Der selbstbestimmte Rücktritt

Kommentar |

Der Schritt von Benedikt XVI. gibt Anlass zur Hoffnung auf Kirchenreformen

Die Rücktrittsankündigung von Papst Benedikt XVI. kam überraschend. Dass – unabhängig von der Position und vom Alter - jemand sagt, er fühle sich den Anforderungen in einer Spitzenposition nicht mehr gewachsen, weil seine Kräfte nicht mehr ausreichen, ist mutig. Erst recht in der katholischen Kirche, in der die höchsten Positionen nur Männern vorbehalten sind - und zwar solchen, die im "normalen Berufsleben" längst in Pension wären. Joseph Ratzinger hat von Anfang an deutlich gemacht, dass er das Amt als Bürde, nicht als Würde auffasst. Als Kirchenoberhaupt war er zögerlich, er blieb stets ein Mann der Worte, nicht der Taten. Ihm fehlte das Charisma seines Vorgängers Johannes Paul II.

So mutig das selbstbestimmte Ende des Pontifikats ist, so sehr haben diesem Papst bei der Ausübung seines Amtes Mut und Fortschrittlichkeit gefehlt. Er wird nicht als Reformer und Vertreter der Aufklärung im Kant'schen Sinne, sondern als Retro-Papst in Erinnerung bleiben. Er hat zugelassen, dass Positionen des Zweiten Vatikanischen Konzils infrage gestellt wurden, und keine Schritte gesetzt, die die Ökumene vorangebracht hätten. Dazu trug die Islam-Schelte in  seiner Regensburger Rede zu Beginn seiner Amtszeit bei.

Gegen den Widerstand vieler Bischöfe ließ Benedikt XVI. die alte lateinische Messe und das Karfreitagsgebet für die Bekehrung der Juden wieder zu. Sein Versöhnungsangebot an die erzkonservativen Piusbrüder und die Rücknahme der Exkommunikation lefebvrianischer Bischöfe als "leiser Gestus der Barmherzigkeit" stießen viele Gläubige vor den Kopf. Die durch die Vatileaks-Affäre aufgedeckten Intrigen in der römischen Kurie offenbarten seine Führungsschwächen.

Dass das Kirchenoberhaupt nach bekannt gewordenen sexuellen Übergriffen lediglich zur Schuld einzelner Priester und Bischöfe Stellung genommen hat, ist ihm anzulasten. "Zu den Vorgängen innerhalb der vatikanischen Mauern fand er kein Wort. Benedikts beharrliches Schweigen dazu macht ihn als Papst unglaubwürdig", schrieb der studierte Theologe und STANDARD-Geschäftsführer Wolfgang Bergmann am Ende jedes Churchwatch-Blogs auf derStandard.at seit September 2011.

In Fragen der Sexualität zeigte sich Benedikt XVI. vollkommen verstockt. Bei Fragen zur Empfängnisverhütung sehen sich viele Gläubige von der katholischen Kirche alleingelassen. Für wiederverheiratete Geschiedene vermittelte dieser Papst auch keine Inte grationsperspektive. Weltweit setzt sich die katholische Kirche vehement gegen die gesetzliche Verankerung homosexueller Partnerschaften ein. Forderungen nach einem Frauenpriestertum und der Aufgabe des Zölibats für Priester blockte der langjährige Vorsitzende der Glaubenskongregation ab.

Wer immer neues Kirchenoberhaupt wird: Auf ihm lasten die Hoffnungen auf eine Öffnung der Kirche, eine Gleichstellung von Mann und Frau und den Einzug der Realität hinter die Gemäuer des Vatikans.

Für die katholische Kirche bietet dieser selbst gewählte Rücktritt eine Chance: dass sich Priester wie jene, die sich selbst als ungehorsam bezeichnen, nicht noch weiter von "ihrer" Kirche entfernen; dass Christen, die in einer Abwarteposition sind, doch nicht austreten; dass Skandale ehrlich aufgearbeitet werden und öffentlich dazu Stellung genommen wird. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, 12.2.2013)

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"Weltweit setzt sich die katholische Kirche vehement gegen die gesetzliche Verankerung homosexueller Partnerschaften ein. Forderungen nach einem Frauenpriestertum und der Aufgabe des Zölibats für Priester blockte der langjährige Vorsitzende der Glaubenskongregation ab." Da werden zu viele, sehr unterschiedliche Problemfelder der Kirch in einem Atemzug genannt.

