Maßnahmen gegen das elende Leben

12. Februar 2013, 17:45
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Jafar Panahi konnte mit "Closed Curtain" erneut das ihm im Iran auferlegte Arbeitsverbot unterlaufen - Sein Berlinale-Beitrag kündet von wachsender Einsamkeit

Vor dem Berlinale-Palast steht ein lebensgroßes Schild, ein Stand-in für den Filmemacher Jafar Panahi. "Ich sollte hier sein" ist darauf zu lesen, eine englische Übersetzung gleich darunter. Der iranische Filmemacher konnte auch dieses Jahr nicht zum Festival anreisen. 2010 wurde er von einem Gericht in seiner Heimat zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt - ein Urteil, das noch nicht vollzogen wurde. Das Arbeitsverbot ist für den vielfach ausgezeichneten Regisseur (Der Kreis, Crimson Gold) allerdings schon länger wirksam.

Mit seinem Wettbewerbsbeitrag Closed Curtain (Pardé) ist es Panahi nun jedoch zum zweiten Mal gelungen, dieses Verbot zu unterlaufen; bereits vor zwei Jahren drehte er mit This Is Not a Film einen Film über seine schöpferische Gefangenschaft und den Widerstandsgeist, sich diesem Diktat nicht zu fügen. Closed Curtain ist im Unterschied zu seinem zumindest verhalten optimistischen Vorgänger allerdings das düstere Zeugnis eines Mannes, der in der inneren Emigration immer einsamer wird.

Panahi ist jedoch nicht so eitel, dieses Dilemma ganz direkt zu thematisieren; er sucht die Korrespondenz mit einer Außenwelt, in der er seine Lage verbildlichen kann. Am Anfang sehen wir durch ein vergittertes Terrassenfenster aufs Meer: ein Sehnsuchtsbild, aus dem ein Mann mit einem Hund entsteigt, der sich dann aber in einer weitläufigen Villa verbarrikadieren wird. Hunde gelten im Iran als unrein: Damit das Tier nicht von der Polizei weggenommen wird, schließt der Besitzer die Vorhänge, als wäre es mitten in der Nacht. Doch es bleibt nicht bei dieser Situation; eine junge Frau und ihr Bruder, beide offenbar auf der Flucht, suchen auch noch in dem Haus Unterschlupf.

Der fiktionale Beginn, der sich auf Panahis Situation, aber auch auf eine umfassendere Atmosphäre der Angst beziehen lässt, öffnet in Closed Curtain nur die erste von vielen Türen in ein filmisches Labyrinth. Der Film wirkt wie eine grimmige Variante eines Theaters des Absurden: Hinter einem heruntergerissenen Vorhang scheinen plötzlich Plakate aus Panahis Filmen auf, dann tritt der Regisseur selbst auf, während die anderen Figuren beginnen, sich um die Vorherrschaft in seinem Kopf zu zanken. Es gibt mehrere Perspektiven, Kameras, ja Realitäten in dieser Arbeit, gewiss wird jedoch vor allem eines: Sie handelt von Depressionen.

Zurück ins volle Leben

Den Weg zurück ins volle Leben geht dagegen Gloria, die 58-jährige, geschiedene Heldin aus Sebastián Lelios gleichnamigem Film, der zum Festivalhit avanciert ist. Der Hauptdarstellerin Paulina García dürfte der Darstellerinnenpreis wohl recht sicher sein, so verführerisch, verletzlich und auch voller Gier verkörpert sie diese Frau, die im Auto gerne mitsingt und sich an Tanzabenden an die Anzüge von graumelierten Männern schmiegt, ohne auf den großen Jackpot zu warten. Dann tritt zwar der ebenfalls geschiedene Rodolfo (Sergio Hernandez) in ihr Leben, doch der Film harrt an Glorias Seite aus, als wüsste er schon, dass diese Dinge mit dem Alter nicht einfacher werden.

Enttäuschte Höhenflüge

Der Chilene Lelio ist vor einigen Jahren schon mit seinem Film über eine wohlhabende Familie im Urlaub, La sagrada familia, aufgefallen. Mit Gloria hat er einen geschmeidigen und auch äußerst pointierten Film über die Differenz von Sehnsucht und Alltag gedreht und über die Enttäuschungen, die sich nach glücklichen Höhenflügen gerne einstellen. Er geizt dabei nicht mit anrührenden Momenten, bewahrt aber meistens das richtige Maß, da sich diese Gloria nicht leicht überrumpeln lässt.

Unauffällig passt sich der Film ihrer Gemütslage an, er ist bei den sexuellen Abenteuern des lebenslustigen Paares nicht schamvoll und bei den Zornausbrüchen, die Inkonsequenz ahnden, auch nicht verlegen. Und er scheint selber in eine umwölkte Beschwingtheit zu wechseln, wenn gegen das elende Leben nur noch ein paar Züge Haschisch helfen. (Dominik Kamalzadeh aus Berlin, DER STANDARD, 13.2.2013)

  • Türen öffnen sich und geben den Blick frei auf Sehnsuchtsbilder, aber auch auf Effekte von Angst, Einsamkeit, Depression: Jafar Panahi in "Closed Curtain". 
    foto: berlinale

    Türen öffnen sich und geben den Blick frei auf Sehnsuchtsbilder, aber auch auf Effekte von Angst, Einsamkeit, Depression: Jafar Panahi in "Closed Curtain". 

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