"Nie nach vollkommener Zufriedenheit streben"

8. Februar 2013, 17:19
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Viele Aufgaben und Anforderungen, wenig Zeit - wie entkommt man dieser Zwickmühle, ohne dabei auszubrennen? Bei Leadership Revisited zeigte Gunther Schmidt (Systelios) diesbezüglich Möglichkeiten auf

Zwei Drittel der Arbeitnehmer klagen über psychische Belastungen. Allein in Deutschland hat Burnout im Jahr 2010 Kosten in der Höhe von 25 Milliarden Euro verursacht. Unternehmen wiederum gaben für die betriebliche Burnout-Prävention mehr als 4,5 Milliarden Euro aus. " Burnout ist ein ernstzunehmender Faktor, der immer wichtiger wird", sagt Gunther Schmidt, Therapeut, Organisationsberater und Gründer der Systelios-Klinik. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Leadership Revisited von Heitger Consulting und der Vienna Consulting Group erklärte er, welche Herausforderungen sowohl die einzelnen Personen als auch die Organisationen bewältigen müssen, um nicht durch Erschöpfung handlungsunfähig zu werden.

Die entscheidende Frage, so Schmidt, sei, wie man mit zu wenig Zeit umgehe, ohne dabei auszubrennen. Diese Kunst nennt er "das Managen von Zwickmühlen". Und diese seien, so seine Erfahrung, im mittleren Management am intensivsten. Denn Burnout sei eine typische Reaktion auf das eigene, oft gnadenlose Antriebssystem und das persönliche Anforderungsfeld. "Die innere Stimme sagt: 'Ich muss dem gerecht werden, und es ist aber nicht genug'", erklärt Schmidt.

Erlebnisrepertoire

Die Gefahr bei Burnout sei, so Schmidt, dass es als individuelles Problem gesehen und aus dem Kontext gerissen werde. Für das Entstehen seien aber viele Faktoren verantwortlich. Wie jemand mit den Zwickmühlen umgehe, hänge stark von seinem Erlebnisrepertoire ab. "Niemand hat Burnout, sondern produziert es. Die Person ist aber trotzdem nicht selbst daran schuld", erklärt Schmidt. Und hier liege es auch an den Führungskräften, die richtigen Kompetenzen der Mitarbeiter zu aktivieren.

Gefährdet seien vor allem Personen, die die Bedürfnisse anderer sehr wichtig nehmen. "Wer bei allen Entscheidungen nur auf sein eigenes Wohl bedacht ist, ist kaum Burnout-gefährdet", ergänzt er.

Mit Würde seine Endlichkeit erkennen sei die beste Prävention. Denn die Kraft des Systems komme aus seiner Begrenzung, aber genau die Anerkennung der Endlichkeit sei gerade wirtschaftlich tabu. "Doch selbst kein Wachstum wird noch immer als Nullwachstum bezeichnet", sagt Schmidt.

Unsicherheit, Angst und auch Wut

Die aktuelle wirtschaftliche Situation sei geprägt durch Unsicherheit, Angst und auch Wut. Dieser Zustand schwäche Mitarbeiter in ihren Handlungskompetenzen. Dabei sei die menschliche Bedürfniskette bestens bekannt. Erstrangig nennt Schmidt Sicherheit, die wiederum gebe Orientierung hinsichtlich Rollen- und Aufgabenklarheit. Danach kämen Wertschätzung, Handlungsmöglichkeit und Sinnerleben. Wichtig sei auch eine Wahlmöglichkeit, die in Organisationen oftmals schwierig sei, ergänzt er. Als Führungskraft müsse man vor allem in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Zusammengehörigkeit der Belegschaft erhalten, trotz Stellenabbaus.

Um aus dieser Zwickmühle herauszukommen, sei vor allem Transparenz in der Kommunikation ein wesentlicher Beitrag, sagt er. Und diese Transparenz müsse sich auch in der Organisation widerspiegeln. In der Systelios-Klinik beispielsweise werde diese Transparenz auf radikale Art gelebt. "Alle Besprechungen - auch unsere Gesellschaftersitzungen - sind öffentlich. Abgesehen von vorher klar definierten Ausnahmen, wie beispielsweise der Budgetverhandlung, kann jeder zu den Sitzungen kommen" , erklärt er.

Ganz wichtig sei, nie die vollkommene Zufriedenheit anzustreben. "Denn ich habe kein Interesse daran, ganz zufrieden zu sein, weil genau dieser Zustand mein Motor ist", sagt er. (Gudrun Ostermann, DER STANDARD, 9./10.2.2013)

  • Wie auch in stressigen Situationen die Handlungsfähigkeit erhalten bleibt (v. li.): Barbara Heitger, Heitger Consulting, Gunther Schmidt, Systelios, und Martin Engelberg, Vienna Consulting Group.
    foto: standard/hendrich

    Wie auch in stressigen Situationen die Handlungsfähigkeit erhalten bleibt (v. li.): Barbara Heitger, Heitger Consulting, Gunther Schmidt, Systelios, und Martin Engelberg, Vienna Consulting Group.

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