Anlass zur Hoffnung??

Dazu müsste man die meisten Kardinäle austauschen - denn die Mehrheit gehört bekanntlich nicht dem fortschrittlichen, reformatorischen Lager an!

ein bemerkenswerter schritt!

die wahren hintergründe werden aber erst die kommenden generationen erfahren!

zum kommentar von af-s möchte ich lieber keine stellungnahme abgeben!

wenn die chefredakteurin (ist die dame überhaupt katholikin?) eines neoliberalen blattes der katholischen kirche gute ratschläge erteilt, ist das ungefähr so angemessen und sinnvoll, als wenn ein katholischer bischof einem neoliberalen blatt gute ratschläge erteilt.
andererseits ist das in der "senfdazu" industrie ganz normal, denn man lebt ja dort davon, alles am besten zu wissen, denn wovon sollte man auch sonst leben?
freue mich schon darauf, wenn schönborn nächstens vorgänge in der führungsetage der standard mediengruppe abgibt. das wird dann ähnlich relevant sein.

Muss ich Katholik sein, um die RKK kritisieren zu dürfen?

Sie sind doch auch kein Journalist (oder?) und kritisieren journalistische Arbeit!

wollte gerade ähnliches schreiben aber sie haben es schon für mich erledigt, DA CAPO

Vertreter der Aufklärung im Kant'schen Sinne

Dass der Papst diese Rolle nicht wahrgenommen hat, sollte man ihm jetzt wirklich nicht vorwerfen.
Das würde von völliger Unkenntnis der Aufgabe dieses Amtes zeugen!!!

Habe mut, dich deines Verstandes zu bedienen

Positionen der Kirche zu vertreten erfordert heute im Westen mehr Mut, als gegen die Kirche zu wettern. In den Kreisen der "Kritiker" sind intolerante Eiferer nach meiner Wahrnehmung öfter zu finden als in der Kirche selber.

"Positionen der Kirche zu vertreten erfordert heute im Westen mehr Mut, als gegen die Kirche zu wettern"

aber selbst wenn dem so wäre - mit verstand hätte es immer noch nichts zu tun

insofern ist ihr kant-zitat klarer mißbrauch

das ist natürlich polemischer unsinn.

in ö herrscht der reflex, jede berechtigte kritik an der kath kirche als unzulässigen, ungerechfertigten, vollkommen überschießenden unfairen angriff wahrzunehmen.

es wäre an der zeit, dass sich die funktionäre der kath kirche sich aus ihren theologischen und seelsorgerischen klostergärtlein hinaus begeben und sich mit der politischen (!!) kritik auseinandersetzen.

dann könnte tatsächlich ein gedeihlicher dialog beginnen.

ich sehe dafür aber schwarz, solange in kirchlichen kreisen intellektuelle selbstgenügsamkeit und theologische empfindlichkeit herrschen.

Kirchenreformen? - Zölibat abschaffen? Pille und Kondome gestatten? Frauen als Priester?

All das gibt es in der evangelischen Kirche - und die sind dennoch nicht voller!

Die Protestanten haben sich genau in die links-grüne Richtung entwickelt, die die "Reformer" auch den Katrholiken empfehlen, evangelische Kirchentage sind mit ihrem Veggie- und Gender-Programm kaum noch von einem Grünen-Parteitag zu unterscheiden.

Aber besser geht´s denen dennoch noch lange nicht.

Die Ursachen liegen also kaum in einzelnen Inhalten, sondern eher im Gesamtpaket, das bei vielen Menschen nicht mehr auf Zustimmung stößt. Zum Teil durch die Kirche selbst verursacht, zum Teil sicher auch gesamtgesellschaftlich begründet.

Aber: Kirchliche Kindergärten und Schulen erfreuen sich dennoch großer Akzeptanz.

Zu viel für 700 Zeichen.

