Richard Artschwager gestorben

11. Februar 2013, 17:13
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Der US-Künstler, ein Meister des Furniers, entzog sich allen Kategorisierungen

New York - Skulpturen zum Sitzen, Malerei zum Anfassen, Bilder als Objekte, Möbel als Bilder: Im Zwischenreich von Kunst- und Handwerk schuf Richard Artschwager seit den frühen 1960er-Jahren möbelartige Skulpturen, er furnierte einfache, minimalistische Würfelformen, malte Porträts von Mördern, Terroristen und Präsidenten auf Celotex. Die raue Struktur dieser Hartfaserplatten aus Zuckerrohrabfällen entsprach in anderem Maßstab jener von Papier.

Die Bildmotive, die Richard Artschwager am Anfang seiner Karriere u. a. auch in Immobilienannoncen fand, vergrößerte er um ein Vielfaches, sodass seine meist in Grauschattierungen gehaltene, hyperrealistische Ölmalerei grobkörniger Fotografie ähnelte. Nach 9/11 etwa malte er drei im Format idente Porträts: einen grinsenden Osama bin Laden, einen ausdrucksleeren George Bush und sich selbst mit grimmigem, hagerem Gesicht.

Geboren im Dezember 1923 in Washington als Sohn eines deutschen Botanikers und einer ukrainischen Hobbymalerin, besuchte Artschwager mit acht ein Jahr lang in München die Schule; den größten Teil seiner Kindheit und Jugend verbrachte er allerdings in New Mexico. Er studierte Zellbiologie und Mathematik und meldete sich 1942 freiwillig zum Militäreinsatz in Europa. Nach dem Zweiten Krieg studierte er ein Jahr lang in Paris Malerei, in Wien lernte er seine spätere Ehefrau Elfriede kennen; sie sollte ihn auch ermuntern, eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen.

Doch zunächst gründete der später weltberühmte Objektkünstler, Maler, Grafiker und Bildhauer 1953 eine Möbeltischlerei in New York, er fertigte unter anderem Schiffsaltäre für die katholische Kirche, und für Claes Oldenburg, der damals seinen legendären "Store" in Downtown Manhattan eröffnete, baute er das Bedroom Ensemble.

1958 brannte die Werkstatt ab - Artschwager nahm dies als Wink des Schicksals, sich künftig vollends der Kunst widmen: "Mit Furnier hat alles angefangen, Furnier, das großartig hässlichste Material, der Schrecken des Zeitalters. Ein Material, das ich plötzlich anfing zu mögen, weil ich es satthatte, all das schöne Holz anzuschauen."

Der Meister des Furniers wurde abwechselnd der Pop-, Minimal- und Konzeptkunst zugeordnet, doch er entzog sich Kategorisierungen: Artschwager blieb Artschwager. Das sei das Schöne an der Kunst, sagte er in einem Gespräch mit der Zeitschrift Monopol: "Widersprüche sind kein Problem, denn wir haben es mit bildender Kunst zu tun und nicht mit Sprache."

Fünfmal nahm er zwischen 1968 und 1992 an der Documenta in Kassel teil, seine Kunst möbliert die wichtigsten Museen weltweit. Erst vorige Woche beendete das New Yorker Whitney Museum, das Artschwager schon 1988 mit einer Personale ehrte, eine auch in der New York Times hochgelobte Retrospektive. Gezeigt wurde auch das Spätwerk Artschwagers: ein hellfarbenes, buntes Landschaftsbild aus dem Jahr 2007. In und ums Museum waren seine Blps montiert, die er in den frühen 1970ern erstmals realisierte. Diese tablettenähnlichen Objekte hätten, so der Künstler, nur eine Aufgabe: unsere Aufmerksamkeit zu schärfen für das, was uns umgibt.

Am Wochenende starb Artschwager 89-jährig in New York an den Folgen eines Schlaganfalls. (Andrea Schurian, DER STANDARD, 12.2.2013)

  • Richard Artschwager hatte kürzlich eine hochgelobte Retrospektive im Whitney Museum; er starb am Wochenende 89-jährig an den Folgen eines Schlaganfalls.
    foto: christopher felver/corbis

    Richard Artschwager hatte kürzlich eine hochgelobte Retrospektive im Whitney Museum; er starb am Wochenende 89-jährig an den Folgen eines Schlaganfalls.

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