Wie Familien wohnen wollen

17. Februar 2013, 17:00
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Was brauchen bzw. was wollen Familien, wenn es um das Thema "Wohnen“ geht?

Kathrin S. und ihr Lebensgefährte leben gemeinsam mit ihrer zweijährigen Tochter auf 48m² in Wien-Penzing. Die Miete beläuft sich inklusive  Betriebskosten auf knapp 600 Euro im Monat. Kinderzimmer gibt es keines, auch sonst ist alles sehr beengt. An ein weiteres Kind ist momentan nicht zu denken. "Seit einem Jahr suchen wir intensiv nach einem größeren Eigenheim", sagt Kathrin, die im Marketing eines kleinen Unternehmens arbeitet.

Bis vor kurzem noch erfolglos. Jetzt endlich hat sie das Glück eingeholt und der Umzug in eine neu gebaute 130-m²-Maisonette mit Terrasse in Floridsdorf steht im Sommer an. Genossenschaftsbau, erschwingliche Miete, im Grünen. Und: Endlich genügend Platz für die ganze Familie.

Ausreichend Platz für alle

Das ist das Stichwort junger Familien, wenn man sie nach ihrem idealen Wohnraum fragt. "Familien wünschen sich wohnungsbezogene Freiräume, das heißt Balkone, Loggien oder Grünflächen", so Wohnexperte Wolfgang Amann vom Institut für Immobilien, Wohnen und Bauen. Dem wird auch im so genannten "geförderten Wohnbau" Rechnung getragen. Es wird Wert gelegt auf maßgeschneiderte Grundrisse, die meist für Familien mit zwei Kindern ausgelegt sind.

Auch an Spielplätze wird gedacht: "Die sind für Kleinkinder bereits bei mittelgroßen Projekten baurechtlich vorgegeben. Leider gilt das nicht für Spielbereiche für größere Kinder."

Eine gute Infrastruktur

"Vor allem Lage und Infrastruktur bestimmen die Ansprüche von Familien", heißt es von Seiten des Wohnservice Wien. Gemeint sind Schulen, Erholungsgebiete in unmittelbarer Nähe sowie Grün- und Freiflächen, Spielplätze und Gemeinschaftsräume in der Wohnhausanlage. "Die Stadt Wien forciert die Errichtung von geförderten, familienfreundlichen Wohnprojekten in stadtnaher Lage. Dabei spielt auch der barrierefreie Zugang eine wichtige Rolle", so Michael Winischhofer vom Wohnservice Wien.

Lange Familien-Wunschliste

"Jeder sollte sein eigenes Zimmer haben, einen Rückzugsort", wünscht sich Sabine F., die mit ihren drei Kindern zwar in einer kinderfreundlichen und modernen Wohnhausanlage in Wien-Donaustadt lebt – allerdings nur auf drei Zimmern. Zwei Kinder teilen sich ein Kinderzimmer, sie selbst schläft mit ihrem Mann im Wohnzimmer und muss täglich das Sofa in ein Bett verwandeln. "Auf alle Fälle kein Idealzustand!"

"Hell" und "großzügig geplant" sollen der ideale Wohnraum für Mutter, Vater, Kind sein. Ein zentraler Ort – die Couch, der Esstisch – soll die gesamte Familie zum "Zusammenkommen" einladen. Der Fernseher soll - wenn es nach den Wünschen der Eltern geht – diese Funktion nicht übernehmen. Viel Stauraum in Form eines Kellers, eines Dachbodenspeichers oder einer Abstellkammer soll den Alltag erleichtern – ein sperriger Kinderwagen lässt sich nicht immer im viel zu klein geratenen Vorzimmer unterbringen, im Hausflur ist er oft nicht gern gesehen, Abstellmöglichkeiten für Fahrrad und Buggys fehlen in älteren Wohnhäusern meist. Auch wichtig: Ein guter (Tritt-)Schallschutz kann Ärger mit Nachbarn sparen.

Der wichtigste Punkt: Leistbar soll der ganze Familienluxus sein. Viele Jungfamilien treibt es daher in Richtung gefördertes Eigenheim bzw. Genossenschaftsbau. War als Single oder Paar eine kleine Mietwohnung noch bezahlbar, so ist es eine größere am privaten Wohnmarkt meist nicht mehr. Auch wenn das Wohnservice Wien erschwingliche Projekte "stadtnah" plant, ist es manchen zu weit weg vom Zentrum. "Leider werden die meisten interessanten Wohnprojekte nur dort verwirklicht, wo es mich nicht hinzieht", ärgert sich Peter, der seinem Sohn zwar Grünfläche gönnt, aber trotzdem nicht auf Stadtflair verzichten möchte. Doch die meisten Jungfamilien nehmen ein Leben in der Halb-Peripherie in Kauf, um preisgünstig genügend Platz für den Nachwuchs zu haben.

