In Bagdad gibt es schon einen neuen Oberhirten: Louis Raphael I. Sako

Analyse12. Februar 2013, 16:49
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Als Louis Sako 1948 in Zakho im Nordirak geboren wurde, da hatte die irakische haschemitische Monarchie noch zehn Jahre vor sich. Als er zwanzig war, ergriff die Baath-Partei die Herrschaft, elf Jahre später war Saddam Hussein Alleinherrscher des Irak. Und nun, zehn Jahre nach dem Sturz Saddams, wird Sako zum chaldäischen Patriarchen von Babylon - der Titel ist "Seine Heiligkeit" - gekürt, damit ist er auch gleichzeitig Erzbischof von Bagdad.

Der 64-Jährige, der zuletzt Bischof von Kirkuk war, wird sich Louis Raphael I. nennen. Die Inthronisation findet am 6. März in Bagdad statt, gewählt wurde Sako am 31. Jänner von der chaldäischen Bischofssynode in Rom, die Papst Benedikt XVI. einberufen hatte - insofern ist es also einer der letzten wichtigen Personalentscheidungen, die in seinem Pontifikat fielen. Sakos Vorgänger, Patriarch Emmanuel III. Delly, ging im Dezember 2012 85-jährig in den Ruhestand. Seit 2007 ist Delly auch Kardinal, aber zu alt, um an einem Konklave teilzunehmen.

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger, bei dem die Wahl mehrere Anläufe brauchte, ging die Entscheidung der Synode zugunsten Sakos schnell und glatt vonstatten. Der Erzbischof von Kirkuk hat sich in den vergangenen Jahren hohes Ansehen erworben, einerseits für sein beharrliches Lobbying für die Interessen der nahöstlichen Christen, andererseits für sein Bekenntnis zum Zusammenleben und der Versöhnung mit dem Islam. Sako ist ein entschiedener Gegner von einer Gettoisierung der Christen im Irak - eine Lösung, die manchmal auch von Wohlmeinenden proponiert wird, die keine andere Möglichkeit sehen, die Christen vor Verfolgung und Vertreibung zu schützen.

Seit mit dem Sturz Saddam Husseins und seines repressiven Regimes im Jahr 2003 die Schleusen sowohl des sunnitischen als auch des schiitischen Radikalismus im Irak geöffnet wurden, haben bis zu eine halbe Million irakischer Christen den Irak verlassen, viele sind aus arabischen Gebieten in den kurdischen Norden gezogen. Hunderte Christen sind gezielten Anschlägen zum Opfer gefallen. Die ganze Tragik der letzten Jahre spiegelt sich in der Tatsache wider, dass einer der Bischöfe, die Sako 2003 zum Erzbischof von Kirkuk weihten - der Erzbischof von Mossul, Paulos Faraj Rahho - ebenfalls eines der Opfer des extremistischen Wahnsinns wurde: Rahho wurde am 29. Februar 2008 auf dem Heimweg von einem Gottesdienst entführt, nachdem sein Fahrer und seine beiden Leibwächter getötet worden waren. Zwei Woche später wurde auch die Leiche des Erzbischofs gefunden, auf einer Müllhalde. Später wurde Ahmad Ali Ahmad - ein Al-Kaida-Mitglied - festgenommen und zum Tode verurteilt. Die USA applaudierten, die chaldäische Kirche sprach sich einmal mehr gegen die Todesstrafe aus. Sako kritisierte 2006 auch die Exekution von Saddam Hussein.

Louis Sako hat in Paris und Rom studiert - der Rom-Bezug der chaldäischen Kirche wird bereits daran deutlich, dass Italienisch fast so etwas wie eine Lingua franca des chaldäischen "Personals" im Irak ist. Außer seinen Studien der katholischen Theologie absolvierte Sako auch Islamwissenschaften. 1974 wurde er zum Priester geweiht, später war er Regens des Priesterseminars in Bagdad, und ab 2003 Erzbischof von Kirkuk.

Wenn man sich die Aussagen von Sako während der letzten Jahre ansieht, fühlt man das Schwanken zwischen dem Willen zum Durchhalten und einer großen Verzweiflung. Erst Ende Jänner veröffentlichte er einen eindringlichen Appell - in dem er auch Ängste bezüglich der Natur des arabischen Frühlings äußert

Im Irak, das seinen - von außen herbeigeführten - Umsturz bereits 2003 erlebte, hat sich zwar die Lage ab 2007/2008 etwas stabilisiert, auf tiefem Niveau, aber nun droht wieder das Abrutschen: Der latente Konflikt zwischen dem kurdischen Teil Iraks und der arabischen Zentrale in Bagdad hat sich seit dem Sommer 2012 kontinuierlich zugespitzt, und einer der Zankäpfel ist die Zugehörigkeit Kirkuks und anderer Gebiete, in denen Christen wohnen. Zusätzlich verschärfen sich als "Kollateralschaden" des Bürgerkriegs in Syrien mit seinen konfessionellen Zügen auch wieder die sunnitisch-schiitischen Spannungen im Irak. Fast täglich gibt es wieder Selbstmordattentate, sehr oft gegen schiitische Ziele. Aber wenn der Extremismus ansteigt, wächst auch die Lust, sich gegen Nichtmuslime zu wenden, nicht nur gegen die Christen, sondern auch gegen die Yaziden und andere kleinere Religionsgruppen in dem konfessionell  so reichen Irak.

Die chaldäische Kirche ist nicht die einzige christliche Religionsgemeinschaft im Irak - und wie so oft sind auch im Irak die Christen die meiste Zeit ziemlich zerstritten, ein Faktum, das Sako oft kritisiert. Die Chaldäer sind, wie schon gesagt, mit Rom unierte Katholiken, die aber ihre eigene Kirchenhierarchie haben. Laut der eigenen Tradition ist die chaldäische Kirche jene des Apostel Thomas. Die Liturgie wird auf syrisch-aramäisch gefeiert, aber arabisch ist ebenfalls Kirchensprache. Chaldäer gibt es wegen der starken Diaspora heute fast auf der ganzen Welt, insgesamt etwa 3,5 Millionen. Im Irak dürften es noch etwa 400.000 sein, so genau weiß das keiner. Eine starke Gruppe lebt in den USA - weshalb manche auf einen neuen Patriarchen aus Übersee tippten. Aber wer will schon in Bagdad leben? (Gudrun Harrer, derStandard.at, 12.2.2013)

  • Louis Raphael I. Sako bei seinem Rom-Besuch Anfang Februar.
    foto: ap photo/osservatore romano,

    Louis Raphael I. Sako bei seinem Rom-Besuch Anfang Februar.

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