"Wir wollten keine High Heels"

Interview8. Februar 2013, 16:56
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Am Sonntag löst "Kommissarin Lund" im ZDF ihren dritten und letzten Fall. Die erste Staffel gibt es jetzt auch als Buch. Drehbuchautor Søren Sveistrup über den erstaunlichen Hype um seine Serienheldin und das dänische Fernsehwunder

STANDARD: Warum soll jemand das Buch "Das Verbrechen" lesen, der die Story vom Fernsehen kennt?

Sveistrup: Es gab eine Menge Anfragen von Verlagen, was mir ziemlich verständlich erschien, weil es reizvoll ist, die Bilder der Serie ins Geschriebene zu übersetzen. Natürlich ist das ein bisschen andersrum, aber ich sagte zu, weil ich das Gefühl hatte, David Hewson, der Autor, ist ambitioniert.

STANDARD: "Kommissarin Lund" gibt es sogar als US-Serie. Fürchten Sie keinen Schaden an der Figur?

Sveistrup: Für mich ist es ziemlich lustig zu sehen, wie andere von Sarah Lund fasziniert sind. Vor allem aber steckte ich mitten in der Arbeit an der dritten Staffel.

STANDARD: Warum fasziniert das skandinavische Kriminal nun so?

Sveistrup: Das ist der Chic des „Nordic noir", eine Modeerscheinung, erster Höhepunkt war Stieg Larssons Millennium. Bemerkenswert aber, dass die Skandinavien-Euphorie in Deutschland und Österreich begann, lang bevor sie den angloamerikanischen Raum erfasste. Jetzt gibt es den Boom, und das hat mit Timing zu tun. Nun ist eben der Norden dran.

STANDARD: Eine Frage des Talents, es gibt sehr gute Schulen für Drehbuchautoren?

Sveistrup: Wir haben sehr gute Schulen, aber manchmal ist das nicht genug. In Dänemark hat sich die Mentalität geändert. Vor 20 Jahren glaubten die Menschen hier nicht daran, die Welt erobern zu können. Heute wissen die Filmleute, dass sie sich in einem globalen Markt behaupten müssen. Mittlerweile gibt es ein großes Selbstbewusstsein, das betrifft nicht nur Film und Fernsehen, sondern andere Gebiete wie Küche und Industrial Design.

STANDARD: Das Selbstvertrauen einer kleinen Nation erlaubt Serien wie „Borgen", in der Regierungsgeschäfte in einer aufklärerisch-kritischen Weise verhandelt werden, in Österreich wäre das undenkbar ...

Sveistrup: ... wieso denn das?

STANDARD: Regierungskritik wird nur mit Humor verpackt geäußert.

Sveistrup: Aha. Wir haben mit dem dänischen Fernsehen einen Rundfunkveranstalter, der Neues wagt und Risiken eingeht.

STANDARD: Am 10. Februar startet nun die finale Staffel. War das Ende von Anfang an klar?

Sveistrup: Im Großen und Ganzen ja. Ich hatte die Absicht, drei Staffeln zu machen und bin mehr denn je überzeugt, dass es der richtige Zeitpunkt ist aufzuhören. Ich hasse die Vorstellung, hunderte Folgen zu schreiben und irgendwann nur noch Durchschnitt zu produzieren.

STANDARD: Sofie Gråbøl ist in Österreich gut bekannt – nicht so sehr als Kommissarin Lund, sondern als Darstellerin im Werbespot.

Sveistrup: Sie erzählte mir davon, sie und ihr Serienpartner Mikael Birkkjær spielen in einem Spot für Versicherungen, nicht wahr?

STANDARD: Allerdings finden manche ihren Figurenspagat zu kühn. Dunkle Polizistin versus überdrehte Ehefrau geht vielleicht zu weit?

Sveistrup: Genau für diese Bandbreite ist Sofie in Dänemark bekannt. Sie trat ursprünglich in Comedyshows auf. Sie wollte von den netten, leichten Serien weg.

STANDARD: Sofie Gråbøl spielte Sarah Lund, als sei sie ein Mann. Wessen Idee war das?

Sveistrup: Für mich ist Sarah Lund eine Außerirdische, ein einsamer Cowboy, ein weiblicher Clint Eastwood. Ich wollte nicht viel über ihr Privatleben erzählen, sondern die Mördergeschichte in den Mittelpunkt stellen. Wir sprachen darüber, und eines Tages sagte sie, sie habe sich einen speziellen Gang antrainiert. Sie imitierte einen der Regisseure am Set. Wir banden das in das Drehbuch ein und fanden es okay. Sarah Lund trinkt Bier nicht aus dem Glas, sondern aus der Flasche. Sie ist sexy und liebesfähig, aber wir wollten keine High Heels, sondern Strickpullis.

STANDARD: Krimidetektive sind auffallend oft weiblich. Warum?

Sveistrup: Ein Autor, der etwas Dunkles und Gefährliches beschreiben will, greift auf Frauen zurück, weil er sie als verletzlicher einschätzt. Drehbuchautoren sind mehrheitlich männlich. Sie lieben Frauen und vermutlich glauben sie, es beeindruckt mehr, wenn Frauen sterben. Ich hatte aber genug von Detektivinnen, die zu gut aussehen, zu attraktiv sind, sich verabreden, charmant flirten und nebenbei heikle Fälle lösen.

STANDARD: Manche sehen eine Tendenz zum Frauenmord im TV. Warum tendieren Autoren dazu?

Sveistrup: Frauen kontrollieren die Welt, jeder männliche Autor arbeitet auf diese Weise seinen Frust ab ... Ich will nicht hoffen, dass es so ist. (Doris Priesching, DER STANDARD, 9./10.2.2013)

Søren Sveistrup (45) überlegt, in die USA zu wechseln, der US-Qualitätskanal HBO hat für eine neue Serie angefragt. Staffel 1 erschien bei Zsolnay als Buch und Hörbuch, Titel: "Das Verbrechen".

  • Sofie Gråbøl als "Kommissarin Lund" im ZDF.
    foto: zdf

    Sofie Gråbøl als "Kommissarin Lund" im ZDF.

  • Drehbuchautor Søren Sveistrup.
    foto: ap/finn frandsen

    Drehbuchautor Søren Sveistrup.

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