Die Welt um uns hat sich geändert

10. Februar 2013, 18:22
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Die Retrospektive "England's Dreaming" im Österreichischen Filmmuseum erinnert ans britische Kino der Sixties

Wien - Die Geschichte beginnt mit einem löchrigen Socken in Großaufnahme. Sein Besitzer ist auf dem Weg nach oben - so der deutsche Titel -, ein junger Mann, der eine Kleinstadt erreicht, um eine neue Stelle als Beamter anzutreten, und gleich damit beginnt, an seinem gesellschaftlichen Aufstieg zu arbeiten. Jack Claytons Room at the Top aus 1959 steht (chronologisch) am Anfang der Retrospektive, die das Österreichische Filmmuseum gegenwärtig unter dem Titel England's Dreaming dem britischen Kino der 1960er-Jahre widmet.

Eigentlich ist Room at the Top ein später Film noir: mit seiner Schattendramaturgie, seinen markanten Bildachsen und Spiegelkonstruktionen, aber auch mit Helden, dem Kriegsgefangenschafts-Heimkehrer, der sich neu erfinden und nun auf der Gewinnerseite landen will. "Die Welt hat sich geändert", sagt der junge Unzufriedene, den Laurence Harvey verkörpert, einmal trotzig. Aber Room at the Top ist noch ein Film des Übergangs. Erst im kommenden Jahrzehnt werden sich auf allen Ebenen grundlegende Transformationen konkretisieren. Auch das Kino wird als Motor oder Indikator vehement davon zeugen.

Der Schwerpunkt der Retro, die Filmmuseums-Direktor Alexander Horwath zusammengestellt hat, liegt denn auch auf diesem Kino des Auf- und Umbruchs. Das Programm umfasst einerseits Filme, die der boomenden Popkultur nahestehen - insofern ist bei England's Dreaming auch Platz für Sean Connerys lässigen James Bond (Goldfinger, 1964), für ein bisschen Hammer-Horror oder für jenen Neo-Slapstick, den Richard Lester mit den Beatles anstellt. Von den semidokumentarischen Aufnahmen einer Arbeitersiedlung in Room at the Top gelangt man andererseits zu Kitchen-Sink-Dramen wie Saturday Night and Sunday Morning. Aber auch zu den zunächst für die BBC produzierten Gesellschaftsdramen eines Ken Loach - sein Family Life von 1971 ist der Film, der das Programm zeitlich abschließt.

Auch This Sporting Life (1963) muss man hier einreihen, produziert von Karel Reisz. Regie führt Oxford-Absolvent Lindsay Anderson, der 1968 in if... eine Eliteschule aufmischen wird. This Sporting Life beginnt im Dreck, auf einem matschigen Rugby-Feld. Dem Working-Class-Helden wird gleich einmal die Nase gebrochen, und er verliert ein paar Zähne. Während er betäubt beim Arzt liegt, träumt er sein Leben, das eines von Aufstieg und Korrumpierung im Sportgeschäft ist.

Das Glamour-Leben, das hier auf Provinzebene anklingt, ist in John Schlesingers Darling nicht nur geografisch ins Zentrum gerückt: Seine Protagonistin - mit der Rolle startet Julie Christie ihre internationale Karriere - ist ein Londoner Model und damit nach dem Sportler oder den Musikern ein weiterer Prototyp der neuen (Medien-)Gesellschaft. Anfangs wird ein Plakat, das hungernde afrikanische Kinder zeigt, nach und nach mit dem strahlenden Gesicht einer weißen Frau überklebt. Derartige Seitenhiebe geben der leichtfüßig vorgetragenen Vita der quirligen Diana einen hintergründigen Drall. Aufstieg ist ihr sogar bis in aristokratische Ränge möglich. "Happiness" ist hingegen nur noch ein Label, das sie gegen Geld zu verkaufen hat. (Isabella Reicher, DER STANDARD, 11.2.2013)

21.2., 18.30: Vortrag des britischen Kritikers und Kurators Neil Young, "Arresting Developments: the Police, the Law, and Britain in the 1960s"

Die Retrospektive "England's Dreaming" läuft noch bis 7. März im Österreichischen Filmmuseum in Wien.

  • Als nicht nur England von Julie Christie träumte: "Darling" aus dem Jahr 1965.
    foto: filmmuseum

    Als nicht nur England von Julie Christie träumte: "Darling" aus dem Jahr 1965.

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