Das Mädchen aus Moskau hat die Kurve gekratzt

Porträt10. Februar 2013, 19:02
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Als Zehnjährige kam Julia Lautowa nach Österreich. Heute pendelt sie als Trainerin von Manhattan nach New Jersey

New York / Wien - Der große Apfel, Manhattan, 43. Straße, ein Apartment im 33. Stockwerk. Hier wohnt Julia Lautowa (31), und wenn sie aus dem Fenster blickt, sieht sie auf den Hudson River, das hat was. Da kommt nicht viel Wehmut auf, wenn Julia zurückdenkt - an Wien. Oder noch weiter zurück - an Moskau.

Sie war zehn Jahre alt und träumte wie so viele kleine Moskauerinnen von einer großen Karriere als Eisläuferin. Sie war talentiert, eine der Besten ihrer Gruppe, die im Sommer 1993 auf Trainingslager fuhr. 300 Kilometer von Moskau und von den Eltern entfernt, das kam ihr sehr weit vor. Das Trainingslager dauerte einen Monat lang, die Eltern der anderen Mädchen kamen ungefähr nach zwei Wochen, zur Trainingslagerhalbzeit. Ihre Eltern kamen erst zum Trainingslagerende. "Du wirst bald nach Österreich fliegen, haben sie gesagt." Ihren elften Geburtstag feierte Julia Lautowa schon in Wien.

In Wien. Als Zehnjährige. Ohne Eltern. Und ohne ein Wort Deutsch zu können. Klingt brutal, doch Lautowa hat es nicht so empfunden. Es war einfach so. Und sie durfte ja weiterhin eislaufen. Der Wiener Verein Cottage Engelmann respektive dessen Chef Hans Gunsam hatte den russischen Trainer Sergej Gromow verpflichtet. Gromow brachte seine Frau Marina, seine Tochter Natascha und brachte seine Schülerin Julia mit. " Sie war", sagt der Herr Gunsam, wie sie ihn stets nennt, "ein aufgewecktes, dünnes, liebes Mädchen mit langen, braunen Haaren und einem erstaunlichen Sprachtalent. Bald war ihr Deutsch nicht bloß gut, sondern akzentfrei."

Julia fand "alles sehr spannend. Neues Land, neue Stadt, neue Menschen, neue Sprache - und so viele Geschäfte." Herr Gunsam stellte in Langenzersdorf eine Zweizimmerwohnung auf, Natascha und Julia wurden in die vierte Klasse der nächsten Volksschule gesteckt und bekamen ein Wörterbuch mit auf den Weg. Julia schrieb alles auf, was sie hörte, bald begann sie Deutsch zu sprechen. "Ich hab keine Hemmungen gehabt, hab einfach drauflosgequatscht." In der Schule hatte sie keine Probleme.

Heimweh

Probleme gab's eher in der Eishalle. Julia, die Ausländerin, hatte mit ihren elf, zwölf Jahren schon fast alle Dreifachsprünge und damit mehr drauf als jede österreichische Läuferin. Trainer und Funktionäre wollten nicht akzeptieren, dass urplötzlich mächtige Konkurrenz da war. So wurden auf der einen Seite Julias Leistungen manchmal überkritisch beurteilt, andererseits wuchs der Druck auf das Mädchen. "Zuerst hab ich es cool gefunden, dass ich die Beste auf dem Eis war, das hat mich angespornt", sagt sie, "dann hat mich die negative Stimmung immer mehr gestört."

Julia hatte Heimweh. Skypen spielte es noch nicht, Telefonieren war teuer. Als Gromows Ehe in die Brüche ging, übersiedelte Julias Mutter nach Wien, der Vater und die Schwester blieben in Moskau. Der Winter 1994/95 war für Julia zum Vergessen, sie brach sich im Training zweimal das Bein, bekam ein Flugticket nach Moskau, die Mutter bekam auch eines. Dort staunte Julia: "Mädchen, die jahrelang schlechter waren als ich, haben plötzlich doppelt so viel können." Herr Gunsam war zunächst nicht begeistert über ihren Vorschlag, in Moskau zu bleiben, aber für Österreich zu starten. "Doch bald ist er hinter mir gestanden."

Der Winter 1996/97 wurde Julias Winter. Sie lebte daheim bei der Familie, pendelte quasi nach Wien, lief international für Österreich, wo sie im Februar 1996 eingebürgert worden war. Lautowa gewann das Schäfer-Memorial, überzeugte bei der Junioren-WM (6.), bei Skate America (4.) und beim GP in St. Petersburg (2.). Bei der EM 1997 in Mailand lief sie auf einen guten achten, bei der WM in Lausanne auf einen tollen achten Platz, dank der sechstbesten Kür, der "Kür meines Lebens".

