Wunde Stellen im System

Rezension11. Februar 2013, 08:24
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Günther Loewit, Hausarzt in Niederösterreich, macht seinem Unmut über das Gesundheitssystem Luft

Wenn Insider des Gesundheitssystems darüber berichten, was in der Medizin so alles falschläuft, dann eröffnen sich rein theoretisch interessante Perspektiven. Günther Loewit, Hausarzt in Niederösterreich, macht seinem Unmut Luft.

Seine Skepsis verrät schon der Buchtitel. Auf fast 300 Seiten kritisiert er das pharmakologisch-technokratisch geprägte Vorgehen, das den ärztlichen Alltag bestimmt. Die Menschlichkeit fehlt, klagt er, gestresste Ärzte könnten den Tod nicht mehr aushalten, die Industriegesellschaft produziert Krankheiten, die es bisher nicht gab. In Fallbeispielen illustriert er wunde Stellen im System: Magensonden für Alzheimerpatienten, sinnlose Krebstherapien, Patienten, die Frühpensionierung anstreben, und Ärzte, die das ermöglichen.

Keine Belege

Loewit scheut auch nicht davor zurück, seine Kollegen in den Spitälern zu kritisieren. Ärztliche Fertigkeiten wie Abhören oder Abklopfen gehen verloren, statt Patienten zuzuhören, werden sie zur CT geschickt.

Loewit mag in vielem recht haben, doch vor allem der zweite Teil des Buches, in dem er Lösungen skizziert, irritiert. Hier postuliert er, behauptet Tatsachen, ohne sie wirklich zu belegen, über weite Strecken driftet er in Gemeinplätze ab: den Tod akzeptieren, weniger Stress statt Medikamente, Warnsignale ernst nehmen - wenn er Müttern rät, doch lieber zu Hause bei den Kindern zu bleiben, statt zu arbeiten, blitzt seine Weltsicht durch. Als Kritiker mag Loewit recht haben, als Reformgeist enttäuscht er, weil er seine Perspektive als Hausarzt zu keinem Zeitpunkt verlässt. (Karin Pollack, DER STANDARD, 11.2.2013)

Günther Loewit
Wie viel Medizin überlebt der Mensch
Haymon Verlag 2012
280 Seiten, 12,95 Euro

  • Der Hausarzt Günther Loewit macht in "Wie viel Medizin überlebt der Mensch" seinem Unmut Luft.
    foto: derstandard

    Der Hausarzt Günther Loewit macht in "Wie viel Medizin überlebt der Mensch" seinem Unmut Luft.

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