"Immer völlig verquere Geschichten"

Interview8. Februar 2013, 18:53
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Wie das Schreiben eine Möglichkeit sein kann, viele Dinge zu verstehen: die deutsche Schriftstellerin Iris Hanika

STANDARD: Frau Hanika, Ihr neues Buch "Tanzen auf Beton" beschreibt ein "katastrophales Liebesleben". Was geht schief?

Hanika (lacht): Die Katastrophe ist, dass es zu normalen Liebesbeziehungen nie kommt. Ich erlebte immer völlig verquere Geschichten, ab einem Zeitpunkt auch nur noch mit verheirateten Männern, sodass es von vornherein ausgeschlossen war, dass es zu einer normalen Beziehung kommt.

STANDARD: Sie sagen "ich" - das Buch handelt also von eigenen Erlebnissen, und nicht, wie viele Kritiker möglicherweise aus Gründen der Höflichkeit betont haben, von einem "literarischen Ich"?

Hanika:  Es ist eine erlebte Geschichte, es ist alles wahr. Aber es ist in eine Form gebracht, dass man es nicht wie ein Tagebuch lesen kann. Immer wenn ich "ich" schreibe, bin ich das auch. Ich kann nicht für eine Person "ich" sagen, die ich gar nicht bin.

STANDARD: Ganz leicht kann es nicht sein, sich im Schreiben so zu exponieren.

Hanika:  Es war auch nicht geplant, es war eine innere Notwendigkeit. Ich musste mir etwas wegschreiben, und zwar so, dass es wirklich weg ist. Das geht nur mit einem Text, der nach außen vorzeigbar ist, ich musste also so schreiben, dass es anderen Leuten und mir nicht peinlich ist. Veröffentlichen kann ich so etwas erst, wenn ich es so weit durchgearbeitet und so weit abstrahiert habe, dass es Literatur wird.

STANDARD: Kann die Literatur etwas, was die unendliche Analyse nicht kann: eine Geschichte abschließen?

Hanika:  Schreiben ist meine Tätigkeit, und ich schreibe eben auch Sachen auf, um sie zu verstehen. Aber es gibt viele Formen, etwas abzuschließen. Ich bin zum Beispiel letztes Jahr in Moskau überfallen worden. Eine Weile dachte ich mir, das ist überhaupt kein Trauma. Jetzt aber, da das Wetter wieder ähnlich ist, da ich mich anschicke, zur gleichen Jahreszeit wieder hinzufahren, werde ich ein bisschen ängstlich. Ich merke, dass ich mich manchmal plötzlich umdrehe, um zu sehen, was hinter mir ist. Nun hoffe ich, dass ein therapeutischer Trick hilft. Ich habe den Status quo ante wiederhergestellt, indem ich exakt das gleiche Notizbuch und den gleichen Reiseführer gekauft habe, die ich damals dabeihatte. Die Idee ist: Ich mache das noch mal, und dieses Mal passiert nichts.

STANDARD: Gibt es eine Erklärung für die Liebesunfähigkeit, von der Sie erzählen?

Hanika:  Sicher kann ich bestimmte Ereignisse nennen, die zur Ausbildung meiner Neurose geführt haben. Mein Elternhaus spielt eine Rolle, ein misogynes Elternhaus, in dem die Frauen als Hilfswesen des Mannes gesehen wurden, während meine Mutter hilflos dablieb und nicht wegging. Das allein reicht aber nicht, meine Eltern wollten mich ja nicht verkorksen. Es kommen noch andere Ereignisse hinzu, vor allem eine Fastvergewaltigung im Alter von 13 Jahren, die hinterher nicht aufgelöst wurde. Dadurch verfestigte sich der Eindruck, dass so etwas zum Frauenleben dazugehört: Das ist nicht schön, aber es ist halt so, ein Mann holt sich, was er braucht, notfalls mit Gewalt, wobei ich jetzt auch gar nicht weiß, wie man so etwas auflösen könnte. Jedenfalls fügt sich vieles so zusammen, und am Ende ist man unfähig zu einer normalen Liebesbeziehung. Ich habe lange Zeit Leute, die offensichtlich in mich verliebt waren, für blöd gehalten.

