In Europa weht ein frischer Wind

Kommentar der anderen8. Februar 2013, 20:01
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Google nutzt seine Marktmacht, um alles Suchen auf sich zu lenken und das Geld einzustreifen, das für Qualitätsjournalismus nötig ist. Das Schutzrecht ist dagegen ein Anreiz in die richtige Richtung.

In Belgien und Frankreich ist es bereits paktiert, Deutschland, die Schweiz und Österreich könnten bald folgen: In zahlreichen europäischen Ländern fordern Zeitungen eine faire Beteiligung an der Nutzung ihrer Inhalte durch Dritte. Am Wochenende einigte sich Google mit den französischen Zeitungsverlegern auf eine Zahlung von 60 Millionen Euro. Dabei zahlt Google nicht aus Herzensgüte zig Millionen Euro an die Verlage, sondern weil sich der Suchmaschinengigant an ihren Leistungen über Jahre bedient hat: mit jeder Suchanfrage nach Newsinhalten verdient Google gutes Geld. Die französische Einigung kommt einem Schuldeingeständnis gleich.

In Österreich und Deutschland beschreiten Zeitungsverlage einen anderen Weg. Zuerst soll eine Gesetzeslücke im Urheberrecht geschlossen werden. Denn im Gegensatz zu Content-Produzenten der Musik- und Filmwirtschaft fehlen den Presseverlagen diese Schutzrechte bislang. In Deutschland liegt bereits ein Gesetzesentwurf vor. Für Österreich hat Justizministerin Beatrix Karl diesen für das Frühjahr angekündigt, er soll noch in dieser Legislaturperiode beschlossen werden. Erst wenn die Rechtslage klar ist, werden die Verlage - auf gleicher Augenhöhe - Verhandlungen mit Google aufnehmen können.

Seit einigen Monaten weht ein frischer Wind durch Europa. Journalistische Leistungen, die im Netz veröffentlicht werden, haben einen monetären Wert: Zu diesem Ergebnis kam auch hierzulande eine Umfrage der Aegis Media: Unter 24-Jährige gaben überwiegend an, dass sie zahlen würden, um eine Tageszeitung online lesen zu können.

Ob man sich bei Google dieser Meinung anschließend würde, ist fraglich. Denn der Web-Gigant wehrt sich gegen das geplante Leistungsschutzrecht. Mit der Kampagne "Verteidige dein Netz" trommelt Google, die Freiheit des Internets sei in Gefahr. Das entbehrt zwar jeglicher faktischen Grundlage, doch die Panikmache ist gefährlich: Google nutzt seine Marktmacht als Waffe, wie es Christoph Keese vom Axel-Springer-Verlag formulierte. Im Internet, das nach dem Prinzip "Suchen und Finden" funktioniert, laufen 90 Prozent der europäischen Suchanfragen über Google. In Deutschland und Österreich sind es sogar circa 95 Prozent.

Googles Marktdominanz führt auch zum nächsten Dilemma. Leistungsschutzrechtgegner argumentieren, Zeitungen könnten ihre Inhalte mittels "robots.txt" von den Suchmaschinen fernhalten. Mit diesem Verschlüsselungssystem würden sich die Verlage selbst aus dem Web aussperren, denn ihr Content kann dann zwar von Google nicht mehr gefunden werden, aber auch von sonst niemandem mehr.

Dabei herrscht reges Interesse an Zeitungsinhalten. Die Reichweiten von Tageszeitungen liegen seit Jahren konstant über 70 Prozent, damit zählt Österreich zu den Top-fünf-Zeitungsnationen Europas. Wir befinden uns also keineswegs in einer Leserkrise, doch es wird schwieriger, mit Qualitätsjournalismus im Web Geld zu verdienen - vor allem wenn man bedenkt, dass beispielsweise hinter einer Hintergrundstory intensive Recherchen hochqualifizierter Journalisten stehen.

Erlös nach Kalifornien

Seit der Wirtschaftskrise sind die Werbeerlöse aller Mediengattungen eingebrochen. In den USA verdiente Google hingegen 2012 erstmals mehr mit Werbung als alle US-amerikanischen Printmedien zusammen. Auch hierzulande freut sich Google über klingende Kassen. Geschätzte 140 Mio. Euro nimmt der Suchmaschinenbetreiber jährlich ein. Versteuert wird davon aber nur ein Bruchteil in Österreich: 2010 wies der US-Riese laut Firmenbuch einen Gewinn von weniger als einer halben Million Euro aus. Der überwiegende Teil der Wertschöpfung wandert nach Kalifornien ins Google-Headquarter.

In der Debatte um ein Leistungsschutzrecht führen Kritiker den Vorwurf ins Feld, die Zeitungen und ihre Verleger hätten das Internet verschlafen, somit sei ihre wirtschaftliche Misere selbstverursacht. Ganz so einfach ist es nicht, denn mit dem Standard war 1995 eine österreichische Qualitätszeitung als erste deutschsprachige Tageszeitung im Web vertreten. Und auch aktuell investieren die heimischen Zeitungen und Magazine intensiv in ihre Online-Strategien, wie unter anderem der Relaunch des Kuriers oder die App des Wirtschaftsblattes zeigen.

Die Branche hat einen fairen Rechtsrahmen verdient. Dabei möchte ich festhalten: Lesen, Verlinken und Zitieren bleiben für private Nutzer möglich wie bisher. Dass man für die gewerbliche Nutzung von Inhalten zahlt, sollte jedoch zur Selbstverständlichkeit werden. Und wenn Zeitungen durch das Schutzrecht online Geld verdienen, geht damit ein starker Anreiz für Verlage einher, mehr hochwertigen Content bereitzustellen - davon profitiert letztlich auch der Leser. (Gerald Grünberger, DER STANDARD, 9./10.2.2013)

 

Gerald Grünberger (53) ist Geschäftsführer des Verbandes Österreichischer Zeitungen (VÖZ).

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