"Es geht nicht um Ideologie, sondern um Lebensgefühl"

Interview9. Februar 2013, 17:00
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Jugendkulturforscher Matthias Rohrer glaubt, Weltanschauung war ein Phänomen der Achtziger. Heute geht es um Ästhetik. Oberflächlich sei die Jugend dennoch nicht.

STANDARD: Wurde in Jugendkulturen die Weltanschauung vom Lifestyle abgelöst?

Rohrer: Wir sprechen heute nicht mehr von der Jugendkultur, sondern von der Jugendszene. Es geht weniger um Ideologie, sondern eben um das Lebensgefühl und die Lebenseinstellung. Politische Aspekte spielen nur noch in wenigen, kleinen Jugendszenen, wie zum Beispiel der Ökoszene, bei den Punks oder bei den Skinheads eine Rolle. Ansonsten steht die Ästhetik im Vordergrund.

STANDARD: Also eine Jugend voller exzentrischer Selbstdarsteller?

Rohrer: Es geht sehr stark um die Außenwirkung, vor allem die ästhetische Expression ist für Szenejugendliche wichtig. Szenecodes sind heute Kleidungsstil, Musik oder Sport. Dadurch grenzen sie sich von anderen Jugendszenen und der Gesellschaft ab und schaffen ein Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Gruppe.

STANDARD: Doch Gruppen können laufend gewechselt werden?

Rohrer: Das ist das, was Jugendszenen so interessant macht, und spiegelt den Zeitgeist der Jugendlichen wider: Man entscheidet selbst, ob und in welcher Szene man wann sein will. Jugendliche müssen sich nur die jeweiligen Szenecodes aneignen, und schon sind sie dabei. Das ist natürlich bei den heutigen Jugendszenen leichter als bei den sehr stark von Ideologien und Weltanschauungen geprägten Jugendkulturen der Achtziger- und Neunzigerjahre.

STANDARD: Aber eine Jugend, die nur noch oberflächliche Werte lebt, ist doch problematisch.

Rohrer: Nur weil sich Jugendliche nicht mehr in politischen, weltanschaulichen Jugendkulturen zusammenfinden und Lebensstil- und Freizeitgemeinschaften bevorzugen, bedeutet das ja nicht, dass sie nur noch oberflächliche Werte leben. Die Werte, die einem im Leben wichtig sind und nach denen man sein Leben gestaltet, werden nur nicht mehr von einer Ideologie einer Gemeinschaft vorgegeben, sondern mit dem direkten Umfeld - Familie und Freunden - ausverhandelt.

STANDARD: Linz scheint in Bezug auf Jugendszenen mehr zu pulsieren als andere Landeshauptstädte.

Rohrer: Absolut, Linz ist eine sehr jugendkulturelle Stadt. Es gibt viele Nerds, Punks und eine ausgeprägte junge, kreative Szene mit der Stadtwerkstatt als Hotspot. In anderen Landeshauptstädten und Wien sind die Jugendszenen nicht so im Blick der Öffentlichkeit. Sie gehen unter, weil sie sich stärker verteilen.

STANDARD: Und was ist derzeit angesagt?

Rohrer: Es boomt gerade die Fitnessszene, wobei es hier weniger um Gesundheit als den Körperkult und Körperbewusstsein geht. Ein Dauerbrenner sind Sportarten wie Beachvolleyball, Snowboarden, Fußball und bei den über Zwanzigjährigen Yoga. Aktive Musikszenen sind Hip-Hop und House. Interessant ist zu beobachten, dass die sogenannten Nerds inzwischen im Mainstream angekommen sind und zu einer aktiven Computer- und Gamerszene wurden. (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 9./10.2.2013)

Matthias Rohrer (26) hat Kultur- und Sozialanthropologie an der Uni Wien studiert und ist seit Februar 2008 am Institut für Jugendkulturforschung tätig. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Jugendkultur, Medien und Politik.

  • Bei der Jugend gehe es heute weniger um Ideoogie, sondern um das Lebensgefühl und die Lebenseinstellung, sagt Jugendkulturforscher Matthias Rohrer.
    foto: laura sprenger

    Bei der Jugend gehe es heute weniger um Ideoogie, sondern um das Lebensgefühl und die Lebenseinstellung, sagt Jugendkulturforscher Matthias Rohrer.

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