"Drei Könige, zwei Frösche und ein Schnitzel"

Interview11. Februar 2013, 17:17
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Stimmkünstler Stefan Kaminski macht mit Musikern überbordendes Live-Hörspiel-Theater. Thomas Trenkler sprach mit ihm über seinen "Ring des Nibelungen", den er am Deutschen Theater in Berlin entwickelte - und Mitte März an vier Abenden im Rabenhof präsentiert

Berlin - Auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin hat Stefan Kaminski, 1974 in Dresden geboren, eine Art Tonstudio aufgebaut. Und dann ist er, der Schauspieler und Synchronsprecher, alles in Personalunion: Er interpretiert sämtliche Rollen, er macht Geräusche, er imitiert Fabelwesen, Pferde und Vögel, er bläst in die Schalmei, wenn Siegfried in Szene tritt, er spielt E-Bass und verwandelt sich in einen Rockstar.

Zwischen 2007 und 2009 realisierte Kaminski zusammen mit einigen Musikern, die unter anderem Glasharfe, Cello und Nagelklavier spielen, den Ring des Nibelungen als "Live-Hörspiel-Theater". Nun, im Wagner-Jahr, geht er mit dieser rasanten Produktion auf Tournee.

STANDARD: Stimmt es, dass nach dem Fall der Mauer ein Kassettenrecorder Ihre Fantasie beflügelte?

Kaminski: Es gab zwar auch zu DDR-Zeiten Recorder, aber die waren wahnsinnig teuer. Ich war damals 15, verdiente mir mit Ferienjobs mein erstes Geld - und kaufte mir einen wirklich guten Recorder mit Mikrofoneingang. Er hatte zwei Laufwerke, sodass ich die Aufnahmen umspielen oder übereinander spielen konnte. Ich entwickelte Radioshows, Reportagen, Hörspiele, sprach alle Stimmen, also die Stimme des Moderators wie des Interviewten.

STANDARD: Meeresbiologe wollten Sie dann nicht mehr werden?

Kaminski: Ja, mich hat das Medium Radio mehr gereizt. Meine Kassetten gefielen: Ich durfte bei Radio Brandenburg ein Praktikum machen, kam in die Kinderredaktion, produzierte dort meine Märchen neu. Aufgrund meiner Stimmenvielfalt wurde ich eingeladen, an Hörspielen mitzuwirken, in denen drei Könige, zwei Frösche und ein Schnitzel vorkamen. Man musste eben nicht sechs Sprecher engagieren, sondern nur mich. Aber ich wollte nicht in die Parodie-Ecke kommen. Daher begann ich, Schauspiel zu studieren.

STANDARD: 2001, noch während der Schauspielschule, wurden Sie ans Deutsche Theater engagiert.

Kaminski: Ich wollte eine Band haben - und Radio machen. Und dann kann eben die Bühne dazu. 2004 durfte jeder etwas im "Deutschen Eck", einer Holzkiste im Foyer, realisieren. Dimiter Gotscheff z. B. hat Heiner Müller rezitiert. Und ich habe das Live-Hörspiel Im Bann des Psychopudels gemacht. Daraufhin wurde ich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, so etwas öfter zu machen. 2007 kamen Kong! und Das Rheingold heraus, dann die weiteren Teile des Rings. Das ist die Erfüllung dessen, was ich mir gewünscht habe: kindlich zu bleiben, trotzdem ernsthafte Stoffe zu bearbeiten, nicht zu parodieren, eine große Geschichte zu erzählen. Und ich hab auch meinen Traum von einer Band realisiert, weil ich tolle Musiker dabeihab.

STANDARD: Wenn Sie "King Kong" oder den "Weißen Hai" umsetzen: Halten Sie sich an den Film, oder gehen Sie frei mit dem Stoff um?

Kaminski: Ich suche mir Stoffe, die viele Menschen kennen. Denn aufgrund meines Formats kann ich die Geschichten auf eine völlig neue Weise erzählen. Aber mir ist es immer wichtig, dem Stoff gegenüber loyal zu sein.

STANDARD: Wie kamen Sie auf Wagners "Das Rheingold"?

