Weirather: "Zickzackfahren hat keinen interessiert"

Interview8. Februar 2013, 18:12
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Harti Weirather über seinen Abfahrtssieg in Schladming 1982 und alles was danach kam

Standard: Ist es schön, 31 Jahre nach dem Triumph wieder im Mittelpunkt zu stehen und nicht nur dazu befragt zu werden, wie die Geschäfte in Kitzbühel laufen?

Weirather: Für mich ist das eine neue Erfahrung. Ich bin froh, wenn der Rummel wieder vorbei ist. Als Sportler bist du das gewöhnt, es gehört auch dazu, jetzt bin ich es nicht mehr gewöhnt.

Standard: Denkt man am Tag des Erfolgs daran, dass der jahrzehntelang in Erinnerung bleibt?

Weirather: Ich habe überhaupt nicht damit gerechnet. Dadurch, dass das damals der einzige Weltmeistertitel war, hat das halt jetzt eine Relevanz. Mein Gott. Ich hoffe, dass wir am Samstag einen neuen österreichischen Abfahrtsweltmeister haben in Schladming. Dann ist das Thema erledigt. Ich bleib noch da bis zum Donnerstag, da fährt meine Tochter Tina den Riesenslalom.

Standard: Haben Sie die Strecke besichtigt?

Weirather: Ich hab gar keine Akkreditierung für die Piste. Das Training habe ich mir im Fernsehen angeschaut.

Standard: Ist die Rennstrecke mit der damaligen zu vergleichen?

Weirather: Nicht wirklich. Sie ist viel kurviger, es gibt noch mehr Wellen. Zu gewinnen wird das sehr, sehr schwer. Fehlerlos wird da keiner runterkommen. Es geht darum, so wenig Fehler wie möglich zu machen, sich immer am Limit zu bewegen und die vielen Übergänge zu treffen.

Standard: Liegt das Limit heute woanders als damals?

Weirather: Das Limit ist immer bei 100 Prozent. Bei 101 Prozent bist du damals auf der Gosch'n gelegen. Und heute liegst du genauso.

Standard: Können Sie das heutige Material seriös beurteilen?

Weirather: Ehrlich gesagt, zu wenig. Ich hab aber das Gefühl, dass heuer weniger passiert als in der Vergangenheit. Ich hoffe, dass der Materialwechsel in puncto Sicherheit etwas gebracht hat.

Standard: Trainieren die Sportler heutzutage mehr?

Weirather: Auf jeden Fall. Ich seh das bei der Tina, die trainiert sechs bis acht Stunden jeden Tag. Das war bei uns mehr Gaudi. Wir haben schon auch trainiert, aber bei weitem nicht so professionell. Wir haben auch gar nicht die Informationen gehabt, was genau was bewirkt. Teilweise haben wir viel zu intensiv trainiert. Wir haben geglaubt, dass wir in möglichst kurzer Zeit möglichst viel machen müssen. Extrem viel im Intervallbereich, davon ist man längst abgekommen.

Standard: Trainer Charly Kahr, heißt es, war in seinen Methoden innovativ. Stimmen Sie dem zu?

Weirather: Ganz sicher. Er hat sich oft was Neues einfallen lassen, hat neue Reize gesetzt.

Standard: Zum Beispiel?

Weirather: Als wir angefangen haben in der Halle, hat er verschiedene Trampoline aufgebaut. Wir mussten Bockspringen, balancieren. Es gab viele Übungen, um die Geschicklichkeit zu schulen. Wir sind im Bachbett über Steine gelaufen. Auch das autogene Training war was Neues. Wir haben alles Mögliche probiert. Wir waren bei vielen Sachen die Ersten.

Standard: Dass Kahr alles der Abfahrt untergeordnet hat, ist legendär. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Weirather: Zickzackfahren hat keinen interessiert, überhaupt nicht. Der Charly hat das vielleicht noch verstärkt. Uns Junge hat schon vorher nur die Abfahrt interessiert. Die Abfahrer waren die Heros. Zuerst der Karl Schranz, dann der Franz Klammer. Die Schranz-Hocke ist unvergesslich.

Standard: Und wo waren Sie, als Klammer 1976 die Olympiaabfahrt gewonnen hat?

Weirather: Ich hab die Führerscheinprüfung in Innsbruck gemacht. Dann bin ich zu Fuß eine halbe Stunde vor dem Rennen durch die Stadt gegangen. Ausgestorben. Was ist da los?, hab ich mir gedacht. Das werde ich nie vergessen. Das Rennen hab ich mir bei meinem Onkel im Fernsehen angeschaut. Dann hat's sowieso nur noch Abfahrt gegeben.

Standard: Als Abfahrer fängt man doch nicht an?

Weirather: Im Slalom war ich österreichischer Meister, im Riesenslalom war ich auch gut. Aber schon als junger Bub hat mich nur die Abfahrt gereizt, eine Riesenherausforderung, ein großer Spaß.

Standard: Sie haben relativ früh aufgehört. Weshalb?

Weirather: Es ist nichts mehr gegangen. Zuerst hab ich mir das Knie zusammengehaut. Dann hab ich arge Rückenprobleme gehabt und nimmer g' scheit trainieren können. Mit 28 aufzuhören war extrem früh. Der Stock Leo ist bis 35 gefahren.

Standard: War der WM-Titel die Basis für den heutigen Job?

Weirather: Schwer zu sagen. Ein gewisser Türöffner ist es. Aber du musst aufpassen, du bist schnell wieder draußen bei der Tür.

Standard: Wann begann die Vermarktungsgeschichte?

Weirather: 1984, da bin ich noch gefahren. Das war auch ein Grund, dass ich immer schlechter geworden bin. Ich hab nur noch das Zeugs im Kopf gehabt. Ich bin auf die Idee mit den Kopfsponsoren gekommen. Ich hab auch für andere Sponsoren gesucht. (Benno Zelsacher, DER STANDARD, 09./10.02.2013)

Hartmann Weirather (55), Tiroler aus Reutte, wohnhaft in der Schweiz, gewann sechs Weltcupabfahrten und WM-Gold 1982. Rücktritt 1987, verheiratet mit Ex-Rennläuferin Hanni Wenzel aus Liechtenstein. Tochter Tina (23) fährt für Liechtenstein. Gründer und Chef der Liechtensteiner Sport-Vermarktungsagentur WWP (Weirather, Wenzel und Partner), tätig im Skisport, Fußball und Motorsport.

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    "Bei 101 Prozent bist du damals auf der Gosch'n gelegen."

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