"Deren Not zum Himmel schreit"

8. Februar 2013, 17:00
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Aufgewachsen inmitten von eintausendfünfhundert geistig und körperlich Behinderten: Der Schauspieler und Autor Joachim Meyerhoff erinnert sich in seinem neuen Roman an eine Kindheit in einer deutschen Psychiatrie

Sie schlug sich die Stirn auf, um mit ihrem blutenden Kopf Sonnen, Sterne und Monde auf die Straße zu malen. Das hab ich oft gesehen, die eingetrockneten Blutsterne auf dem Asphalt. Das Landeskrankenhaus für Kinder- und Jugendpsychiatrie, in dem ich aufgewachsen bin, hieß damals und heißt auch noch heute "Hesterberg". Es ist das größte seiner Art in Schleswig-Holstein. Mein Vater war Kinder- und Jugendpsychiater, und als er dort Direktor wurde, gab es über eintausendfünfhundert Patienten. Gegründet wurde die Anstalt bereits 1817 von einem Herrn namens Dr. Suadicani, der sich mit der Bitte um den Bau einer Irrenanstalt "zur Rettung dieser unglücklichsten Menschen, deren Not zum Himmel schreit", an den König gewandt hatte. Alle paar Jahre wurde sie umbenannt. Zuerst hieß sie "Provinzial-Irrenanstalt", dann "Provinzial-Idiotenanstalt", dann "Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt für Geistesschwache".

Dann spezialisierte sie sich auf junge Menschen und nannte sich "Heil- und Erziehungsanstalt für blöd- und schwachsinnige Kinder" und schließlich, nach hundertfünfzig Jahren, "Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Hesterberg". Es wohnten allerdings auch viele ältere und sogar sehr alte Patienten in der Klinik, die niemals in die Erwachsenen-Psychiatrie verlegt wurden, da ihnen das Verlassen ihrer meist schon seit dem Kleinkindalter vertrauten Umgebung nicht zuzumuten war. Bis auf eine kurz vor der Einweihung stehende moderne Klinik stammten die Gebäude aus der Zeit der Jahrhundertwende. Riesige düstere Backsteinkästen, in denen bis zu zwanzig Patienten in einem Zimmer schliefen.

Lange Leitern standen an den vierstöckigen Hochbetten. Die oberen Betten konnte man verriegeln, es waren eher kleine Käfige als Betten, damit die Patienten nicht herausfielen. Das Gelände der Psychiatrie war groß und eine Welt für sich. Es gab eine Gärtnerei, eine Großküche, eine Tischlerei, eine Schneiderei, eine sogenannte Dampfwaschanstalt, sogar ein eigenes Kohleheizwerk mit rotgemauertem Schornstein und eine Schlosserei, in der fast ausschließlich Gitter geschweißt wurden: Fenstergitter, Gitterbetten, meterhohe Umzäunungsgitter für die Stationsgärten. An einigen dieser Orte arbeiteten Patienten in einer Mischung aus Arbeitstherapie und Ausbeutung. Unser Haus war der Mittelpunkt dieser Anlage. Die Direktorenvilla war vom Gründer der Psychiatrie ganz bewusst im Zentrum platziert worden. Der prunkvolle Bau war gleichermaßen eine Machtdemonstration wie auch ein Bekenntnis, als Direktor nicht außerhalb dieser Welt zu stehen.

So bin ich aufgewachsen. Inmitten von eintausendfünfhundert psychisch Kranken, geistig und körperlich Behinderten. Meine Brüder und ich gaben den Patienten die unterschiedlichsten Namen. Wir nannten sie knallhart Idioten, Irre oder Verrückte. Aber auch die Dödies, die Blödies, die Tossen, Spaddel, Spackos und Spastis. Oder die Psychos, Mongos, die Deppen, Debilen und Trottel - der Favorit meines ältesten Bruders war: die Hirnis. Sie so zu nennen war für uns vollkommen normal. Selbst meine Eltern benutzten hin und wieder, wenn wir unter uns waren, einen dieser Ausdrücke.

