Karneval der Schwankmonster

10. Februar 2013, 18:24
posten

In der vermeintlichen Theaterprovinz von Nordrhein-Westfalen zeigt ein in Wien lebender Meisterregisseur, was man mit der "Pension Schöller" anstellen kann

Dort, wo in Nordrhein-Westfalen die Metropolen Krefeld und Duisburg aneinanderstoßen, bildet der Rhein ein Knie. Zur Linken, im Westen, erstreckt sich Krefeld, die spröde "Samt- und Seidenstadt". Der Kulturhungrige wird hier eher diskret versorgt.

Kabarettisten wetteifern laut Plakatmitteilung um die Erringung der " Krefelder Krähe". Andere Geschäfte vor Ort geben sich deutlich prosaischer und werben um Mitglieder für die "Fördergemeinschaft Gutes Hören". Es ist Karnevalszeit im Rhein-Ruhr-Gebiet. Der Backstubengehilfe schämt sich nicht und verkauft seine Bienenstiche unter der Bedeckung einer Narrenkappe. Eine "Druckertankstelle" setzt auf den Tintendurst ihrer Kundschaft ("Hier befüllt Krefeld!").

Theaterfreunde genießen in Krefeld ein doppeltes Glück. Krefeld bildet mit dem rund 20 Kilometer entfernten Mönchengladbach eine Bühnen-Zwillingsstadt. Zu Großpremieren macht man sich in den benachbarten Westen auf. Das Haus im Gladbach ist ein wahres Schmuckkästchen. Und weil Fasching ist, hat man dort den Schwank Pension Schöller auf den Programmzettel gesetzt.

Das ehrwürdige Stück (1890) von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby bildet das Hochamt der Narretei. In ihm versteift sich ein aus der Provinz zugereister Schmock auf die Idee, dem Gesellschaftsabend in einer Nervenheilanstalt beizuwohnen. Was er, von seinem Neffen bewusst falsch ins Bild gesetzt, nicht wissen kann: Die Herrschaften der titelgebenden " Pension Schöller" pflegen zwar ihre Spleens, sind im Grunde aber auch nicht verrückter als die ganze übrige Gesellschaft.

Ganz gewiss nicht verrückt ist das Konzept des in Mönchengladbach diensttuenden Regisseurs. Michael Gruner (67) gehörte früher zum Establishment des deutschen Theaters. Er gab als junger Schauspieler einen der vier Herren, die 1966 von der Bühne des Frankfurter Theaters am Turm herab das Publikum beschimpften und Peter Handke über Nacht zum aufmüpfigen Star machten.

Gruner aber fand das Inszenieren für sich geeigneter. Er war lange Jahre Oberspielleiter in Düsseldorf und Stuttgart. Er leitete zuletzt zehn Jahre lang das Schauspiel in Dortmund und hatte dabei schon längst seine Visitenkarte in Wien abgegeben. Früh an der Burg, mit Ende der 1990er-Jahre auch am Wiener Volkstheater. Dort versetzte er Stücke von Horváth und Schnitzler in Gemütstiefen, von denen andere Regisseure sich nichts träumen lassen.

Traumort des Irrsinns

Geträumt wird vornehmlich auch in der Gladbacher Pension Schöller. Der Provinzler Klapproth (Daniel Minetti), der in der Metropole Berlin ein paar zünftige Nervenkranke zu sehen wünscht, wälzt sich schwer im Bett.

Im Café der Pension springt kaum das Licht an. Die Gäste, darunter ein Major i.R., eine Autorin von Romanschmonzetten und ein angehender Bühnendarsteller mit schwerem "L"-Fehler, bewegen sich schaumgebremst wie Gespenster über die Bühne. Dabei sind Schwänke Maschinenstücke. Sie leben vom reibungslosen Ablauf, von satter Beschleunigung und einer Vollbremsung im Happy End.

Bei Gruner sind eher die Kräfte des Unbewussten am Werk. Klapproth schüttelt die Wahnsinnigen förmlich aus seinem Kopf heraus. Ihr Daseinsrecht behaupten die Irren, indem sie ihre Symptome wie Erkennungsmarken vor sich hertragen. Eugen (Paul Steinbach) deklamiert Schiller, indem er alle "L"-Laute durch ein "N" ersetzt. Kommt es zu " Schinners Winhenm Tenn", heißt es: "Durch diese hohne Gasse muss er kommen ..." Dem verdatterten Klapproth setzt er stückgerecht einen " Apfen" auf den Kopf. Sein Onkel (Bruno Winzen), der Pensionsinhaber, ist ein Prüfstein der Normalität. Ein elegant verlebter Zirkusdirektor mit Menjou-Bärtchen, der mit seiner sinnzerstückelnden Rede Klapproth in den Wahnsinn treibt.

Nähe zu Francisco Goya

Diese wahrhaft traumhafte Inszenierung der nicht totzukriegenden Pension Schöller ist eher bei Goya zu Hause als im niederrheinischen Karnevalstreiben. Sie endet auch nicht in der Geraderückung der Verhältnisse oder in einem vorgezogenen Aschermittwoch. Klapproth findet sich inmitten eines Haufens Zombies alleingelassen. Die Kreaturen gieren nach seinem Geld. Das verstanden auch die Krefelder und Mönchengladbacher. Sie bejubelten das Werk eines Meisterregisseurs. (Ronald Pohl aus Krefeld, Der STANDARD, 11.2.2013)

  • Klapproth (Daniel Minetti, Mi.) im Kreise der gar nicht wahnsinnigen Pensionsgäste: Michael Gruner inszeniert Laufs/Jacoby im Theater Mönchengladbach.
    foto: theater krefeld

    Klapproth (Daniel Minetti, Mi.) im Kreise der gar nicht wahnsinnigen Pensionsgäste: Michael Gruner inszeniert Laufs/Jacoby im Theater Mönchengladbach.

Share if you care.