Die Gelassenheit eines Sportsmannes

10. Februar 2013, 18:14
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Benjamin Raich, Slalom-Rekordsieger auf der Planai, startet anlässlich der heutigen Superkombination in seine achte Weltmeisterschaft. Der 34-jährige Tiroler hat sich gut vorbereitet und sagt: "Jetzt kann man nur noch loslassen und es passieren lassen."

Schladming - Benjamin Raich, der Pitztaler mit den vielen Preisen, zählt diesmal nicht zu den Top-Favoriten. "Ich hab nach wie vor Spaß am Skifahren. Und ich kann nach wie vor mitmischen. Natürlich waren die Ergebnisse heuer nicht so, wie ich mir das erhoffte und viele erwartet haben", sagt er, "aber ich bin überzeugt, dass ich in jedem Rennen meine Medaillenchance habe. Ich weiß, dass mir viele das nicht zutrauen. Aber ich will nur mir etwas beweisen. Ich möcht eine gute WM machen für mich und kein Team."

Raich, der zweifache Olympiasieger und dreifache Weltmeister, der insgesamt 14 Medaillen von Großereignissen heim nach Arzl ins Pitztal gebracht hat, der Gesamtweltcupsieger und Gewinner von 36 Weltcuprennen, schaffte heuer einen fünften Platz. Das passierte beim Slalom in Kitzbühel, kurz vor den Schladminger Titelkämpfen. Erst dadurch qualifizierte sich Raich für das einschlägige WM-Team. "Oft schaut es nicht gut aus. Aber das heißt noch lange nicht, dass man schlechte Leistungen gebracht hat. Andere sehr gute Skifahrer schaffen das in ihrer ganzen Karriere nicht", kommentiert er seine bisherige Saison.

"Ich hab drei Möglichkeiten. Es beruhigt, wenn man das von Anfang an weiß. Aber es macht die Aufgaben nicht leichter", sagt der 34-Jährige, der heute in der Superkombi, am Freitag im Riesenslalom und am Sonntag im Slalom wirken wird. Den Teambewerb fährt er sicher nicht. In diesem erlitt er vor zwei Jahren in Garmisch einen Bänderriss.

Raich startet in seine bereits achte WM, naturgemäß könnte es seine letzte sein, muss aber nicht sein. Andere mögen sich mit seiner, Raichs erfolgreicher Vergangenheit beschäftigen, er selbst lehnt das ab. "Das ist zwar schön, ändert aber überhaupt nichts ander Herangehensweise. Ich schau nicht viel nach hinten, aber ich schau auch nicht so viel nach vorn." Klar sei jedenfalls, dass er nicht mehr ewig fahren werde, und dass gegen Ende einer Karriere "mehr hinten ist als vorn". Und er ist davon überzeugt, dass er spüren wird, wenn es Zeit ist zu gehen. "Dazu werde ich mich nicht von Fragen drängen lassen."

Schladming ist ein ganz besonderer Ort für ihn. Hier gewann er anno 1999 sein erstes Weltcuprennen, mit vier Slalom-Siegen ist er der Rekordler auf der Planai und Ehrenmitglied im Wintersportverein. Die Rennen fanden unter Flutlicht statt. Wie der heutige Kombi-Slalom. Die übrigen zwei Rennen werden untertags geben. Raich: "Ich mag Nachtslaloms. Aber wenn er am Nachmittag wäre, würd ich jetzt auch nicht da hocken und mich beschweren. Als Athlet muss ich es nehmen, wie es ist."

Athlet ist Raich seit mehr als zwanzig Jahren. Ob er Verschleißerscheinungen spürt? "Körperlich geht es mir besser denn je. In meiner Anfangszeit habe ich immer kleinere Wehwehchen gehabt und später gröbere Probleme mit dem Rücken." Derzeit funktioniert das Training einwandfrei. Was auch damit zusammenhänge, dass man als Junger seinen Körper nicht kenne, manchmal zu viel trainiere oder eine Fahrt zu viel mache. "Jetzt kann ich gut in mich hineinhorchen."

Immer wieder betont Raich die Wichtigkeit jener Menschen, die am Erfolg beteiligt sind. Dabei handelt es sich auch um seine Kollegen. "Ich komme ohne Team nicht aus. Wir sind zwar Einzelsportler, wenn wir am Start stehen, und Fußball ist Teamsport, aber übers Jahr gesehen sind wir mehr zusammen. Wenn wir auf der Piste sind, und ich finde etwas heraus, werde ich es nicht jedem meiner Kollegen sagen. Aber wenn wir uns beim Frühstück nicht sehen können, wird es ein Problem, dann fehlt auch die Energie für Topleistungen."

Raich, der Routinier, zu seiner achten WM: "Ich bin überhaupt nicht abgestumpft. Wenn man das Kribbeln nicht mehr spürt, wenn man nicht mehr so parat ist im Kopf, dann ist das sehr negativ." Seit die WM an Schladming vergeben worden ist, seit fünf Jahren, freut er sich auf die Rennen. "Und jetzt ist das Feeling da."

Das Feeling beinhaltet natürlich auch das Wissen, "dass jeder einen Haufen Erfolg von uns erwartet". Im bisherigen WM-Verlauf wurde nur ein Häuflein erwirtschaftet.

Mit folgender Einstellung nimmt Raich die Arbeit auf: "Ich hab schon in meinen Jugendjahren gelernt, dass man vorher nicht rechnen soll. Denn die Rechnung geht meistens nicht auf. Jetzt kann man nur noch loslassen und es passieren lassen." (Benno Zelsacher, DER STANDARD, 11.2.2013)

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    Schladming, Jänner 1999: Der 20-jährige Benjamin Raich freut sich im Superman- Leiberl, welches er unter dem Rennanzug trug, über seinen ersten Weltcupsieg.

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