Doch 1998 war durchwachsen, der 14. Olympiaplatz konnte sich sehen lassen, dann verletzte sich Julia, diesmal am Rücken. Sie übersiedelte wieder nach Wien, die Heim-EM 2000 endete mit Platz zwölf passabel. Doch an den achten WM-Platz knüpfte sie nicht mehr an. Für Olympia 2002 hatte sie die internationale Norm erfüllt, doch das ÖOC nahm sie nicht mit. Julia zog zurück nach Moskau, der 15. WM-Platz 2003 konnte sich sehen lassen, und in Russland war sie wieder "rundum glücklich". Das lag auch an der Verlobung mit Roman Kostomarow, einem Eistänzer. Julia schloss in Moskau ein vierjähriges Studium der Sportwissenschaften ab. Nach ihrer Heirat mit Roman trat sie Ende 2004 zurück.

Coach und Talent

Julia übersiedelte mit Roman nach New York, wo er und seine Partnerin Tatjana Nawka trainierten, was mit zwei WM-Titeln und Olympiagold 2006 belohnt werden sollte. Vor ihrer Hochzeit waren sie sieben Jahre zusammen gewesen, ein Jahr nach der Hochzeit ließen sie sich scheiden. Sie hatten nicht einmal gestritten, es war halt einfach aus. Julia blieb in New York, machte sich als Trainerin einen Namen. Im Ice House in New Jersey kostet eine Stunde mit Coach Lautowa aktuell 100 US-Dollar. Sie hat etliche Talente unter ihren Fittichen, das größte heißt Dalia Rivkin, ist erst 13 Jahre alt, hat aber schon Amerika-weit aufgezeigt und eine eigene Homepage.

Seit sieben Jahren hat Julia einen Freund, er heißt Jorge, seit zwei Monaten haben sie eine Tochter, sie heißt Skylar. Jorge ist Restaurantbesitzer, sein Lokal "Haven" (51. Straße) ist eine Mischung aus Lounge, Tapas Bar und Club. Bei Jorge und in New York, sagt Julia, ist sie angekommen. "Hier will ich bleiben." Broadwayshows sind ihre Sache nicht, sie geht gerne spazieren, neuerdings mit Kinderwagen, und viel Freizeit hat sie ja nicht. "Eislaufcoach ist ein Fulltimejob."

Zur Eishalle fährt sie mit dem Auto, "direkt über die George-Washington-Bridge", das dauert meistens kaum 25 Minuten. Nach Österreich kommt sie selten, vielleicht einmal im Jahr. Im März kommt sie sicher, sie muss ihren Pass verlängern. Es ist nicht mehr viel, das die 31-Jährige mit Wien verbindet, wo sie einst als Zehnjährige gelandet ist.

Wenn Julia Lautowa aus dem Fenster ihres Apartments auf den Hudson River blickt und zurückdenkt, dann ist sie niemandem gram. Nicht ihren Eltern, die sie weggeschickt haben, nicht dem Trainer Gromow, der sie mitgenommen, nicht Herrn Gunsam, der sie nach Wien geholt hat. "So war halt damals mein Leben", sagt sie. "Es hat mich dorthin gebracht, wo ich jetzt bin." 43. Straße, Manhattan, der große Apfel. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 11.02.2013)

  • Julia Lautowa im März 2003 bei der WM in Washington. Der 15. Platz konnte sich sehen lassen, es war ihr letzter Auftritt bei einem Großevent. 1997, ein Jahr nach ihrer Einbürgerung, hatte sie als WM-Achte ihr bestes Resultat erzielt. Unter dem Strich hätte sie mehr von Österreich haben können - und Österreich mehr von ihr.
    foto: afp/clarey

    Julia Lautowa im März 2003 bei der WM in Washington. Der 15. Platz konnte sich sehen lassen, es war ihr letzter Auftritt bei einem Großevent. 1997, ein Jahr nach ihrer Einbürgerung, hatte sie als WM-Achte ihr bestes Resultat erzielt. Unter dem Strich hätte sie mehr von Österreich haben können - und Österreich mehr von ihr.

  • Lautowa (31 Jahre) mit Tochter Skylar (zwei Monate).
    foto: privat

    Lautowa (31 Jahre) mit Tochter Skylar (zwei Monate).

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