Rumänien und eben Katalonien sind ähnlich hoch und bewegen sich zwischen 2.000 und 18.000 Euro. All diese Länder würden sich durch qualitativ instabile Demokratien und schwache Organisation der Zivilgesellschaft auszeichnen, die durch die Schwäche und Krisen der Wirtschaft, aber auch durch eine politische Fragilität bedingt seien.

Geplatzte Immobilienblase

Im heutigen Katalonien sehen sich die Menschen täglich mit der geplatzten Immobilien-Blase konfrontiert. Auch auf der täglichen Pendelstrecke von Barcelona zum Campus der Universitat Autònoma de Barcelona in Bellaterra kommt man an Siedlungen vorbei, in denen auf den Balkonbalustraden leerstehende Wohnungen durch Maklerfirmen beworben werden. Doch das Geld fehlt an allen Ecken und Enden, wenn man sich mit der jungen Generation unterhält.

Ausgegangen wird zunehmend seltener, am Wochenende fährt man zu seinen Großeltern essen und bei den Diskos bilden sich auch keine so großen Schlangen mehr, und wenn dann im Sommer dank der Touristen, für die Barcelona noch immer den Inbegriff von Lebenslust und Genuss darstellt und Träume weckt. Träume, die viele hier leider nicht mehr haben und zunehmend von einer Zukunft in Berlin oder London träumen, nicht weil sie Barcelona und ihrer Heimat satt sind, sondern weil sie hier nicht mehr leben und überleben können. Teilweise habe ich in Berlin im November mehr Spanisch oder Katalanisch gehört als in Barcelona im Juli.

Mobilität ja, aber nicht zur Bildung einer neuen Elite, sondern einer neuen Arbeiterflut von Süden nach Norden aufgrund einer wirtschaftlichen Weltkrise, die die junge Generation an ihre Grenzen bringt. Der Stolz, der meinen Studenten geblieben ist, ist oftmals das Singen des "Cant del Barça" am Abend des Spieles, das man in einer Bar kostengünstig verfolgt, weil es nur auf Pay-TV übertragen wird, und das Tragen eines Barça-Leiberls nach dem Sieg ihrer Mannschaft am nächsten Tag an der Uni mit dem für Katalonien wichtigen Vereinswappen auf der Brust und der Liebe dafür im Herzen. (Agata Joanna Lagiewka, Leserkommentar, derStandard.at, 18.2.2013)

Agata Joanna Lagiewka ist nach dem Studium der Germanistik, Anglistik und Cultural Studies an der Universität Wien nun ÖAD-Auslandslektorin an der Universitat Autònoma de Barcelona.

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