Lernen oder in die Krisenfalle tappen wie seinerzeit

Kommentar der anderen10. Februar 2013, 18:24
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Geschichte kann sich wiederholen: Aktuelle Warnung mit historischem Bezug

Sind wir lernfähig? Die logische Frage auf "Szenen einer 'Machtergreifung'", Hans Rauscher über Adolf Hitler als Reichskanzler.

 Klarerweise sind in der Geschichte "Was-wäre-wenn-Fragen" nicht statthaft, weil schlicht und einfach nicht beantwortbar. Dennoch regen genau diese Fragen dazu an, aus der Geschichte zu lernen und aus Analysen Handlungsalternativen zu erkennen, die für die Zukunft hilfreich sein können.

Der 30. Jänner 1933 war deshalb unvermeidbar, weil der Trend der Zeit autoritäre Regime begünstigte (Russland, Japan, vor allem Italien), weil die Wirtschaftskrise und ihre Folgen noch keinesfalls ausgestanden waren und schließlich die Demokratie der Weimarer Republik die Folge einer als schmachvoll empfundenen Niederlage war, nicht jedoch aus einer Weiterentwicklung einer politischen Kultur entstanden ist.

So war es jedenfalls nur eine Frage der Zeit, wann Hitler sein Ziel erreicht hätte. Wer hätte denn für die Nachfolge des ein Jahr später verstorbenen Reichspräsidenten Hindenburg kandidiert? Und wer hätte gewonnen? Eben. Und ein Reichspräsident Hitler hätte natürlich sofort einen ihm genehmen Reichskanzler bestellt und in der Folge seine Pläne inklusive der Vereinigung beider Funktionen erfüllen können. So weit zur Frage "Was wäre wenn".

Folgen für das Heute

Zu den Fragen, welche Lehren wir aus der Entwicklung der 1930er-Jahre ziehen:

1. Eine gesunde Wirtschaft ist der beste Schutz vor politischem Extremismus.

2. Sozialpartnerschaft statt Klassenkampf vermeidet die Eskalationsspirale Emotionalisierung - Hass - Aggression - Gewalt.

3. Wir brauchen eine gefestigte und bei den Bürgern legitimierte Demokratie. Eine Demokratie, die mutig Entscheidungen trifft und nicht unfähig ist, der internationalen Spekulation entsprechende Regeln und Kontrollen zu geben.

Demokratie muss nachhaltige Konzepte entwickeln. Zum Beispiel bei der Jugendarbeitslosigkeit, die das größte Potenzial für Unzufriedenheit und Instabilität ist - das rüttelt an unseren Fundamenten!

Demokratie muss in einer ungeheuer dynamischen Welt rasche Entscheidungsmechanismen entwickeln. Wie rasch entscheidet China, wie langsam die Europäische Union. Dazu die Blockade im US-Kongress. Unser demokratisches System steht mehr denn je im Wettbewerb mit anderen Regierungssystemen der Welt.

Das ist die entscheidende Herausforderung: Wenn Demokratie versagt, ist der Ruf nach autoritären Entscheidungsstrukturen die Folge. Haben wir diesbezüglich die Lehren aus dem 30. Jänner 1933 gezogen?

Arnold Toynbee hat gemeint: Wer aus der Geschichte nicht lernt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen. Haben wir gelernt? Wo ist die Kraft der Europäischen Union und der G-20 dazu? Und wo sind dabei österreichische Ideen und Initiativen erkennbar? (Christoph Leitl, DER STANDARD, 11.2.2013)

Christoph Leitl ist Präsident der Wirtschaftskammer Österreich.

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