Die Aufgeregtheit und das Spitzenspiel

12. Februar 2013, 17:04
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Hirscher gegen Ligety ist das Spitzenspiel im RTL. Abgesehen davon ist es wieder einmal ein Thema, dass gleichsam aus einer großen Wolke wenig Regen fällt

Schladming - WM-Fieber ist das Letzte, was Marcel Hirscher braucht. Also vermeidet es der prinzipiell höfliche Mann in diesen Tagen, allzu viele Hände zu schütteln. Quasi das Letzte, was Peter Schröcksnadel braucht, sind Tipps aus der virtuellen Welt. "Das gilt für mich nicht, solange er es mir nicht persönlich sagt. Postings interessieren mich nicht", antwortet der Präsident des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV), als man ihn um einen Kommentar zu Hermann Maiers Blog bittet, der unter anderem dazu anregt, das Umfeld, die Funktionäre und die Trainer zu hinterfragen.

Schröcksnadel sagt aber schon auch: "Ich bin froh über jeden Rat." ÖSV-Sportdirektor Hans Pum betont ebenfalls, dass er offen sei für Kritik: "Ich hätte aber schon erwartet, dass Hermann einen von uns anruft, wenn er etwas einzubringen hat, das der Mannschaft hilft."

Die große Wolke

Aus einer großen Wolke fällt oft wenig Regen. Das hatten die Amerikaner schon erkannt, ehe die Europäer ihren Kontinent entdeckten und später auch mit dem alpinen Skilauf beglücken sollten. Und jetzt sagt Hirscher: " Die Amerikaner haben uns längst überholt." Zum erfolgreichen US-Team sagte Schröcksnadel vor kurzem im Standard: "Die Amerikaner sind Österreich zwei, wie beim Bobfahren. Österreichisches Geld, österreichische Trainer, sie wohnen bei uns. Sie sind nur dort drüben geboren."

Jedenfalls ist Österreich die einzige Nation, die sich beim wettbewerbsmäßigen Skifahren blamieren kann, und das ist eine Errungenschaft. Hätten Ted Ligety oder Bode Miller, Lindsey Vonn oder Julia Mancuso nichts gerissen, wäre das ziemlich egal gewesen im Land der unbegrenzen Möglichkeiten. Im Land der zumindest sportlich begrenzten Möglichkeiten setzt in stets wiederkehrenden Perioden die große Aufgeregtheit und das große Wehklagen ein. "Es ist schon die Frage" , sagt Hirscher, ohne zu klagen, "warum es andere Nationen auch schaffen mit weniger Budget."

Er sagt aber auch angesichts der aktuellen Situation im Weltcup, in dem er als Titelverteidiger und siebenfacher Saisonsieger herausragt: "Die Erwartungen sind viel zu hoch." Und: "Ich bin nicht zu hundert Prozent eingegliedert ins System." Hirscher bereitete sich daheim im salzburgerischen Annaberg mit Vater Ferdinand und (ÖSV-)Trainer Michael Pircher vor. Und er weiß: "Für mich gibt's Extrawürste."

Die große Erwartung

Hinter den traditionell großen, bisweilen übertriebenen Erwartungen im Land sieht Hirscher Positives: "Auf der anderen Seite ist es genial, dass wir in Österreich diese Popularität genießen dürfen, dass wir den Stellenwert haben in dem Sport, den wir leidenschaftlich gern ausüben." Es sei halt sehr schwierig, den Erwartungen gerecht zu werden, auch jenen des Veranstalters (ÖSV), der sich schlicht zum Ziel gesetzt hat, die beste WM aller bisherigen Zeiten abzuliefern.

Am Freitag steht der Riesenslalom an und damit wohl das Spitzenspiel Ligety gegen Hirscher. Der 28-jährige US-Amerikaner aus Park City, Utah, hat heuer vier Riesenslaloms gewonnen, der 23-jährige Salzburger die anderen zwei. Dass sich Ligety in Schladming bereits die Goldenen im Super-G und in der Superkombi genommen hat, mögen andere als mentalen Vorteil sehen. Ligety sieht das anders: "Wenn du zwei Rennen gewonnen hast, hast du keinen Vorteil im dritten."

Hirscher wird, wie es seine Art ist, "angreifen, was das Zeug hält, jedes Risiko eingehen". Doch Ted sei körperlich und skifahrerisch top, übers Jahr gesehen der bei weitem Schnellere gewesen und also der Favorit. Zuletzt in Adelboden war Hirscher der Schnellere gewesen bis zum seinem Hackler im Schlusshang und Ligety der Sieger. "Ich habe mich sowohl mit dem Material als auch vom Gedanken her, wie man einen Riesentorlauf zu bewältigen hat, seinem Schwung etwas angenähert."

Hirscher ist klar, was das spezifisch interessierte Österreich von ihm erwartet, Gold im Riesenslalom und im Slalom. "Ich weiß, wenn ich meine Leistung runterbringe, bin ich am Stockerl. Und wenn ich einen Fehler mache, dann ist das im Skisport legitim." (Benno Zelsacher, DER STANDARD, 13.2.2013)

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    Ted Ligety, der zweifache Weltmeister von Schladming, ist auch im Riesenslalom ein heißer Tipp.

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    Marcel Hirscher, siebenfacher Saisonsieger, ist im Riesenslalom und im Slalom ein heißer Tipp.

     

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