Sind Industriekonzerne Kasinos?

Blog9. Februar 2013, 17:52
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Stephan Schulmeisters These über die Hauptursache der Krise steht auf wackeligen Beinen

Im ORF-Mittagsjournal am Samstag wurde Stefan Schulmeister zum EU-Budget interviewt. Schulmeister ist zwar Ökonom, aber kein EU-Experte. Wie das Interview gezeigt hat, weiß er kaum etwas über das EU-Budget, noch interessiert ihn das Thema. Er sprach über die Fragen, über die er bei jeder Gelegenheit spricht und schreibt - Finanzspekulationen, Sparpolitik und die Folgen für das Wachstum.

Warum die ORF-Radioredaktion nicht in der Lage ist, sich den richtigen Experten auszusuchen, und einfach die Person zu nehmen, der viel in den Medien ist; warum Schulmeister nicht selbst ablehnt, weil er sich hier nicht auskennt - das ist eine Frage journalistischer Kompetenz, die man ein andermal diskutieren kann.

Aber in Schulmeisters Ausführungen gab es  eine These, die er so oft vorbringt und die so ungewöhnlich ist, dass es sich auszahlt, sie wieder einmal zu thematisieren.

Schulmeister behauptet, dass seit dem Zusammenbruch des von ihm geschätzten Bretton-Woods-System vor nunmehr 40 Jahren das Wachstum zurückgegangen und die Arbeitslosigkeit gestiegen ist, weil Unternehmen nicht mehr in Fabriken, Innovation und neue Märkte investieren, sondern lieber mit Finanzgeschäften ihre Gewinne machen. Deshalb müsse man den Finanzmarkt bändigen, um Unternehmen dazu zu bringen, wieder – zum Wohle aller - ihrer eigentlichen Aufgabe nachzugehen.

Das ist wahrscheinlich überhaupt Schulmeisters Kernthese, und dass sie kein anderer bekannter Ökonom vertritt und sie auch in der Literatur nicht auftaucht, bedeutet, dass Schulmeister entweder mehr weiß als alle anderen - oder sich in dieser Frage verrannt hat.

Ich tippe auf das Letztere, und das aus verschiedenen Gründen.

Es gibt meines Wissens keine Zahlen, die Schulmeisters These belegen. Auch wenn gelegentlich große Konzerne mit Finanzanlagen hohe Gewinne machen, so bleibt das eine Ausnahme. In den meisten Unternehmensbilanzen ist es nicht zu erkennen, dass Finanzgeschäfte andere Tätigkeiten beim Umsatz oder Gewinn verdrängen. Die großen Industriekonzerne sind weder Banken noch Kasinos.

Dazu kommt die logische Inkonsistenz dieser These. Ist es vorstellbar, dass Unternehmen über Jahrzehnte hohe Gewinne durch Aktivitäten einstreifen, die nicht zu ihrer Kernkompetenz gehören? Spekulationsgewinne sind Nullsummenspiele: Was der eine gewinnt, muss der andere verlieren.

Nun sind die wichtigsten Akteure in diesen Märkten Banken und Hedgefonds, die tagaus und tagein nichts anderes machen. Kann es sein, dass Siemens, Volkswagen oder die OMV im Durchschnitt besser spekulieren als diese Profis und deshalb weniger Elektrogeräte, Autos oder Öl produzieren, weil man dort so viel mehr verdienen kann?

Das ist höchst unwahrscheinlich. Wenn sich Konzerne in Finanzgeschäfte wagen, die über die üblichen Hedging-Positionen hinausgehen, fallen sie meist auf die Nase.

Das würde selbst Schulmeister gar nicht abstreiten. Er sieht darin sogar seine Kritik bestätigt.

Aber wenn Unternehmen in Finanzgeschäften mehr Geld verlieren als gewinnen, würde man dann nicht erwarten, dass sie daraus rasch wieder aussteigen? Würden ihre Aktionäre und Aufsichtsräte ihnen nicht dieses unsinnige Handeln verbieten - oder irgendwann der Aufschrei aus dem eigenen Management kommen: Hören wir doch auf damit!?

Würden diese Konzerne nicht bald pleite gehen oder zumindest von denen überholt werden, die  sich aufs eigentliche Geschäft konzentrieren? Kann ein selbst-destruktives Verhalten im Wettbewerb über Jahre und Jahrzehnte überleben?

Es kann nicht. Diese These kann einfach nicht stimmen.

Schulmeister hat durch die Ereignisse der letzten Jahre bei seiner Kritik an den ungenügend geregelten Finanzmärkten oft Recht bekommen. Und auch die Behauptung, dass stark schwankende Kurse Unsicherheit schaffen und dies die Investitionsfreudigkeit dämpft, klingt plausibel - obwohl auch dafür überzeugende Daten fehlen.

Aber sein Versuch, eine große makroökonomische Theorie zu schaffen, die Finanzmarktderegulierung ganz grundsätzlich mit der Investitionstätigkeit und dem Wachstum der vergangenen Jahrzehnte verbindet, funktioniert einfach nicht. Würde Schulmeister dies einsehen und diesen Teil aus seinen immer wiederkehrenden Ausführungen streicht, hätten seine übrigen Thesen mehr Glaubwürdigkeit. (Eric Frey, derStandard.at, 9.2.2013)

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    foto: ap/dapd/kin cheung
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