Akademie der Wissenschaften arbeitet NS-Geschichte auf

11. Februar 2013, 16:26
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Mehr als die Hälfte der Akademie-Mitglieder waren Angehörige der NSDAP, der SS oder Parteianwärter

Wien - Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) veröffentlicht zum 75. Jahrestag des "Anschlusses" an Hitler-Deutschland eine Studie, in der sie ihre NS-Verstrickungen aufarbeitet. Wie das Nachrichtenmagazin "profil" in seiner am Montag erscheinenden Ausgabe berichtet, waren demnach mehr als die Hälfte der Akademie-Mitglieder Angehörige der NSDAP, der SS oder Parteianwärter.

21 jüdische Wissenschafter, unter ihnen drei Nobelpreisträger, waren von der Akademie ausgeschlossen worden. Als neuer Akademie-Präsident war der prominente Historiker Heinrich Srbik, ebenfalls NSDAP-Mitglied, 1938 von den NS-Machthabern an die Spitze der Gelehrtengesellschaft gestellt worden. Seit 1941 war die Akademie auch in die "Rassenforschung" involviert und initiierte Schädelvermessungen an Kriegsgefangenen.

"Tiefgreifende Zäsur"

Im Vorfeld des Veranstaltungstages am 11. März wies die ÖAW in einer Aussendung auf die "tiefgreifende Zäsur" durch die Vorgänge im und nach dem März 1938 hin: Nach der Machtübernahme wurden die Leitungsstellen mit Parteigängern des Nationalsozialismus besetzt. Akademie-Mitglieder, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mussten aus politischen, zumeist jedoch aus "rassischen" Gründen die Akademie verlassen. Sie wurden verfolgt und vertrieben, kamen in nationalsozialistischen Konzentrationslagern zu Tode.

"Damit waren nicht nur menschliche Tragödien verbunden, sondern auch unwiederbringliche Verluste für die österreichische Wissenschaft. Einrichtungen wie das Institut für Radiumforschung, das Vivarium und das Phonogrammarchiv verloren ihre wichtigsten Forschungskräfte, international richtungsweisende Forschungsprogramme und Wissenschaftskooperationen wurden abgebrochen", resümierte ÖAW-Präsident Helmut Denk.

Symposium, Ausstellung und Buch

Für die Mitglieder und Angehörigen der Akademie, die Opfer des Nationalsozialismus wurden, wird am 11. März im ÖAW-Hauptgebäude von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer und Denk eine Gedenktafel enthüllt. Die Ausstellung "Die Akademie der Wissenschaften 1938 bis 1945" wird bis 15. Mai zugänglich sein. Der gleichnamige Katalogband wurde von Johannes Feichtinger, Herbert Matis, Stefan Sienell und Heidemarie Uhl herausgegeben. Es sei zudem geplant, die Namen und Biografien der Opfer in einem virtuellen Gedenkbuch auf der ÖAW-Website zugänglich zu machen.

Das Symposium "Die Akademie der Wissenschaften 1938 bis 1945" am selben Tag steht im Zeichen der Präsentation und Diskussion von jüngsten Forschungsarbeiten zur Akademie der Wissenschaften in Wien in der NS-Zeit und nach 1945, wobei auch spezifischen Besonderheiten dieser Institution im Vergleich zu anderen Einrichtungen – etwa den Universitäten – thematisiert werden.

Am Abend findet eine Podiumsdiskussion zum Thema "Die Akademie der Wissenschaften in Wien in der NS-Zeit – 75 Jahre danach" statt, die sich an eine breitere interessierte Öffentlichkeit wende. Die Frage richte sich vor allem auf die heutigen Perspektiven und gesellschaftlich relevanten Fragen, die gegenwärtig der Auseinandersetzung von Wissenschaftsinstitutionen mit ihrer NS-Vergangenheit zugrunde liegen. Der Kontext einer veränderten gesellschaftlichen Erinnerungskultur werde dabei ebenso thematisiert wie der Vergleich der österreichischen und der deutschen Situation.

Ruhend gestellt

Nach 1945 wurde die Mitgliedschaft ehemaliger Nazis "ruhend" gestellt, 1950 waren jedoch alle, selbst ein ehemaliger SS-Hauptsturmführer, wieder in Amt und Würden. Die Historikerin Heidemarie Uhl resümiert: "Ob sich die Akademie bei der Integration der ehemaligen Nazis im Mainstream der Gesellschaft befand oder darüber hinausging, ist offen." (APA/red, derStandard.at, 9./11.2.2013)


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