Kaminski: Ich bin kein Wagnerianer oder so, ich war einfach vom Rheingold fasziniert, als ich die Oper das erste Mal auf CD hörte. Diese Antipoden Riesen - Zwerge, Götter - Menschen, grollende Naturgewalten - sphärische Wesen fand ich toll. All die Dinge, um die es geht, sind aktuell und jedem vertraut: Liebe, Hass, Verrat, Krieg, Freiheitsdrang. Diese Geschichte wollte ich sprachlich freilegen - und ich wollte Menschen, die sich noch nie mit Wagner beschäftigt haben oder ihn nicht mögen, für sie begeistern.

STANDARD: Manche Kompositionen sind von Wagner beeinflusst, andere nicht. Gibt es ein Konzept?

Kaminski: Im Melodram Walküre, in dieser Liebestragödie, gibt es die meisten Wagner-Motive, insgesamt neun. Siegfried handelt von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen: ein Märchen mit ganz viel Slapstick und Komik. Das Duett mit Brünnhilde besteht sogar aus zwei Wagner-Motiven, aber ansonsten schwebte mir das Konträrste dazu vor: die Popmusik. Und die Götterdämmerung ist die komplette Zerstörung, ein bestialischer Krimi. Da gibt es kein einziges Wagner-Motiv.

STANDARD: Sie verzichten auf einen Erzähler, es gibt nur Dialoge. Ist es nicht mitunter schwierig, nachvollziehbare Überleitungen zu finden?

Kaminski: Ich will einen vitalen Erzählprozess mit Cuts wie im Film - und die Geschichte über den Schweiß der Figuren erzählen. Mit einem Erzähler würde ich es mir einfach machen. Daher sind die Abende pur dialogisch. Aber es gibt ja auch im Libretto von Wagner nur Dialoge - abgesehen von den Regieanweisungen. Und, ja: Die Figuren sprechen daher immer wegweisende Sätze, damit man versteht, was als nächstes folgt. Eben wenn z. B. Siegfried sagt: "Aus dem Wald will ich, fort in die Welt."

STANDARD: Soll der Kampf zwischen Siegfried und Fafner an eine Live-Untermalung zu einem Stummfilm erinnern?

Kaminski: Ja, das ist so gemeint gewesen. Daher ist diese Szene auf der DVD in Schwarzweiß. Den Film müsste man nur noch drehen. Aber das Publikum baut sich die vierte Dimension, das Kino im Kopf, selbst zusammen.

STANDARD: Sie kommen zwar vom Radio, daher der Übertitel "Kaminski on air". Müsste er aber nicht heißen "Kaminski on stage"?

Kaminski: Das stimmt. Ich wollte meine Herkunft auf die Bühne bringen, zeige ein Studio, den Schaffensprozess. Aber ich liebe Hörspiele. Ich mag es, wenn man die Augen zumachen kann. Und zum Schluss wird es eben ein Konzert, eine Rock-Show.

STANDARD: Es gibt Lichtstimmungen, Bühnenbild, Requisiten. Sie setzen eine Drachenkappe auf, greifen zum Schwert: Ist das nicht auch klassisches Theater?

Kaminski: Früher hab ich nur das gemacht, was hörbare Wirkung hatte. Später entdeckte ich auf Fotos, dass man die Figur erkennt, die ich gesprochen habe. Die Mimik passierte unbewusst. Ich habe dann viel mehr Wert aufs Spielen gelegt. Wenn die Leute schon da sitzen, will ich ihnen noch etwas dazuliefern. Deswegen verwende ich nicht mehr die Bezeichnung "Dreidimensionales Live-Hörspiel", sondern nenne es jetzt " Live-Hörspiel-Theater". (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 12.2.2013)

Stefan Kaminski (38) ist unter anderem die Stimme von Kermit, für das Hörbuch von Christine Nöstlingers "Wir pfeifen auf den Gurkenkönig" erhielt er den Preis der deutschen Schallplattenkritik. Im Rabenhof gastiert er mit dem "Ring des Nibelungen": am 19. 3. "Rheingold", am 20. 3. "Walküre", am 22. 3. "Siegfried" und am 23. 3. "Götterdämmerung".

  • Er lebt seine Figuren: Stefan Kaminski im blutrünstigen Finale von "Götterdämmerung".
    foto: kaminski on air

    Er lebt seine Figuren: Stefan Kaminski im blutrünstigen Finale von "Götterdämmerung".

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