Ein unverwüstlicher Kämpfermythos namens Valter

  • In China ist die Figur Valter mit dem serbischen Schauspieler Velimir Bata Zivojinovic verschmolzen. Die meisten Chinesen haben den Film "Valter verteidigt Sarajevo" gesehen. Nach Valter wurde auch ein Bier benannt.
    foto: archiv

    In China ist die Figur Valter mit dem serbischen Schauspieler Velimir Bata Zivojinovic verschmolzen. Die meisten Chinesen haben den Film "Valter verteidigt Sarajevo" gesehen. Nach Valter wurde auch ein Bier benannt.

  • Vladimir Valter Peric führte den Widerstand an.
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    Vladimir Valter Peric führte den Widerstand an.

Eine neue Filmdokumentation beleuchtet das Leben des Partisanen-Anführers von Sarajevo, Vladimir Valter Perić

Sarajevo/Zagreb - "Merkwürdig, seit ich in Sarajevo bin, suche ich Valter und finde ihn nicht. Jetzt, wo ich gehen muss, weiß ich wer Valter ist", sagt Standartenführer von Dietrich über den Bergen von Sarajevo. "Sie wissen, wer Valter ist? Sagen Sie mir sofort seinen Namen!", sagt ein anderer Nazi. "Ich werde ihn Ihnen zeigen." Pause. "Sehen Sie diese Stadt? Das ist Valter!" Es folgt ein langer Filmschwenk über ganz Sarajevo, unterlegt mit Fanfarentönen.

Obwohl die Szene im Jahr 1945 spielt, sind sozialistische Wohnblocks zu sehen. Valter verteidigt Sarajevo, ein Partisanenfilm aus dem Jahr 1972, war aber trotz historischer Ungenauigkeiten populär. Valter, der Anführer des kommunistischen Widerstands, wurde mit Sarajevo selbst gleichgesetzt. Regisseur Hajrudin "Siba" Krvavac wollte damit ein Sarajevo-Narrativ schaffen, meint Vahidin Preljevic von der Universität Sarajevo. "Es ist die Stadt, die ebenso zum Helden aufsteigt." Ursprünglich wollte man damit die Rolle des Volkswillens ausdrücken, doch das Bild verselbstständigte sich. "'Das ist Valter' wurde zur Chiffre für die Unbesiegbarkeit der Stadt", so Preljević .

Krvavac habe auch die gesamtjugoslawische Ideologie bestätigen wollen und einen erfolgreichen Thriller gemacht, "einen der ersten Genrefilme der sozialistischen Popkultur, angepasst an populäre westliche Formen mit einem authentischen jugoslawischen Stoff", analysiert Preljevic.

In Ex-Jugoslawien gibt es wenige, die den Film nicht kennen. In China kennen ihn aber praktisch alle. Laut dem Belgrader Regisseur Andrej Acin, der nun eine Filmdoku über den Mythos Valter gemacht hat, haben in China im Laufe der Zeit "mehr als drei Milliarden Menschen" den Film gesehen. Der Schauspieler Velimir Bata Zivojinovic ist dort mit der Figur verschmolzen. Sein Antlitz ziert das Etikett von Bierflaschen der Marke Valter. Kinder und Straßen wurden nach Valter benannt. Als Bata in den 1970ern China besuchte, begrüßten ihn eine Million Menschen.

Für das kommunistische China war Valter die politisch korrekte Alternative zu Hollywood. Der Archetypus einer Person, die durch Werte das Böse besiegt, schließe zudem an die Tradition der Ritterfilme in China an, die während der Kulturrevolution verboten waren, wird in der Doku erklärt. Bata ist in Chinanach wie vor populär. In Ex-Jugoslawien ist man gespalten, unterstützte er doch als Politiker die Sozialisten von Slobodan Milosević.

Symbol der Unbesiegbarkeit

Davon ist in Acins Film nicht die Rede, obwohl die Legende von Valter, der die Unbesiegbar- keit Sarajevos zum Ausdruck bringt, während der Belagerung (1992-1995) häufig benutzt wurde. Auch heute werden im Staatsfernsehen Valter und andere Partisanenfilme gezeigt. "Dabei betreibt man die Bosnisierung des Valter-Mythos, indem man von seiner jugoslawischen und sozialistischen Orientierung systematisch absieht", erzählt Preljevic.

"Das ist Valter" steht in Ex-Jugoslawien aber noch immer für Widerstand und Wagemut. Erst kürzlich wurde der Satz in Maribor als Kampfansage gegen die unter Korruptionsverdacht geratene Stadtregierung verwendet. " Das ist Valter" heißt auch ein Radrennen in Sarajevo, bei dem man in aberwitzigem Tempo von den Berghängen über die Treppengassen hinunter ins Zentrum rast.

In Sarajevo erinnert man sich seines Helden mit zarter Ironie. "Das ist Kaiser" heißt etwa der Werbespruch in einer Bäckerei in der Nähe der Valter-Peric-Straße, wo der Partisan am 6. April 1945, dem Tag, als Sarajevo befreit wurde, den Tod fand. Beim Begräbnis marschierte die ganze Stadt auf. Der Kult nahm seinen Anfang.

Valter war auch ein offizieller "Volksheld Jugoslawiens" und wurde später durch den Partisanenfilm auch Teil der Popkultur. Die Nazis wurden übrigens von DDR-Schauspielern dargestellt, und der damals 17-jährige Emir Kusturica bekam seine erste Filmrolle. In den 1980er-Jahren distanzierte man sich vom sozialistischen Mythos. Im Album Das ist Valter der Rockband Zabranjeno pusenje (Rauchen verboten) von 1984 heißt es: "Ich will kein Deutscher sein, in einem von der Regierung bezahlten Film." Ein paar Jahre alt ist der Song Valter wird zurückkehren der Band Dubioza Kolektiv, der zur Selbstverantwortung auffordert, ohne auf naive Heldenmythen zu bauen.

Valter war übrigens ein beliebter Codename, der sogar von Tito verwendet wurde. Der echte Vladimir Valter Perić war ein Serbe aus Prijepolje, der ursprünglich die Aufgabe hatte, Agenten, die Partisanen ausspionierten, aufzudecken. Darunter: Ustascha, Tschetniks und Nazis. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 12.2.2013)

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