Von Leidenschaften, die sich nicht ausleben lassen

8. Februar 2013, 18:17
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Im Berlinale-Wettbewerb komplettiert Ulrich Seidls "Paradies: Hoffnung" dessen Trilogie, Neues von Gustav Deutsch und Anja Salomonowitz hatte in der Sektion Forum Weltpremiere

Nimmt man die Zahl seiner öffentlichen Auftritte, ist Ulrich Seidl bestimmt einer der umtriebigsten Gäste der diesjährigen Berlinale. Im c/o, dem Forum für Fotografie, ist eine Ausstellung mit Standbildern aus der Paradies-Trilogie des Österreichers zu sehen, am Sonntag folgt eine Buchpräsentation zu den Filmen um weibliche Miseren (erschienen im Hatje-Cantz-Verlag, es umfasst Interviews wie Bilder). Der wichtigste Termin war die freitägliche Weltpremiere des Abschlussteils, Paradies: Hoffnung, im Wettbewerb des Festivals, auf die dann noch die erste Präsentation der gesamten Trilogie folgen wird.

Böse Zungen könnten behaupten, dass bei dieser Frequenz schnell der Sättigungsgrad erreicht ist. Am Ende der Pressevorführung von Paradies: Hoffnung gewann man allerdings den Eindruck, dass Seidl mit seinen Tableaus von in ihren Körpern gefangenen Menschen schon zu sehr als vergnügliche Marke gilt, um noch zu verstören. If you're happy and you know it, clap your fat, das Lied aus dem Film, das dann auch über dem Abspann zu hören war, animierte sogar ein paar unverdrossene Zuseher zum Mitklatschen.

Paradies: Hoffnung ist, wenn man so will, ja auch Seidls erste Teenie-Komödie. Die 13-jährige Melanie (Melanie Lenz) verbringt den Sommer in einem Camp, in dem sie abspecken und die richtige Ernährungsweise erlernen soll. Die Abläufe im Turnsaal sind mit mild-sarkastischem Blick auf die disziplinatorischen Anstrengungen des Trainers (Michael Lehbauer) inszeniert, der wie das gesamte Erwachsenenpersonal des Films in seiner Rolle nicht richtig aufzugehen scheint. Vielleicht wollte Seidl die Reibung zwischen dokumentarisch anmutenden und den stärker in Szene gesetzten Stellen deutlicher hervorheben, der Film wirkt insgesamt räudiger, weniger stringent als die beiden Teile davor.

Teenager unter sich

Wenn die Mädchen ganz unter sich sind und über ihre Erfahrungen mit Jungs tuscheln oder über ihre Eltern mosern, wirkt Paradies: Hoffnung in seinem Blick auf die Übergewichtigen aufrichtig. Die unglückliche Liebesgeschichte, die Melanie das erste Mal auf erwidertes Begehren hoffen lässt, erscheint dagegen dramaturgisch wie eine Behauptung. Mit dem gut dreimal so alten Arzt (Joseph Lorenz) tritt das Mädchen in eine beunruhigende Welt triebhafter Handlungen ein, die Seidl ungewohnt schamhaft andeutet - mehr Initiative in diese imaginäre Richtung hätte den Film wohl tiefgründiger gemacht.

Seidl war nicht der einzige österreichische Beitrag am Beginn der Berlinale. Im Forum präsentierte Gustav Deutsch - bekannt für seine Found-Footage-Kompilationsfilmreihe Film ist. - seinen ersten Spielfilm, Shirley - Visions of Reality. Deutsch verwendet auch dafür externes Ausgangsmaterial, Gemälde des US-amerikanischen Malers Edward Hopper, die er, penibel an der Licht- und Farbgebung der Originale orientiert, als Setting nachstellt. Die Bilder werden zum Resonanzraum für die Lebensgeschichte einer Frau, die von der Performerin Stephanie Cumming auch ohne Sprache ausdrucksstark verkörpert wird.

Das Resultat ist hochgradig artifiziell, da es weniger die realistische Schlagseite Hoppers betont, an der sich bereits viele Filmemacher abgearbeitet haben; vielmehr erscheinen die Lobbys, Kinos und Hotelzimmer wie virtuelle Innenräume, in denen die Gedanken einer Frau umherkreisen. Sie wirkt für ihre Zeit (von den 1930er- bis in die 1960er-Jahre hinein) fast zu modern: Über innere Monologe erschließt sich Shirley als eine Schauspielerin, die mit der New Yorker Living-Theater-Truppe verbunden ist, ihre Leidenschaften, privat wie beruflich, jedoch nur unzureichend auszuleben versteht.

Barrieren gegen Liebe

Um Liebe, die auf gesellschaftliche Barrieren stößt, geht es auch in Anja Salomonowitz' Dokumentarfilm Die 727 Tage ohne Karamo, der sich mit der prekären Lage von binationalen Paaren in Österreich beschäftigt.

Wie schon ihre vorangegangenen Filme, etwa die Sex-Trafficking-Dokumentation Kurz davor ist es passiert, ist auch diese Arbeit konzeptuell angelegt. Aus zahlreichen Fallgeschichten unterschiedlicher Paare hat Salomonowitz strukturelle Gemeinsamkeiten herausgearbeitet und nunmehr zu einer exemplarischen Studie verdichtet - ein kluges und hocheffizientes Verfahren, um die Kollateralschäden eines unbeugsamen Fremdenrechts hervorzuarbeiten.

So stilisiert die in gelblichen Farben arrangierten Settings erscheinen, so aufrichtig empfunden sind die Standpunkte von Menschen, die durch staatliche Drangsalierungen um ihr Glück gebracht wurden. Man muss gesehen haben, mit welcher Entrüstung hier eine der Protagonistinnen in einem Reenactement durch ihr Wohnzimmer führt, in dem die Polizei nach Indizien für eine Scheinehe gesucht hat. Die 727 Tage ohne Karamo macht betroffen, ohne die Möglichkeit auszuschließen, die Gründe für diese Betroffenheit zu durchleuchten.  (Dominik Kamalzadeh aus Berlin, DER STANDARD, 9./10.2.2013)

  • "Paradies: Hoffnung": Mit Teenager Melanie (Melanie Lenz, Mi.), die sich in ihren Diätarzt verschaut, ist Ulrich Seidls Trio vergeblich nach Glück strebender Heldinnen komplett.
    foto: berlinale

    "Paradies: Hoffnung": Mit Teenager Melanie (Melanie Lenz, Mi.), die sich in ihren Diätarzt verschaut, ist Ulrich Seidls Trio vergeblich nach Glück strebender Heldinnen komplett.

  • "Shirley - Visions of Reality": Stephanie Cumming als Heldin von Gustav Deutschs Belebung von Edward-Hopper-Gemälden.
    foto: berlinale

    "Shirley - Visions of Reality": Stephanie Cumming als Heldin von Gustav Deutschs Belebung von Edward-Hopper-Gemälden.

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