Spekulationen um Rücktritts-Motive von Benedikt XVI.

  • Ein als Schweizergardist verkleidetes Kind am Petersplatz in Rom. Der 12. Februar ist übrigens der Internationale Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten.
    foto: reuters/rossi

    Ein als Schweizergardist verkleidetes Kind am Petersplatz in Rom. Der 12. Februar ist übrigens der Internationale Tag gegen den Einsatz von Kindersoldaten.

  • Der Petersdom in der Vatikanstadt wurde prompt von einem Blitz getroffen.
    foto: reuters/ansa/ alessandro di meo

    Der Petersdom in der Vatikanstadt wurde prompt von einem Blitz getroffen.

  • Aktivistinnen der ukrainischen Frauenrechtsgruppe Femen feiern in der Pariser Kathedrale Notre Dame die Demission des Papstes.
    foto: reuters/charles platiau

    Aktivistinnen der ukrainischen Frauenrechtsgruppe Femen feiern in der Pariser Kathedrale Notre Dame die Demission des Papstes.

Konflikte in der Kurie, seltsame Machenschaften, geheime Dossiers und Fälle von Verrat

Die Italiener sind unerreichte Meister der "dietrologia", der Tendenz, hinter allem politische, mysteriöse Hintergründe zu vermuten. So verwundert es kaum, dass der "Corriere della Sera" dem Rücktritt des Papstes am Dienstag 19 Seiten seiner Ausgabe widmet.

"Conflitti, manovre, tradimenti" - neben der bloßen Berichterstattung wuchern Spekulationen über Konflikte in der römischen Kurie, über seltsame Machenschaften, geheime Dossiers und Fälle von Verrat.

Palium auf Coelestins Grab

Warum legte Benedikt XVI. zum Beispiel bei einem Besuch in L'Aquila sein Pallium - jenes Amtsabzeichen in Form einer über die Schultern gelegten Schleife - auf das Grab von Coelestin V., jenem Papst, der vor über 700 Jahren zurückgetreten war? Trägt sich Ratzinger wirklich mit der Absicht, noch vor seinem Abgang zum Monatsende eine neue Enzyklika zu veröffentlichen? Warum hat die in die Schlagzeilen geratene Vatikanbank IOR noch immer keinen neuen Chef?

Auch am Dienstag pilgerten die Vatikanisten in die TV-Studios, doch der Star war nicht darunter: Giovanna Chirri, die Kirchenexpertin der Nachrichtenagentur Ansa, die am Montag den Coup ihres Lebens gelandet hatte. "Ich habe im vatikanischen Pressebüro das Konsistorium zur Heiligsprechung der Märtyrer von Otranto verfolgt. Während der Rede von Kardinal Angelo Amato habe ich mich mit Kollegen unterhalten", erzählt die promovierte Philosophin. "Hellhörig wurde ich erst, als der Papst nach den rituellen Formeln noch eine ungewohnte Erklärung abgab."

"Ich konnte es kaum glauben"

Der 56-jährigen Journalistin kamen ihre Lateinkenntnisse zugute: "Als ich hörte, was er sagte, bin ich aufgesprungen. Ich konnte es kaum glauben und war total aufgeregt." Chirri rief sofort die Redaktion an und diktierte eine Flash-Meldung: "Papst tritt am 28. 2. zurück." Um 11.46 Uhr ging die sensationelle Nachricht um die Welt.

Vatikansprecher Federico Lombardi bestätigte am Dienstag, dass der Papst bis Monatsende alle geplanten Termine einhalten werde. Die Aschermittwochsprozession wurde indes in den Petersdom verlegt. Vorher werde der Papst seine gewohnte Audienz abhalten. Am Donnerstag werde er sich mit Priestern treffen. Die letzte Generalaudienz am 27. Februar wird am Peterplatz stattfinden, da eine große Menschenmenge erwartet wird. Eine offizielle Verabschiedung des Papstes sei nicht vorgesehen. Die Wahl des Nachfolgers, das Konklave, soll Mitte März beginnen, und noch vor Ostern soll es einen Papst geben.

Lombardi dementierte die Spekulationen um eine neue Enzyklika. Auf eine Frage wusste der Vatikan-Sprecher noch keine Antwort: mit welchem offiziellen Titel der Heilige Vater nach seinem Rücktritt anzusprechen sein wird.

Papst animiert zu Wetten

Wie schon vor acht Jahren nimmt der Online-Wettanbieter Paddypower auch diesmal Tipps für das Konklave an. Österreichs Kardinal Christoph Schönborn liegt mit 16:1 gut im Rennen. Kaum Chancen hat der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins: Der "Papst der Atheisten" hat eine Quote von 666:1 - wohl kein Zufall. Noch reicher könnte man mit U2-Sänger Bono Vox werden: Würde er Papst, könnte man den Wetteinsatz vertausendfachen. (Gerhard Mumelter aus Rom, DER STANDARD, 13.2.2013)

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