Glühende Herzen fangen Feuer: "Secret Second Thoughts" der Grazer Band The Base

8. Februar 2013, 18:39
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Wegen eines Mark Lanegan oder Tom Waits muss man nicht in die Ferne, sondern bloß an die Mur reisen

The Base aus Graz können aber mehr, als bloß schön zu leiden. Auf ihrem Album "Secret Second Thoughts" erhöhen sie das Tempo und blühen richtig auf.

Wien - Geschwindigkeit allein ist noch kein Indiz für Fröhlichkeit. Sie kann auch dazu dienen, um mit garantiert letalem Effekt gegen die Wand zu fahren. Dennoch sorgt ein höheres Tempo meist dafür, einen Standpunkt insistierender wirken zu lassen. Glühende Herzen fangen schneller Feuer, aus Wünschen wird Geilheit, waidwundes Flehen weicht zuckenden Forderungen.

Die Grazer Band The Base hat sich auf ihrem neuen Album Secret Second Thoughts höhere Geschwindigkeit verordnet und damit jene Größe erlangt, die in ihr längst schon schlummerte. Bislang vertraute das Trio aber eher auf die verlässliche Formel des erzählenden einsamen Wolfs, der im ungesunden Kreislauf von Bier und Tränen seine Wunden leckt. Das ist nie falsch, die Ergebnisse dieser Form in Kunst gegossener und gesoffener Wehleidigkeit sind jedoch leidlich bekannt und bedürfen besonderer Originalität, um noch irgendwen zu bewegen.

Auf Secret Second Thoughts legen Norbert Wally, Albrecht Klinger und Karlheinz Miklin jr. nun also einen Zahn zu. Zwar ist es immer noch jener Zahn, den man im Zuge einer würdelosen Wirtshausrauferei um eine die-sen Einsatz nicht wertschätzende Dame verloren hat, aber die Stimmung ist grimmiger, die Gitarren sind härter, die Produktion meint es ernst, die Instrumentierung ist vielfältiger. So dauert es immerhin bis zum sechsten Lied, bis es zur ersten nach Selbstzerfleischung klingenden Ballade kommt. (Would I Be) A Good Santa Claus? zeigt wirkmächtig, dass man wegen eines Mark Lanegan oder eines Tom Waits nicht in die Ferne, sondern nur an die Mur reisen muss. Doch derlei Vergleiche sowie jenen mit Lee Hazlewood kennen The Base bereits. Letztgenannten würdigen sie auf Secret Second Thoughts mit einer Coverversion seines Klassikers Summerwine, den sie um die Geisterstunde ansiedeln.

"Lee Baselwood"

Aber den "Lee Baselwood", den kennt man von The Base. Den können sie, und davon gibt es in der zweiten Albumhälfte jene Dosis, um Bandfotos wie das rechts abgebildete zu rechtfertigen. Doch es sind die schnellen Songs, die das Album tragen.

Es beginnt mit einem nach dem Osten schielenden The Rats Won't Leave the Ship (yet), in dem neben Balkanischem Ennio Morricones Westernfantasien und Seemannschöre auftauchen, bevor die Bläser den Sombrero aufsetzen. Das könnte als Versuch, auf zu vielen Hochzeiten auf einmal tanzen zu wollen, in die Hose gehen, aber The Base gelingt die Gratwanderung.

Eine grandiose Fortsetzung erfährt dieser Ansatz in Slomo Mother's Son, das heftiger rumpelt und in dem die Bläser und die Geige mit Genuss dem Kontrollverlust anempfohlen werden. Sie folgen dieser Einladung jedoch nur so weit, wie es der Song verträgt. Stilistisch erinnern The Base dabei an die US-Band Camper van Beethoven, die eine verwegene Mischung aus Folk, Ska und (Art-)Rock geschaffen haben.

Weitere heftigere Songs wie There's A Party in my Mind (Only the Lucky Ones get Inside) oder Burning Ashes führen vor, wie sehr The Base in stärker ausgelebten Gefühlswallungen aufblühen. Zusammen mit den mattschwarzen, atmosphäreschwangeren Balladen ergibt das ein Spitzenalbum. Secret Second Thoughts (Konkord Records) zählt zum Besten, das hierzulande im avancierten Rock zu finden ist.   (Karl Fluch, DER STANDARD, 9./10.2.2013)

Hören Sie hier das Album von The Base im Spotify-Stream:

  • Norbert Wally von The Base beim Trostgetränk. Auf dem neuen Album des Grazer Trios wird aber nicht nur gejammert.
    foto: marija kanizaj

    Norbert Wally von The Base beim Trostgetränk. Auf dem neuen Album des Grazer Trios wird aber nicht nur gejammert.

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