Mehr Komfort für Familien

62,2 Prozent aller Privathaushalte sind "Familienhaushalte". Die Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2011 ergab 2.342.300 Familien in Österreich, die sich einen kindgerechten Wohnraum wünschen. Der schließt nicht nur ein familienfreundliches Wohnklima in einer Wohngemeinschaft ein, sondern auch großzügig geplanten und leistbaren Wohnraum.

Die Wiener Wohnbauforschung fand 2009 heraus, dass der Trend zu mehr Komfort und Wohnraum steigt. Während die durchschnittliche Wiener Wohnung etwa 80m² groß ist, wünschten sich die Befragten etwa 13m² mehr. In den älteren Gemeindebauten dominieren vor allem Klein- und Mittelwohnungen zwischen 60 und 90m².

Die geförderten Genossenschaftsbauten bieten mehr Platz, meist inkludiert sind eine Terrasse oder Balkon. Je nach Standort und Bauträger werden Familien mit unterschiedlichen Zuckerln gelockt. "Bei der Vergabe eines Bauprojekts haben wir natürlich Vorgaben, angefangen von der Größe der Wohnungen bis über die Anzahl der Einheiten, aber auch, ob und wie viele Spielplätze es geben soll", heißt es von Seiten Wiener Wohnens.

Seit 2005 steht am Brigittenauer Höchstädtplatz ein Wohnhochhaus der Genossenschaft "Sozialbau". Mehr als 170 Wohnungen sind vergeben. Auf die Wünsche und Bedürfnisse der Familien wurde mit sieben Kinderwagen- und Fahrradabstellräumen, drei Spielplätzen und Spiel- und Veranstaltungsräumen besonders eingegangen. Auch ein Kindertagesheim gibt es. Natürlich hat es vor allem Familien in den – auf den ersten Blick – nicht sehr familienfreundlichen Turm gezogen, der nicht eben mit Wiese und Bäumen punkten kann. "Die Öffis vor der Türe, die zentrale Anbindung, die Kindergärten und Schulen ums Eck haben uns überzeugt", so eine Bewohnerin, die mit zwei Kindern und Katze vor sechs Jahren eingezogen ist.

Vor 30 Jahren: Wohnen mit Kindern

Familienfreundliches Wohnen ist nicht erst seit kurzem Thema. Bereits vor 30 Jahren verwirklichte der Architekt Ottokar Uhl mit 16 Familien die Wohnhausanlage "Wohnen mit Kindern" in Wien-Floridsdorf. Die Kriterien: Kleinere Wohnzimmer zugunsten von größeren Kinderzimmern, Gemeinschaftsräume für den Nachwuchs und der gemeinsame Garten als Stück "wilde Natur" mit Hügeln, Bäumen und Gebüschen. Es entstanden – je nach individuellen Wünschen der Eltern mit Kindern - Geschoßwohnungen und Maisonetten. Ein Traum für viele Familien, der im geförderten Wohnbau heute teilweise verwirklicht wird. (Karin Jirku, derStandard.at, 17.2.2013)

Was ist wichtig, was ist richtig?
Checkliste des Kinderbüros Steiermark "Für einen kinderfreundlichen Wohnbau"

  • Kindern Spiel- und Grünflächen bieten und trotzdem noch leistbar und zentral wohnen - gar nicht so einfach...
    foto: karin jirku

    Kindern Spiel- und Grünflächen bieten und trotzdem noch leistbar und zentral wohnen -
    gar nicht so einfach...

  • Auf den ersten Blick nicht gerade kinderfreundlich: im Wohnhausturm am Hochstädtplatz ist man dennoch besonders auf die Bedürfnisse von Familien eingegangen.
    sozialbau

    Auf den ersten Blick nicht gerade kinderfreundlich: im Wohnhausturm am Hochstädtplatz ist man dennoch besonders auf die Bedürfnisse von Familien eingegangen.

  • Kleinkinder-Spielplätze sind im Sozialbau baurechtlich vorgegeben.
    sozialbau

    Kleinkinder-Spielplätze sind im Sozialbau baurechtlich vorgegeben.

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