"Eine sehr italienische Familie explodiert"

Interview8. Februar 2013, 18:37
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Tony Kushner beklagt in seinem Stück "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen ..." den Verlust all unserer Utopien. Regisseur Elias Perrig zur österreichische Erstaufführung

Wien - Die volle Länge des Titels deutet schon jenes Chaos an, mit dem sich in Tony Kushners Stück eine Familie von elf Erwachsenen in Brooklyn herumzuschlagen hat: "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift". Darin verhandelt der New Yorker Autor (derzeit für sein "Lincoln"-Drehbuch Oscar-nominiert) die Themen, für die er seit "Angels in America" berühmt ist: Religion, Sexualität, Politik. Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen feiert am Freitag österreichische Erstaufführung am Volkstheater. Im Zentrum steht der pensionierte Hafenarbeiter Gus, der im Kreis seiner (Schwieger-)Kinder Lebensbilanz zieht.

STANDARD: Wir leben in einem Zeitalter, in dem angeblich alle Ideologien abgewirtschaftet haben. Tony Kushner führt viele vor. Ist das Stück Zeuge eines postideologischen Zustandes?

Perrig:  Ja. Aber es ist auch ein Aufbäumen dagegen, vor allem anhand der Figur des Gus, der sich umbringen will, weil keine Veränderung mehr stattfindet. Das Stück geht mit dem Abdanken dieser Ideologien sehr emotional um. Es ist ein sehr wütendes Stück, das sich darüber beschwert, dass wir unsere Utopien schlicht nur noch abhaken, und der reine pragmatische, ökonomische Zwang die Welt bestimmt. Dagegen erhebt es sich, das gefällt mir.

STANDARD:  Hat Gus, das Oberhaupt der Familie Marcantonio, ehemals Hafenarbeiter und Gewerkschaftsmitglied, schon aufgegeben?

Perrig:  Man sieht anhand dieser Familie, dass seine Überzeugungen keine Chance mehr haben. Niemand glaubt ernsthaft, dass es einen gesellschaftlichen Umsturz geben könnte. Da greift Tony Kushner eine Entwicklung auf, die mit Berlusconi begann, der beim Amtsantritt zynisch sagte, er führe diesen Staat wie ein Wirtschaftsunternehmen. Der also explizit sagte, die Ideologie steht nicht zur Diskussion, es geht um Gewinnmaximierung. Und das ist ja längst Standard. Es gibt keinen Politiker mehr, der ernsthaft sagt, wir sollten etwas grundsätzlich ändern.

STANDARD:  Die Familie ist hier ein wilder Haufen. Sie besteht aus einer Ex-Maoistin und Ex-Karmelitin, einer Theologin und einer Arbeitsanwältin, einer Ex-Wall-Street-Mitarbeiterin, einem Historiker, einem Bauunternehmer, einem Immobilienanwalt und Gus, dem Kommunisten. Auf Thesen folgen Antithesen. Wie viel Realismus ist auf der Bühne überhaupt nötig?

Perrig:  Ich finde es sehr wichtig, dass dieses Soziotop eine Familie von heute ist bzw. aus dem Jahr 2007, in dem das Stück spielt. Man denkt ja, das ist ein furztrockenes Stück voller Theorie, ist es aber überhaupt nicht. Wir sehen eine sehr italienische, sehr emotionale Familie, die explodiert - und dadurch wird sie zu einem Bild für die Welt, für auseinanderbrechende Strukturen. Alle hier stattfindenden Katastrophen haben eine politische Ebene, die mitschwingt.

STANDARD:  Gus heißt mit vollem Namen Augusto Giuseppe Garibaldi Marcantonio. Im Appendix wird seine Familiengeschichte pingelig bis ins Jahr 1854 in die Basilicata zurückverfolgt. Warum dieser starke Bezug zu Italien?

Perrig:  Ich sag mal so: Aus amerikanischer Sicht ist das gesellschaftliche Aufbegehren ein Produkt des alten Europas. Diese Familie erzählt eine Geschichte des Widerstands. Schon die erste ausgewanderte Generation hat den Attentäter bezahlt, der den italienischen König getötet hat. Das waren schon Kommunisten. Es geht auch um das Aufzeigen einer betont langen Tradition (die es in Amerika nicht gibt) und das Zusammentreffen dieser mit dem heutigen Amerika, wo man sagt: "Solange die Arbeitslosenrate sinkt, ist doch eh alles gut!".