Die Hälfte meines Schulweges führte mich jeden Morgen durch die Psychiatrie, und ich traf dort auf die immer selben Patienten. Gleich auf der ersten Bank, wenn ich unseren Vorgarten durch ein Törchen verlassen hatte, saß ein Junge, der nichts lieber tat, als Zigaretten mit einem einzigen Zug niederzurauchen. Er wartete dort auf meinen Vater, der ihm oft eine seiner Roth-Händle gab. Der Junge hechelte, stieß alle Luft aus, steckte sich die Zigarette in den Mund, zündete sie an und zog und zog. Ein einziger Zug - und die ganze Zigarette brannte ab! Dann spuckte er den Stummel zu den anderen vor die Bank, atmete langsam aus - so viel Rauch! - und saß da, in Schwaden gehüllt, mit glücklich vernebelten Augen.

Dann, auf der nächsten Bank, ein anderer Junge: Thorsten, der immer fragte: "Haste Parfüms? Haste Parfüms? Haste Parfüms?" Er schürzte oft unvermittelt die Lippen, machte ein ganz spitzes Kussmündchen und pustete. Blies seine Fingerkuppen an oder Fussel vom Ärmel. Wenn im Frühjahr die wolligen Fäden der Balsampappeln auf den Psychiatriebänken lagen, blies er tagelang die Bankbretter und Lehnen sauber. Von mir hat er einmal eine ganze Flasche "Lagerfeld" bekommen, angepustet, aufgeschraubt und einfach ausgetrunken. Ein paar Meter weiter, um die nächste Häuserecke herum, begegnete ich oft einem Mädchen. Wenn sie es schaffte, sich ihren Schutzhelm herunterzuzerren, schlug sie sich die Stirn auf, um mit ihrem blutenden Kopf Sonnen, Sterne und Monde auf die Straße zu malen. Das habe ich oft gesehen, diese eingetrockneten Blutsterne auf dem Asphalt.

Im Sommer lag in einem der vielen hoch umzäunten Gärten hin und wieder ein Junge auf der Wiese. Nah am Zaun. Er hatte keine Augen. Stirn, Nase und Wangenknochen waren zu einer geschlossenen Fläche verwachsen. Auf diese von Narben durchzogene Haut waren mit einem schwarzen Filzstift Augen aufgemalt. Zwei Kreise mit Pupillenpunkt. Wie mir mein Vater erzählte, war dies sein eigener Wunsch, um sich für den Garten schön zu machen. Dann gab es noch einen in sich gekehrten Mann, der spazieren ging, immer freundlich war und eine kalte Pfeife rauchte. Er hieß Egon. Mein Vater warnte mich vor ihm, da er gerne Drahtkleiderbügel zusammenbog und sie anderen in den Hintern steckte. Für ein paar Tage hing an unserem Küchenfenster eine Röntgenaufnahme, auf der man im Grau durchleuchteter Organe einen Klumpen Draht ausgezeichnet erkennen konnte. Und dann war da natürlich noch Rudi, genannt Tarzan.

Er kletterte gerne auf Bäume oder lag bewegungslos im Gras, auf der Lauer. Er trug stets einen sehr echt aussehenden Revolver bei sich, stürzte hervor, blitzschnell und lautlos, und hielt einem den Lauf an die Schläfe. Jeder, der ihn kannte, wusste, wie harmlos er war, machte ihm eine Freude und erschrak sich zu Tode. Tarzan liebte es, wenn man sich vor ihm auf die Knie fallen ließ und bettelte: "Bitte, bitte töte mich nicht!" Sein Kopf mit dem roten Haarbüschel war nicht viel breiter als ein Handteller. Ein penetrantes Mädchen, genannt Bine oder Trine. Sie war klein. Als ich zehn war, war ich schon größer als sie. Traf man sie, wurde man sie nicht mehr los, und sie begleitete einen bis zum Ausgang der Anstalt. Mit piepsiger Stimme stellte sie immer dieselben zwei Fragen: "Na, wer bist du?" und "Na, wen haben wir denn da?". Wenn ich ihr meinen Namen sagte, lachte sie, drückte mir ihre prallen Brüste in die Rippen und widersprach: "Nee, nee, wer bist du?" Ich versuchte mich  loszumachen, aber sie war stark. Klammerte sich an mich, roch streng und rieb sich an mir. Egal was man sagte, es war falsch: "Na, wer bist du?" Immer wieder. Mehrmals drängte sie mich gegen eine Mauer, ließ minutenlang nicht ab von mir. "Na, wen haben wir denn da?" Ich versuchte mich loszumachen. "Nee, nee, nee. Wer bist du?" "Wohin soll's denn gehen?"

