Soldatinnen können "zum Schluchzen beginnen"

11. Februar 2013, 10:13
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Der "Knigge für weibliche Rekruten" und andere "Anleitungen" - Aktuell sind 365 Frauen beim Heer, vorwiegend als Sportlerinnen

Wien - Seit 15 Jahren können Frauen beim Bundesheer als Soldatinnen dienen. In diesen Jahren haben 1.044 Frauen die Uniform angezogen, aktuell sind 365 Soldatinnen beim Bundesheer. Gemessen an der Gesamtzahl der Berufssoldaten (16.000) sind das nur 2,3 Prozent. Von den im ersten Jahrgang 1998 eingerückten 79 Frauen ist fast die Hälfte (35) noch dabei. Auch von den aller ersten neun Soldatinnen, die am 1. April 1998 in Strass eingerückt sind, sind noch vier beim Bundesheer.

Anlässlich der Einrückung der ersten Soldatinnen hat der damalige Kasernen-Kommandant Josef Paul Puntigam einen "Knigge für weibliche Rekruten" unterzeichnet. Darin wurden die Soldatinnen aufgefordert, "ordentlich und gepflegt" aufzutreten, zu "Männern in der Dienstzeit die notwendige Distanz zu halten" und sich "auf keine Abenteuer einzulassen". Männerbesuche im Zimmer der Soldatinnen sowie Soldatinnenbesuche in Zimmern der Männer waren verboten. Vorgesetze und Ranghöhere sowie männliche Rekruten durften sich den Frauen "nicht mehr als 3 Schritte nähern". "Nachfeiern" und Besprechungen durften nur im Soldatenheim oder in einem öffentlichen Lokal stattfinden. "Ihr Intimsphäre ist uns heilig", hieß es im dem Papier. "Sexuelle Belästigungen werden unverzüglich disziplinär bzw. strafrechtlichen geahndet."

Grundsatzbefehle für Ausbildung und Integration

Den Ausbildnern wurde in einem "Grundsatzbefehl für die Ausbildung und Integration von Frauen im Jägerregiment 5" geraten, bei einem dienstlichen Aufenthalt in der Frauenunterkunft die Tür offen zu lassen. Ausbildner durften auch nicht alleine in die Unterkünfte der Frauen gehen. In diesem Grundsatzbefehl wurden zudem "psychologische Aspekte", die unterschiedlichen Kommunikationsverhalten von Frauen und Männern und "militärsoziologische Fragen" beleuchtet. Darin hieß es etwa, dass Frauen bei Gesprächen "den direkten Blickkontakt suchen" und diesen als "sehr angenehm empfinden", während Männer den direkten Blickkontakt "meist als bedrohlich und konkurrenzierend" erleben.

Frauen stellen "Warum-Fragen"

Es wurde weiters angeregt, Frauen nicht nach den gleichen Methoden auszubilden wie Männer. "Besonders wenn sie erschöpft und gereizt sind, muss der Ausbildner freundlich bleiben, wenn er sie zu weiteren Leistungen anspornen will." Es wurde empfohlen, bei der Ausbildung "beispielhaftes Verhalten" einzusetzen, denn "Frauen erheben häufiger Widerspruch, sie stellen öfter 'Warum'-Fragen. Vor allem in der Formalausbildung wird die Sinnhaftigkeit von Maßnahmen häufig hinterfragt." "Freude und Frust äußern sich bei Männern und Frauen verschieden. Während Männer gerne 'einen heben', können Frauen zum Schluchzen (sic!) beginnen." Kommandanten werden davor gewarnt, dem "Beschützersyndrom" gegenüber Soldatinnen zu verfallen. Man machte sich sogar Gedanken darüber, ob die Kraft im Zeigefinger der Frauen ausreichen würde, um das Sturmgewehr 77 abzufeuern. Hier wurde ein spezielles Training empfohlen.

Zahlen und Fakten

Der höchste Dienstgrad, den Frauen bei Bundesheer bisher erreicht haben, ist Oberst. Es gibt elf davon, sie alle sind Ärztinnen. Insgesamt gibt es 63 weibliche Offiziere, 131 Unteroffiziere, 139 Chargen und 32 Rekruten. Die meisten Frauen - nämlich 74 - sind als Sportlerinnen beim Heer. Zusätzlich zu den hauptberuflichen Soldatinnen zählt auch die Miliz 71 Frauen in ihren Reihen. Bei rund 26.000 Milizsoldaten insgesamt ist der Frauenanteil hier allerdings noch niedriger. Das Durchschnittsalter der Soldatinnen liegt bei 31 Lebensjahren.

Von Melk bis Innsbruck

Die Dienststelle mit den meisten Soldatinnen ist das Heeressportzentrum mit den besagten 74 Sportlerinnen. Die Dienststelle mit der zweithöchsten Zahl ist die Militärstreife und Militärpolizei mit 16 Soldatinnen. Dahinter folgen das Pionierbataillon 3 in Melk und das Sanitätszentrum Süd in Klagenfurt mit jeweils 14 Soldatinnen, die Theresianische Militärakademie mit 13 Soldatinnen, das militärmedizinische Zentrum mit zwölf sowie das Pionierbataillon 2 in Salzburg und das Stabsbataillon 6 in Innsbruck mit jeweils elf Soldatinnen.

Die Funktionen, die weibliche Soldaten beim Bundesheer einnehmen, sind vielfältig. Neben den Sportlerinnen und Ärztinnen gibt es auch Frauen in Kommandantenfunktionen. Dazu gehören etwa die Kommandantin eines Granatwerfertrupps, die Kommandantin einer Panzerpioniergruppe, eine Panzerzugskommandantin und eine Nachschubtransportkompaniekommandantin. Das Bundesheer hat auch drei Hubschrauberpilotinnen, mehrere Heeresfahrschullehrerinnen, eine Tragtierführerin und mehrere Soldatinnen im Militärhundezentrum. Soldatinnen sind auch bei den Auslandsmission zu finden, aktuell sind es 25.

Beim Vergleich der Bundesländer ist das größte Bundesland Niederösterreich mit fast 100 Frauen Spitzenreiter, gefolgt von der Steiermark mit 60 und Salzburg mit 50. Die wenigsten Soldatinnen gibt es freilich in den beiden kleinsten Bundesländern, Vorarlberg und dem Burgenland, mit jeweils weniger als zehn.

Neun Liegestütze

Die körperlichen Anforderungen an Frauen, die Karriere beim Bundesheer machen wollen, unterscheiden sich von jenen für Männer. Bei der Eignungsprüfung für den Ausbildungsdienst sind beispielsweise mindestens neun Liegestützen erforderlich, Männer müssen mindestens 17 schaffen, beim Standhochsprung sind für Frauen mindestens 32 Zentimeter erforderlich, für Männer 42. Anwärterinnen müssen zudem mindestens sieben Klimmzüge im Schräghang können, Männer zwölf. 2.400 Meter müssen Frauen in längstens 13.30 Minuten laufen, Männer in 12.30 Minuten. Absolute Gleichberechtigung herrscht zwischen den Geschlechtern bei der Entlohnung. Im Ausbildungsdienst beginnt man als Rekrut mit 970 Euro netto monatlich. Hinzukommen kostenlose Bereitstellung von Unterkunft und Verpflegung, Freifahrt zur Kaserne sowie Familien- und Wohnbeihilfen, wenn die Anspruchsvoraussetzungen vorliegen. (APA, 11.2.2013)

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    Unter anderem müssen Frauen neun Liegestütze schaffen, wenn sie beim Bundesheer aufgenommen werden wollen.

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