Opfer der Versuchung

8. Februar 2013, 18:01
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Die alljährliche Exhumierung des Idols förderte diesmal ein wenig mehr als die üblichen Schnurren zutage

Die alljährliche Exhumierung des Idols förderte diesmal ein wenig mehr als die üblichen Schnurren zutage: "Falcos Jenny lebt!" Es ist nämlich vor "News" prinzipiell kein Geheimnis sicher, auch wenn gar nicht sicher ist, ob überhaupt eines gehütet wird. "NEWS hat die Jeanny aus dem Falco-Video also doch gefunden - exakt 15 Jahre nachdem der Falke in der Dominikanischen Republik, umnebelt von einem Drogencocktail, in einem Geländewagen den finalen Crash gebaut hat". Diese Exaktheit ist ein schöner Zufall, auch wenn aus der Story weder hervorgeht, welche Mühen das Magazin aufwenden musste, um die "Hausfrau mit Mann, Kind und Hund in einem noblen Einfamilienhaus" in Salzburg-Anif zu finden, noch, warum sie eigentlich nicht am Leben sein sollte.

Zwar ließ der hinlänglich bekannt "unzweideutige Songtext von Falco das Schicksal von Jeanny völlig offen", warum aber deshalb das Schicksal des Mädchens Teresa, das vor 27 Jahren für das Video posierte, nicht in ein friedliches Salzburger Familienleben münden, sondern Anlass zu dem Seufzer Falcos Jenny lebt! liefern sollte, blieb Redaktionsgeheimnis von "News". Schon "im März 1986 lachte Teresa Guggenberger vom "Wiener"-Cover. Und - kaum verändert - so sieht sie heute als verheiratete Breuer aus". Das ist beruhigend zu wissen. Aber welches Geheimnis bleibt jetzt noch für den 16. Todestag zu lüften?

Gar nicht erst finden musste man dieser Tage Andreas Mölzer, er hat der Öffentlichkeit die Stigmata, die er sich vor dem Tanz der Burschenschafter in der Hofburg geholt hat, geradezu aufgedrängt. Das mitleidheischende Geraunze wirkte leicht undeutsch, aber wenn er mit seiner Klage gegen den Polizeipräsidenten erreichen sollte, dass der Staatsschutz von offenen Neonazis auf camouflierte Rechtsextreme ausgedehnt wird und jeder Einzelne von ihnen einen Polizisten zur Seite bekommt, war auch sein Kommentar in der "Presse" nicht vergeblich.

"Jedwede ethnische Minderheit, speziell Zuwanderergruppen aus allen Teilen der Welt, natürlich Menschen mit unorthodoxer sexueller Orientierung, Schwule, Lesben etc., sie alle können auf die Achtung und auf den Schutz der Zivilgesellschaft und der ihnen nachgeordneten Medien bauen". Dass er die Burschenschaften in diese Gruppe der Schutzbedürftigen eingereiht wissen will, überrascht nur auf den ersten Blick, wenn man erinnert, was Mölzer geistig nahestehende Publikationen über sie zu sagen haben. Auf den zweiten Blick wird eine vordergründige Bereitschaft offenbar, augenzwinkernd sogar über den eigenen Schatten zu springen, wenn man damit staatlich anerkannte Schutzbedürftigkeit rechtsradikalen Gedankengutes erreichen könnte.

Doch die den "Schwulen, Lesben, etc., nachgeordneten Medien" lassen das nicht zu. "Die einzige Randgruppe, die darauf in diesem Lande nicht bauen kann, sind die viel gescholtenen Burschenschafter". "Dass es sich dabei" - gesinnungsmäßige Einfalt einmal beiseite - "um eine Vielfalt anderer Korporationstypen wie Sänger, Turner, Corpsstudenten etc. handelt, spielt in der medialen Verkürzung der Debatte keine Rolle". Warum - alles eins.

Tiefschürfend sucht Mölzer nach den Gründen, und ihm schwant Arg. "Offensichtlich wegen der vielfach nachzuweisenden Nähe zum Rechtsextremismus, der dort immer wieder geübten Verharmlosung des Nationalsozialismus und archaischen, brutalen Sitten wie der Mensur, bekommt man da als Antwort aus dem Munde zeitgeistiger Kommentatoren." Schön, dass ihn das gar nicht überrascht. Aber "weniger häufig schon wird offen gesagt, dass es auch die starke Präsenz dieser Korporierten in der größten Oppositionspartei des Landes ist, welche Antipathien hervorruft". Mit dieser Kritik an den "zeitgeistigen Kommentatoren" hat er recht, diese Antipathien gehörten viel offener artikuliert.

Was Mölzer fordert, ist nicht neu: Schwamm drüber! "Antidemokratische Irrwege haben in der jüngeren Geschichte Österreichs alle politisch-ideologischen Lager zu verzeichnen. Die Sozialdemokraten schwärmten von der "Diktatur des Proletariats", die Christlich-Sozialen errichteten den autoritären Ständestaat" und, na ja, "die Vertreter der studentischen Korporationen erlagen zum Teil der schrecklichen Versuchung des Nationalsozialismus".

Mitleid könnte man mit den Ärmsten bekommen, vernimmt man Mölzers Klage - würden sie nicht noch "immer zum Teil der schrecklichen Versuchung des Nationalsozialismus" frönen - Jahrzehnte, nachdem seine schrecklichen Verbrechen bewiesen sind. (Günter Traxler, DER STANDARD, 9./2.2013)

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