STANDARD:  Kommunistische Bewegungen gab es auch in Amerika.

Perrig:  Ja, aber man kann es sich heute gar nicht mehr vorstellen, und schon gar nicht, dass diese sogar ziemlich stark waren und viel durchgesetzt haben.

STANDARD:  Das Stück verändert also den Blick auf Amerika?

Perrig:  Ja, schon. Ich hatte Zweifel, ob das Stück nicht zu amerikanisch ist. Aber jetzt weiß ich, genau das macht es noch interessanter. Gerade weil wir Amerika als den Inbegriff des ungehemmten Kapitalismus erleben. Dass es also noch Leute gibt, die sagen, ich hab hier einmal für Kommunismus gekämpft, das ist spannend.

STANDARD:  Wie sehen Sie denn das Detail, dass Gus zu seiner Zeit als Gewerkschaftsorganisator eine privilegierte Rentenlösung ausverhandelt hat, in deren Genuss aber nur wenige, auch er, kamen? Das relativiert doch seinen Kampf.

Perrig:  Jein. Der Gedanke war ja, dass die Arbeiter an dem Profit der Firma beteiligt werden, dass sie nicht nur im Marx'schen Sinn ihre Arbeitskraft verkaufen, sondern dass ihnen ihre Leistungen auch noch vergütet werden, wenn sie nicht mehr arbeiten. Das Problem war, dass diese Lösung bei der Abmachung nur für jene galt, die bereits in der Firma arbeiteten. Dass ist die persönliche Tragik von Gus, dass er etwas durchgesetzt hat, das für die nächstfolgende Generation nicht mehr gilt.

STANDARD:  Also eine Relativierung?

Perrig:  Natürlich. Gus wird auch nicht heroisiert.

STANDARD:  In der deutschsprachigen Uraufführungsinszenierung in Mannheim wurde bemängelt, dass sie sich auf zu wenig Realismus einlasse. Wie werden Sie es halten?

Perrig:  Das ist die heikle Frage. Tony Kushner schreibt in der angelsächsischen Tradition, es ist ein komplett realistisches Stück. Man kann es wunderbar verfilmen. Ich versuche beide Aspekte zu bedienen: Einerseits die Realität, was sich vor allem über die Figuren ausdrückt. Wir haben also den Grundriss eines solchen Familienhauses, eines Brownstones in Brooklyn. Doch dieses wird nicht eins zu eins abgebildet.

STANDARD:  Die New Yorker Uraufführung war ganz dem Realismus eines patinierten Wohnzimmers verschrieben.

Perrig:  Ich habe die Fotos davon gesehen. Das ist die amerikanische Theaterästhetik, die mir wahnsinnig auf die Nerven geht. Weil sie sich gar keine Gedanken macht, wie man etwas darstellen könnte. Es ist auch eine Sehgewohnheit. Ich war im Herbst längere Zeit in New York und muss sagen, ästhetisch ist das Sprechtheater dort für mich nicht zu ertragen. Ich habe "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" gesehen - zum Davonlaufen. Die Schwerpunkte sind andere; sie setzen auf Lee Strasberg, und darum herum herrscht Pappmaché. Das könnte man hier nicht bringen.

STANDARD:  Das Stück ist recht füllig, die Uraufführung dauerte dreidreiviertel Stunden. Kürzen Sie?

Perrig: Ja. Wobei die Länge beim Lesen täuscht, denn gesprochen wird in amerikanischem Tempo. Bei einem Schiller oder Goethe braucht man drei Minuten pro Seite. Hier ist es unter einer Minute. Reine Spieldauer ist derzeit etwa zweieinhalb Stunden.    (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 9./10.2.2013)

Elias Perrig (47) ist ein Schweizer Theaterregisseur. Bis 2012 war er Schauspieldirektor am Theater Basel. Die Arbeit am Volkstheater führt ihn erstmals nach Wien.

  • "Dass es also in Amerika noch Leute gibt, die sagen, ich hab hier einmal für Kommunismus gekämpft, das ist spannend." - Elias Perrig begrüßt das Aufbegehrende in Tony Kushners Stück.
    foto: standard / andy urban

    "Dass es also in Amerika noch Leute gibt, die sagen, ich hab hier einmal für Kommunismus gekämpft, das ist spannend." - Elias Perrig begrüßt das Aufbegehrende in Tony Kushners Stück.

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