Fersengeld für Selbstdarsteller

8. Februar 2013, 18:55
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Zu hohe Erwartungen und daran orientierte Taxen schlagen Interessenten schon mal in die Flucht

"Give me a sign! Are you alive or dead?", bellte Auktionator Henry Wyndham den zögerlichen Saalbieter am Dienstagabend humorvoll an. Richard Nagy blieb stur. 6,8 Millionen Pfund bot der in London ansässige und auf Werke Egon Schieles spezialisierte Kunsthändler. Mehr wollte sein Klient für Egon Schieles Liebespaar (Selbstdarstellung mit Wally) nicht ausgeben. Bei sieben Millionen behielt ein asiatischer Privatsammler die Oberhand.

Damit blieb der Anführer der vom Leopold-Museum zur Refinanzierung des vorläufig jüngsten Restitutionsdeals (Juni 2012, Häuser am Meer) nach London entsandten Trias unter den Erwartungen von bis zu 8,5 Millionen Pfund. Wiewohl die Gouache mit 7,88 Millionen Pfund (inkl. Aufgeld, 9,16 Mio. Euro) nun als Künstlerrekord für eine Arbeit auf Papier listet, verweist dies auf ein Dilemma der Branche: "Unwiderrufliches Gebot" oder "Garantie Dritter" nennt sich jenes Modell, über das Auktionshäuser Einbringern unabhängig vom Verlauf der Versteigerung meist den unteren Schätzwert garantieren. Im Kampf um hochwertige Kunstwerke ist diese Option oftmals das Zünglein an der Waage.

Garantierte Tücken

Doch dieses Modell birgt Tücken: Denn je höher die Erwartung des Verkäufers, desto eher schlägt man Interessenten in die Flucht. Mit realistischen, weil marktkonformen Taxen wächst wiederum der Kreis potenzieller Käufer. Als Sotheby's im November 2007 etwa Schieles Selbstbildnis mit kariertem Hemd (Slg. Christian M. Nebehay) offerierte, lag der Schätzwert bei 3,1-4,5 Millionen Euro und generierte so deutlich mehr Interesse. Der Zuschlag erfolgte bei 7,8 Millionen Euro und hielt sich bis Mittwochabend an der Spitze der teuersten Papierarbeiten des Künstlers.

Deutlich moderater war aktuell die Bemessung der Selbstdarstellung mit grünem Hemd ausgefallen, die ein europäischer Privatsammler mit 5,9 Millionen Euro sogar noch verdoppelte. Zusammen mit der Kohlezeichnung eines Mädchens summierten sich die Blätter aus dem Leopold-Museum auf netto 14,5 statt der garantierten elf Millionen Euro.

Vorerst, denn davon muss ein Abschlag an den Drittbieter geleistet werden, konkret wohl um die 20 Prozent des Differenzbetrags. Bleiben dem Leopold-Museum nach Refinanzierung der Steiner-Einigung damit etwa drei Millionen Euro "Restgeld", die nicht zur Auffettung des laufenden Budgets dienen, sondern für mögliche weitere Vergleiche zweckgebunden sind, wie das Museum verlautete.

Auch für Pablo Picassos Femme assise hatte Sotheby's eine Garantie erteilt und schlug das 1932 entstandene Porträt Marie-Thérèse Walters wohl eben jenem Drittbieter bei 28,6 Millionen Pfund zum Höchstwert der Woche zu. Gegenüber der Vergleichssitzung 2012 (78,9 Mio. Pfund) konnte Sotheby's mit etwas mehr als 121 Millionen Pfund (140,79 Mio. Euro) für 52 Besitzerwechsel einen deutlichen Zuwachs verbuchen. Kontrahent Christie's reichte anderntags 66 Kunstwerke für 136,45 Millionen Pfund weiter. Und hier hatte sich Modiglianis Porträt Jeanne Hébturne ohne Garantieausstattung mit 26,92 Millionen an die Spitze gesetzt und dem Einbringer einen satten Gewinn beschert: 2006 hatte er das Gemälde bei Sotheby's für "nur" 16,36 Millionen Pfund erworben.

Über die anschließenden Tagesauktionen stockten die Häuser ihre Wochentotals auf rund 158 (282 Zuschläge, Christie's) bzw. 145 Millionen Pfund (367 Zuschläge, Sotheby's) auf. Kommende Woche übernimmt die Sparte Contemporary & Post War die Regentschaft in London. Sowohl Christie's als auch Sotheby's hatten hier in der abgelaufenen Saison und wohl auch über die Erschließung neuer Märkte (u. a. Indien) ein Erstarken der Nachfrage verzeichnet. Bei Christie's erhöhte sich der weltweite Umsatz um 33 Prozent auf 1,58 Milliarden Dollar, bei Sotheby's um elf Prozent auf 1,28 Milliarden.

Zum Auftakt schickt Sotheby's kommenden Dienstagabend (12. 2.) 56 Positionen (63 Mio. Pfund) und Christie's anderntags derer 74 (bis zu 79 Mio. Pfund) ins Rennen. An der Spitze der Formation steht Francis Bacon, mit dem Großformat Man in Blue VI (vier bis sechs Mio. Pfund, Christie' s) einerseits und einem Selbstporträt-Triptychon (zehn bis 15 Mio. Pfund, Sotheby's) andererseits.

Dicht auf matchen sich Peter Doig (Architect's Home, 4-6 Mio. Pfund, Christie's) und Gerhard Richter, der im Oktober des Vorjahres ( Abstraktes Bild, 21,32 Mio. Pfund) via Sotheby's zum teuersten Gegenwartskünstler weltweit avancierte: eine Leistung, die Einbringer honorieren, aktuell etwa ein europäischer Privatsammler, dem Sotheby's nun für ein vergleichbares Werk aus dem Jahr 1992 marktkonforme 7,5-9,5 Millionen Pfund in Aussicht stellt.     (Olga Kronsteiner, Album, DER STANDARD, 9./10.2.2013)

  • Der nächste Garantiekandidat: Peter Doigs "Architects Home" (1991). 2007 erwarb es der Einbringer bei Sotheby's für 1,6 Millionen Pfund - nun will er via Christie's zumindest deren vier Millionen.
    foto: christie's

    Der nächste Garantiekandidat: Peter Doigs "Architects Home" (1991). 2007 erwarb es der Einbringer bei Sotheby's für 1,6 Millionen Pfund - nun will er via Christie's zumindest deren vier Millionen.

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