Am Ausgang, Tor 2, spielte ein Patient Kontrolleur. Er trug eine Fantasieuniform, auf den Schultern des Jacketts angeklebte Epauletten aus Schaumstoff, das ganze himmelblaue Uniformjackett gespickt voll mit Kronkorken-Orden. Um die Hosenbeine hatte er bunte Gürtel geschnallt, deren Enden seitlich abstanden. Unter Höchstanstrengung wölbte er seine Brust, knallte seine Hacken zusammen, winkte Autos durch und fragte mich jeden Morgen: "Wohin soll's denn gehen?" Ich sagte: "In die Schule." Er salutierte, rief laut: "Ah, wieder ficki-ficki machen?", und gab den Weg frei. Ich grüßte das Wachpersonal, dem ich gut bekannt war, die Schranke wurde geöffnet, und ich verließ das Gelände. An den beiden Toren und auch vor den Haupteingängen der Gebäude spielten sich oft dramatische Szenen ab.

Entweder weigerten sich die frisch Eingelieferten, das Gelände bzw. die Gebäude zu betreten, klammerten sich an ihre Angehörigen und traten nach den Pflegern, oder aber Patienten wehrten sich mit Händen und Füßen, das Gelände bzw. die Gebäude zu verlassen, klammerten sich an die Pfleger und traten nach den Angehörigen. Sowohl der Weg in die Psychiatrie hinein wie auch der aus ihr heraus war für viele der blanke Horror. Natürlich gab es auch die Unscheinbaren, die deutlich in der Überzahl waren, in sich versunken herumsaßen, brabbelten oder rastlos auf dem Gelände herumtigerten. Es gab eine Station, etwas abseits gelegen, wo in einem Hinterhof mehrere Bänke standen. Dort saßen Patienten, die sich auf gespenstische Art ähnlich waren. Kahl rasierte Schädel mit dicklippigen Mündern, riesigen Nasen und melancholischen Augen mit vergrößerten Pupillen. Selbst die Ohrläppchen ihrer fleischigen Ohrmuscheln schienen geschwollen und schwer. Ihre Gesichter sahen farblos aus, wie mit einem zu weichen Bleistift gezeichnet. So kauerten sie auf den Bänken oder den Rückenlehnen, und wenn die Sonne unterging, kam es vor, dass das schräge Abendlicht blutrot durch ihre Segelohren drang. Mein ältester Bruder sagte zu mir: "Schau sie dir an, wie sie da hocken und glotzen. Bisschen unheimlich, oder? Die sehen alles, riechen alles, hören alles, die kriegen zehnmal mehr mit als wir und machen den ganzen Tag absolut nix!" Wir nannten den Ort "Hinterhof der traurigen Eulen".

Viele Patienten bekam man gar nicht zu Gesicht, da sie die Stationen nicht verlassen konnten oder durften. Sobald es das Wetter zuließ, es einmal nicht regnete, wurden die Kranken nach draußen geschoben, lagen, wenn es noch kalt war, bewegungslos mit Mützen in rollbaren Betten oder saßen in Decken eingeschlagen in Rollstühlen. Wobei die Rollstühle völlig unterschiedlich aussahen. Manche waren für winzige, verwachsene Kinder gebaut und konnten hydraulisch auf und nieder, vor und zurück gekippt werden. Andere hatten Kopfpolster, die links, rechts und von oben eng anlagen. Sogar unterm Kinn gab es einen Bügel. Die Köpfe waren wie gerahmt, lagen wie Masken in ihren Futteralen. Viele dieser schwer körperbehinderten Kinder wurden an warmen Tagen in die Stationsgärten gelegt. Diese waren hoch eingezäunt, wie Gehege für gefährliche Tiere, und teilweise an den Oberkanten mit Stacheldraht gesichert - dabei sah man weit und breit niemanden, der solche Hindernisse er- oder sogar überklettern konnte. Da blieb ich oft stehen, hakte meine Finger in den Zaun und blickte über die mit Löwenzahn oder Gänseblümchen bedeckte Wiese hinweg, in der auf bunten Decken die Patienten wie hingestreut lagen. Einige versuchten zu krabbeln, andere rekelten sich, genossen die Sonnenstrahlen. 

