Die Tochter des Schlachters

Glosse8. Februar 2013, 17:00
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Ich habe schon von ihr geschrieben: der Prostituierten Ivana, meiner Meidlinger Nachbarin. Hier ist ihre ganze - und ganz und gar traurige - Geschichte

Unter dem breiten Himmel Mährens war sie ein kleines Mädchen, das ihren Papa liebte, wie nur kleine Mädchen das können. Nun ist Ivana ein großes Mädchen, das in Meidling gestrandet ist. Ihre Liebe kostet 100 Euro.

Der Morgenblues

Wenn es eine Stunde nach Mittag ist und mein Handy einmal geläutet hat, weiß ich, dass Ivana, meine tschechische Nachbarin, wach ist. Dann setze ich die achteckige, emaillierte Caffetera auf die Herdplatte und warte auf ihr leises Klopfen. Sie wird in wenigen Minuten kommen, wie sie es seit acht Monaten fast jeden Tag macht, ich werde wortlos die Tassen auf den Tisch stellen und vielleicht auch ein Kipferl. Ivana wird sich wortlos an den Tisch setzen. Ich werde den Kaffee in die Tassen gießen. Wir werden im Duft des Kaffees sitzen. Schweigend. Bis Ivana den ersten Zug von ihrem Joint eingesaugt hat, den ersten Schluck von ihrem Kaffee getrunken und gesagt hat: "Guud monin', nei-b'ah! Ho-zit going? Yo noh wa-happan to me?" Ivana spricht fast ohne Satztrennung das Englisch der Nigerianer in Wien, Deutsch kann sie kaum. Pausen macht sie nur zum Nippen am Kaffee und zum Luftholen durch den Joint. 

Der Nachtblues

Manchmal trinke ich ein Glas Wein in ihrer Wohnung, bevor Ivana ihren Weg in die Nacht antritt. Sie geht danach in einen der afrikanischen Clubs und verbringt einen Teil der Nacht damit, die Verhältnisse zu klären: "Yo wont mi pussy, yo pay onhundret, yo pay taxi, we go myplace. If yo got no hundret, yo bring abeggie ganja for tirti, yo pay fiffti cash! Word!" Ivana verkauft sich ausschließlich an Afrikaner, vorzugsweise Nigerianer. Sie meint, vielleicht weil ihr erster Freund in Wien Nigerianer und bis zu seiner Abschiebung gut zu ihr war. Inzwischen teilt Ivana nigerianische Vorurteile gegenüber Brüdern aus Ghana.

Ivana wird viel Alkohol trinken und zwischendurch einmal - wenn sie Glück hat, zwei Mal - mit einem Taxi und einem "Mr. Nice Guy" vom Club in ihre Wohnung pendeln. Später wird Ivana alleine einschlafen, es wird vier oder fünf Uhr morgens sein, und sie wird bis zur ersten Stunde nach Mittag schlafen, vielleicht auch länger. Aber bevor Ivana in die Nacht geht, wird sie vor ihrem Kühlschrank in Meidling stehen bleiben und kurz auf eine Ölkreidezeichnung starren, die ein Magnet an der Kühlschranktür festhält. Auf das Blatt hat Ivanas kleine Tochter ein großes, rotes Herz gezeichnet und das Wort "Mama" hineingeschrieben. 

Gras gegen den Blues

Ivana war ein Amphetamin-Junkie, als sie schwanger wurde. Ein Junkie mit Verantwortungsgefühl. Gewissermaßen. Solange ihre Tochter noch nicht auf der Welt war, zog sie kein Speed, erst nach der Geburt wurde sie wieder amphetaminsüchtig. Das Sorgerecht für ihre Tochter bekamen die Großeltern. Heute raucht Ivana nur Gras. Allerdings in Dosen, die auch Pferde oder Ochsen glücklich machen könnten. Oft lässt sie sich mit Gras bezahlen, wenn kein Cash geboten wird. Andere Drogen, die ihr manch ein "Mr. Nice Guy" anbietet, sind keine gültige Währung in Ivanas Land der Nacht.

