Eine scharfe Kante und ein glatter Schnitt

Blog11. Februar 2013, 10:16
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Nicht nur die stark blutenden Wunde macht eine Menge Verbandmaterial erforderlich

Wir kommen mit dem Tau. Kalt ist es, der Wind geht - nicht wirklich gemütlich. Schon von oben lassen sich die Blutspuren im Schnee erkennen. Sie zeichnen eine groteske Figur in die Piste.

"Na, das blutet ja wirklich." - "Ja, schaut so aus." Wir nicken uns zu. Oft erscheint es aber schlimmer, als es tatsächlich ist. Am Boden gelandet, klinken wir uns aus. "Das wird ein bisschen dauern", funke ich zu Andi, unserem Piloten. "Okay, macht nichts."

Der Patient, ein Holländer, ist ansprechbar. Er versteht uns ganz gut. "Gestern war ich noch Kanten schleifen, verdammt ..." Gute Arbeit auf jeden Fall. Hat sich ausgezahlt.  Eine scharfe Kante und ein ordentlicher, satter Schnitt. Knapp oberhalb des linken Knies eine circa 15 Zentimeter lange klaffende Wunde, die blutet - zwar nicht arteriell, aber Blut kann auch aus einer Vene viel fließen, und das tut es auch.

Heli wickelt die Tupfer aus, das Peha-Haft und alles sonst für einen Druckverband. Wir werden viel brauchen, sehr viel.  Nicht nur wegen der Blutung. Der Patient ist nicht gerade leptosom. Der Oberschenkel hat ungefähr einen Durchmesser wie mein Oberkörper. Ich weiß, das muss nicht viel heißen, aber der Mann ist wirklich schwer.

Ich setze einen Zugang, blicke auf zu seinem Oberkörper, der ganz und gar nicht den gleichen Durchmesser wie mein Oberschenkel hat, und frage vorsichtig: "Wie schwer sind Sie?" - "Na ja, 150 Kilogramm, aber ich bin ja 1,90 Meter groß." Na, dann ist ja alles klar. Bei einer Körpergröße von 190 Zentimetern wäre alles ja Untergewicht. Das denke ich mir, sage es aber nicht.

Die Wunde ist versorgt, die Blutung steht, die Infusion läuft, der Schmerz ist beseitigt. Also rein in den Bergesack. So wie immer, ist unser Gedanke. Zum Umlagern legen wir den Bergesack neben den Patienten in den Schnee. Wir schauen auf den Bergesack, auf den Patienten, wieder auf den Bergesack, und dann uns gegenseitig an. Wie werden wir den Mann jemals da hineinkriegen? Und dann noch in die Luft?

Seitliches Drehen, Bergesack darunter, Füße und Beine hineinstopfen, zurückdrehen, nach-, rauf-, runterziehen, Kopf rein, Arme auch. Die Pisten-Sanis helfen mit, der Schweiß rinnt uns herunter. Geschafft, fast, so gut wie möglich halt. Ab dem Becken ist der Bergesack mit dem Klettband nicht mehr zu schließen. Wir zurren die Gurte an, quer darüber, nicht zu fest, doch schon betont. Alles muss sicher sein. Das ist es.

"Liegen Sie gut?" - "Ja, danke, geht super!" - "Na, dann ist ja alles gut." - "Andi für Heli!" - "Ja, Heli." - "Andi, du kannst kommen." - "Okay." - "Der  Patient ist aber ein bisschen schwerer." - "Danke."

Der Hubi ist über uns, das Tau pendelt. Wir hängen uns an der Zentralplatte ein. "Abflugcheck okay, fertig zum Abheben." Es tut sich nicht viel. Die Rotorblätter knattern, der Hubi vibriert, die Turbinen surren: "Ui, des is zach." Langsam, ganz langsam gleiten wir in die Höhe, über die Baumwipfel hinweg. (Robert Mosser, derStandard.at, 11.2.2013)

Robert Mosser ist Facharzt für Anästhesie sowie Flugrettungsarzt. In seinem Blog gibt er komische, tragische und bewegende Einblicke in seine Tätigkeit.

  • Ein gut geschliffener Ski verursacht einen Schnitt oberhalb des Knies.

    Ein gut geschliffener Ski verursacht einen Schnitt oberhalb des Knies.

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