Da ragten weit gespreizte Zehen aus dem Gras, dort eine vereinzelte Hand, die sich krallig in den blauen Himmel reckte. Manche hatten sich die Unterhosen heruntergestrampelt, und ich sah ihre Genitalien. An einem Tisch saßen Schwestern und Pfleger, rauchten und tranken Kaffee. Hinter ihnen eine Stellage, an der abgeschnallte Prothesen hingen: verschieden geformte Stütz-Korsagen mit Lederriemchen und Schnallen für die Brust, das Becken oder für Köpfe, die ohne Stütze wegsacken würden. Einem Jungen war das Stofftier aus der Hand gefallen. Es lag direkt neben ihm im Gras. Er strengte sich an, aber es gelang ihm einfach nicht, es zu erreichen. Kam ich Stunden später aus der Schule, hatte er es immer noch nicht geschafft. Die Pfleger kannten mich und winkten, oder eine der Schwestern brachte mir etwas Leckeres zum Gitter, schob ein Stück Marmorkuchen durch den Zaunspalt. Es war mein Zuhause. Vom Sehen kannte ich Hunderte. Jungen und Mädchen, Jahr für Jahr hinter denselben verschmierten Fensterscheiben. Es war die große Zeit der Fingerfarbe, und expressive Farborgien bedeckten oft ganze Fensterfronten. In Kitteln standen die Patienten hinter den Scheiben und wischten und matschten das Glas voll. 

Schon immer erstaunte mich, dass ich nur selten auf Patienten stieß, die miteinander spielten. Es gab einen großen Spielplatz mit einem herrlichen Hubschrauber-Klettergerüst, Schaukeln und Rutschen - doch der war meistens verwaist. Vielleicht war das sogar das Auffälligste: Obwohl das Gelände voll, ja überfüllt war, waren viele der Patienten ganz für sich, mit sich beschäftigt. Selbst wenn sie an der Hand eines Pflegers gingen, blieben sie Einzelne. Es gab solche mit dickledernen Helmen, die aussahen, als wären sie aus Medizinbällen herausgeschnitten worden. Und andere mit wattierten Fäustlingen, die fest mit der hinter dem Rücken zu knöpfenden Jacke verbunden waren. Ihre Schuhe, Hosen und Hemden, Kleider, Pullover und Mäntel kamen aus der Altkleidersammlung. Dadurch wirkten sie wie aus der Zeit gefallen. Waren es die abgetragenen, planlos miteinander kombinierten Klamotten oder die Art und Weise, wie sie sie trugen, die stets ein Bild des Nicht-Passens, des Unbequemen, des leicht Verwahrlosten erzeugten?

Einmal geschah es sogar, dass ich einen Patienten sah, einen Jungen, der meinen ausrangierten Pullover trug. Das war ein ungutes Gefühl. Dass da etwas, was ich nicht mehr brauchen konnte, zerschlissen und ausgeleiert, für jemand anderen genau das Richtige sein sollte. Oft war ich mir aber auch nicht sicher, ob die Kinder oder Jugendlichen, denen ich auf dem Psychiatriegelände begegnete, überhaupt Patienten waren. Es kamen immer viele Besucher. Eine der Hauptbeschäftigungen der Patienten war es, zu rauchen. Sie taten es nie nebenher, so wie mein Vater, der mit Zigarette im Mund einen Krimi las, Auto fuhr oder sich elektrisch rasierte. Die Patienten rauchten mit gespannter Ausschließlichkeit. Schon die Art, wie sie die Zigarette aus der Schachtel zogen, sie hielten, zum Mund führten und an ihr zogen, war von verbissener Aufmerksamkeit. Sie saßen auf den Bänken, lehnten an den Mauern oder wandten sich ab, um ihre Ruhe zu haben. Den Blick nach innen gewendet, inhalierten sie tief, schienen betäubt und abwesend zu sein. Oft kam es mir so vor, als wären ihre Lippen hart vor Gier, so eng schlossen sie sich um die Filter. Sie strahlten nichts Lässiges aus, hatten keine weich abgeknickten Handgelenke, vollführten keine grazilen Schwünge, wie ich sie von den Filmstars her kannte. Sie wirkten eher so, als seien sie mit Heimlichkeiten beschäftigt, als lauerten sie schon verschlagen und gierig auf den nächsten Glimmstängel. Erstaunlicherweise waren viele von ihnen sehr jung. Doch darum kümmerte sich niemand.