"All das gibt es in der evangelischen Kirche - und die sind dennoch nicht voller! "

stimmt zwar - aber interessant, daß besucher- und mitgliedszahlen für sie das wesentliche kriterium sind

vielleicht sollte die rkk dann einfach pannenhilfe anbieten oder abfahrtsrennen veranstalten?

"Die Ursachen liegen also ... eher im Gesamtpaket, das bei vielen Menschen nicht mehr auf Zustimmung stößt"

yup!

weil eben immmer mehr wagen, sich ihres eigenen verstandes zu bedienen. und die sowieso zu faul dazu sind, es bei der super-nanny vor dem fernseher bequemer haben als im beichtstuhl

"Kirchliche Kindergärten und Schulen erfreuen sich dennoch großer Akzeptanz" meist deshalb, weil der staat es in verantwortungsloser weise unterläßt bzw. an die pfaffen delegiert, solche bildungs- infrastruktur zur verfügung zu stellen

All das gibt es in der evangelischen Kirche - und die sind dennoch nicht voller!

Und das soll jetzt als Argument wofür herhalten, bitte?

Dafür, dass ruhig alles so bleiben kann, wie es ist, weil's eh blunzn ist?

dafür, dass "kirche" kein lebensmodell für das 21. jahrhundert mehr ist.

Dafür, dass viele "Reformschritte" aller Wahrscheinlichkeit nach nicht das bringen würden, was ihre Verfechter erwarten.

BRAVO

Diesen Schritt gebührt alle Hochachtung. Jeder Mensch, auch ein Papst, hat das Recht auf Ausgedinge (Ruhestand) wenn das Alte die Lebenskräfte einschränkt. Diese marode Kirche ( wie immer man spirituel darüber denkt) braucht modernisierung, braucht Anpassung an die neue Zeit; Dazu sind junge dynamische Manager (Priester) gefragt, nicht zu jung, damit sie auch die Erfahrungen des Alters einbringen können. Die pensionsreifen alten Adipositen in roten Mäntelchen, die kein normales Leben (Familie) mit allen Freuden und Nöten gelebt haben, die keinerlei persönlichen Einsatz für Hungernde und Notleidende erbracht haben, die fürstlich wohnen ohne zu arbeiten und veraltete Schriften konservativ interprtieren, wer braucht Die???? Wenn die Kirche sic

Gerade diesem Papst, der

so viel für die Ökumene mit den Orthodoxen getan hat, dass wir vor einer Reunion dieser großen Kirchen stehen, vorzuwerfen, er hätte nichts für die Ökumene getan, zeugt von so einem derartigen Unverständnis diesem Pontifikat gegenüber, dass man sich fragt, warum eine Qualitätszeitung nicht jemand Berufeneren gefunden hat, um sich zu Benedikt XVI. zu äußern.

Entscheidend auch bei der Ökumene:

Wer frisst wen?

muhaha...

reunion der orthodoxen mit der rkk?

never ever

die bleiben lieber autokephal und kuscheln mit ihren lokalen diktatoren

Sie kennen aber komplizierte Wörter ;-)

Wenn wir schon beim Thema sind: Was ist mit den autokephalen lateinischen Diözesen? Wie schätzen Sie deren Zukunft ein???

Was erwarten Sie von einer Begutachtung, die mehr einem Kommentar zu modischen Aspekten von Flugbegeleiterinnen gleicht als einer inhaltlichen Analyse? Es wird lediglich eine Checkliste von Hip-Themen auf ihre modischen faux pas hin abgehakt.

Da kann ich Ihnen nur zustimmen.

ich auch.

nur Bürde, nicht Würde?

Die Schuh- und Hütchenorgien Benedikts passen so gar nicht zu dieser Interpretation. Er hat das Papstsein in den ersten Jahren exzessiv ausgelebt, die enorme Bescheidenheit war nur ein Teil dieser Rolle.

Darüber hat er es verabsäumt die unter seinem Vorgänger sträflich vernachlässigte Verwaltung aufzuräumen, obwohl das der eigentliche Grund seiner Wahl war. Er war als Vatikaninsider von außen (nicht Italien) gewählt, um interne Reformen anzustoßen.
Als er sich schließlich doch um die Interna zu kümmern begann war er zu schwach, und die Dinge zu eingespielt - daher sein Rücktritt.

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