Die dritte Währung für Ivanas Liebe ist Zeit. Manchmal bleibt ein Mann einige Wochen bei ihr, ist nett, bringt Wein, Ganja und Lebensmittel, kocht und zahlt die eine oder andere Rechnung. Dann umarmt Ivana seine vorgetäuschte Zuneigung und gibt "pussy for company". Beim Kaffee, um die Stunde nach Mittag, erzählt sie mir einmal im Monat dieselbe Geschichte. Erst von "Mr. Callshop", der einen Callshop hat und nett ist. Dann von "Mr. Muscle", der Türsteher ist und einen 30-Zentimeter-Schwanz hat, mit dem er besonders nett ist. Oder von "Mr. Charles", der Schauspieler ist. Ein netter Schauspieler. Jeder ein flüchtiges "Schatzi", jeder ein besserer oder mieserer Schauspieler, jeder bloß eine kurze Fata Morgana gegen Einsamkeit. Danach: Clubs, Klarstellungen in "broken English", Taxi, saurer Alk, Schlaf bis in den Nachmittag hinein, Kaffee, Joints und der Nachmittagsblues. Ich bin Ivanas Fata Morgana einer Freundschaft.

Der Blues vom Pferdetöter

Am liebsten erzählt Ivana von ihrem Vater. Ihr Papa liebt seine Ivana, die seine Tasche so sorgfältig packt, dass er mit nur einem Griff seiner riesigen Hand darin das richtige Werkzeug findet. Manchmal schlägt diese Hand Ivana, aber meistens ist Ivanas Hand darin, wenn ihr Papa sie zur Arbeit mitnimmt. Heute ist diese Faust viel kleiner, halb gelähmt vom Alkohol, wie der Rest von Ivanas Vater. Aber damals, im Kommunismus, ist er Kreistierschlachter des Kombinats, zuständig für den vorschriftsmäßigen Tod.

Bei Pferden und Ochsen, bei größeren Ebern, das weiß Ivana, muss sie eine grüne und eine rote Patrone bereitlegen. Manchmal ist die grüne Patrone zu schwach, die Tiere brüllen, schlagen aus, spucken blutigen Schaum und beißen. Die rote Patrone hat eine Magnum-Ladung Schießpulver, dann geht es schnell. Ivana knüpft die Schlingen für das Schweineschlachten, reinigt den Schussapparat und die Messer von Blut, Hirn und Fell. Damals, unter dem breiten Himmel Mährens, war Ivana glücklich.

Der Zug in den Blues

Wenn sich genug Geld angesammelt hat, sitzt Ivana im Zug nach Ostrava. Genug Geld ist so selten da, dass die Abstände zwischen zwei Zugfahrten unregelmäßig sind und manchmal sieben, acht Wochen betragen. Nie sammelt sich genug Geld an, damit Ivana mehr als ein paar Tage zusehen kann, wie ihre Tochter einige neue Ölkreidezeichnungen für den Kühlschrank in Meidling malt. Immer Herzen, immer das Wort Mama, manchmal zwei Gestalten, groß und klein, die einander die Hand halten, wie einst Ivana und ihr Papa. Es sammelt sich immer nur genug Geld an für Abschiedstränen am Bahnhof in Ostrava. Und Ivana besteigt wieder den Zug in den Meidlinger Blues. Manchmal wartet ein netter "Mister" am Bahnhof in Wien, manchmal nur die abgestandene Luft in Ivanas Wohnung. Und manchmal, um die Stunde nach Mittag, stelle ich ein Kipferl zu Ivanas Kaffee. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 8.2.2013)

Mehr über Meidling und Ivana gibt es hier: Meidling, mon amour

  • Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht Ivana.
    foto: heribert corn

    Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht Ivana.

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