Alkohol war auf dem gesamten Anstaltsgelände strengstens verboten, und nie habe ich einen Patienten mit einer Bierdose gesehen, aber Nikotin schien eine von höchster Stelle und ohne Altersbeschränkung freigegebene Droge zu sein. Auch die Pfleger, Schwestern, Ärzte, Psychologen und Therapeuten, alle rauchten und alle verteilten großzügig Zigaretten an die bettelnden Patienten. Das wenige, was die Insassen sich verdienten, gaben sie für Zigaretten aus. Doch vor und höchstwahrscheinlich auch in keiner anderen Station wurde so obsessiv geraucht wie bei den Manisch-Depressiven. Sie qualmten die Zigaretten stets bis zu ihren rußgelben Fingerspitzen hinunter. Sie fraßen den Rauch in sich hinein, als wäre er ihre Rettung. Der Weg zum Haupteingang dieser Station war dicht bestreut mit Zigarettenstummeln, links und rechts davon, vor den Bänken lagen maulwurfshaufengroße Filter- und Stummelhügelchen. An einer Wand des Gebäudes waren über Jahre hinweg Zigaretten ausgedrückt worden. Tausende Aschepunkte besprenkelten sie, und wenn ich meine Augen etwas unscharf stellte, sahen diese schwarzen Flecken wie winzige Einschusslöcher oder Eingänge in einen gigantischen Termitenhügel aus.

Nie wieder habe ich unter freiem Himmel Menschen auf so engem Raum so exzessiv sich eine Zigarette nach der anderen anzünden sehen wie bei den Manisch-Depressiven. Mir kam es so vor, als wären sie Mitglieder einer Sekte mit gespenstischen Ritualen. Plötzlich rauchten alle synchron: Dreißig Depressive ziehen gemeinsam, inhalieren gemeinsam, stoßen den Rauch gemeinsam aus und lassen alle gemeinsam für kaum länger als eine Sekunde die Zigaretten sinken. Die Frauen unter ihnen rauchten mit noch größerer Besessenheit als die Männer. Ich habe Frauen oder Mädchen gesehen, die hingen an ihren Zigaretten wie an einem seidenen Faden aus Rauch über einem schwarzen Abgrund. Geredet wurde kaum. Ihre Gesichter standen in einer mir bis heute rätselhaften verwandtschaftlichen Beziehung zueinander. So wie sie äußerlich diese ungebremste Zigarettensucht verband, so musste, dachte ich, auch innerlich eine Gemeinschaft bestehen, eine Verzweiflungsverwandtschaft der besonderen Art. Unvergesslich ist mir auch vor einer anderen Station eine junge Frau geblieben, die vor spastischen Zuckungen die Zigarette nicht selbst halten konnte. An den Armlehnen ihres Rollstuhls hatte sie zwei Laschen, in die sie ihre Hände schob, um sie unter Kontrolle zu bekommen. Doch sie liebte Zigaretten. Eine Schwester fixierte ihren Kopf und fütterte sie mit Rauch. (Joachim Meyerhoff, Album, DER STANDARD, 9./10.2.2013)

Joachim Meyerhoff, Jahrgang 1967, ist Schauspieler, Mitglied des Burgtheaters, Regisseur und Schriftsteller. Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus seinem neuen Roman "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war", der kommende Woche bei Kiepenheuer & Witsch erscheint.

  • Burg-Schauspieler Joachim Meyerhoff legt mit "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" bereits seinen zweiten Roman vor.
 
    foto: corn

    Burg-Schauspieler Joachim Meyerhoff legt mit "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" bereits seinen zweiten Roman vor.

     

  • "Wir nannten sie knallhart Idioten, Irre oder Verrückte. Aber auch die Tödies, Spackos und Spastis."
    foto: der standard/kpa

    "Wir nannten sie knallhart Idioten, Irre oder Verrückte. Aber auch die Tödies, Spackos und Spastis."

  • "Erstaunlicherweise waren viele von ihnen noch sehr jung." Beide Fotos zeigen Szenen aus dem Film "Idioten" von Lars von Trier.
    foto: picturedesk

    "Erstaunlicherweise waren viele von ihnen noch sehr jung." Beide Fotos zeigen Szenen aus dem Film "Idioten" von Lars von Trier.

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