STANDARD: In dem neuen Buch beschreiben Sie auch den Übergang von der " Würzburger Publizistin" zur Schriftstellerin. Seit dem Erfolg von "Treffen sich zwei" haben Sie die Ebene gewechselt.

Hanika:  Ich habe mich immer schon als Schriftstellerin betrachtet, auch damals, als ich vorwiegend journalistisch gearbeitet habe. Nach "Treffen sich zwei" dachte ich mir: Jetzt bin ich staatlich anerkannte Schriftstellerin, jetzt kann ich das schreiben, was ich immer schon schreiben wollte. So schrieb ich "Das Eigentliche". Als ich nun den Text zu "Tanzen auf Beton" meiner Verlegerin gezeigt habe, war ich mir relativ sicher, dass man das gar nicht veröffentlichen kann. Sie hat es aber gedruckt.

STANDARD: Mit "Das Eigentliche" haben Sie ein besonders schweres Thema gewählt: Deutschland, die Judenvernichtung, die " Vergangenheitsbewirtschaftung".

Hanika:  Das war wirklich das Buch, das ich immer schreiben wollte, weil mich dieses Verbrechen sehr lange beschäftigte. Und es hat in gewisser Weise geholfen. Jetzt muss ich nicht mehr den ganzen Tag an KZs denken, nicht mehr bei jeder Birke an Auschwitz. Wir brauchen jetzt eigentlich keine Bücher mehr, die uns nochmals anders erzählen, wie es im "Dritten Reich" war. Wir brauchen Bücher darüber, warum uns das so anhaltend beschäftigt.

STANDARD: Diese Beschäftigung mit dem Menschheitsverbrechen, die das Individuum ja unweigerlich überfordert, ist die nicht auch tendenziell neurotisch?

Hanika:  Klar. Die Hauptfigur ist ja ein Zwangsneurotiker, die Nebenfigur hat auch einen Hau. Für ihn liegt der Schmerz aber auch gerade darin, dass er sieht, dass es den meisten anderen gar nicht mehr wehtut, was passiert ist. So entwickelt die Shoah eine schwierige Dynamik: Sie lässt uns nicht los, aber es ist ungewiss, ob die fortgesetzte Beschäftigung zu etwas Gutem führt.

STANDARD: Genau genommen haben Sie schon vor langer Zeit einen ersten Roman veröffentlicht.

Hanika:  Treffen sich zwei wird oft als mein erstes Buch wahrgenommen, aber mein allererstes Buch ist vor zwanzig Jahren erschienen. Es heißt "Katharina oder Die Existenzverpflichtung". Ich schrieb es während meines Studiums in Berlin, und es handelt von einer Studentin, die in Neukölln lebt, aus Schwaben kommt, und auch nicht zurande kommt. Andere Leute haben eine Existenzberechtigung, Katharina sieht sich zu ihrer Existenz aber eher verpflichtet. Das Buch war kein Erfolg, ich habe irgendwann die Restauflage gekauft und verschenke sie sukzessive. Wer mir das Porto schickt, bekommt ein Exemplar.

STANDARD: Kann das Publikum die Liebe ersetzen?

Hanika:  Nein. Ich habe neulich "Kill Your Darlings", ein Theaterstück von René Pollesch, gesehen. Da geht es auch um einen Sänger, der von vielen tausend Menschen bejubelt wird, danach ins Hotelzimmer geht und versucht, sich umzubringen. Positive Reaktionen freuen mich, aber es hilft mir ja nichts. Zum Glück habe ich gelernt, dass es eine blöde Vorstellung ist, dass man nicht geliebt wird. Es ist gar nicht so, weil Liebe sich nicht auf eine spezielle Zweierbeziehung konzentriert. Es gibt viele andere geglückte Formen. Christiane Rösinger, die ich sehr schätze, hat das in dem Lied "Liebe wird oft überbewertet" unübertrefflich formuliert.

STANDARD: In "Tanzen auf Beton" gibt es auch lange Passagen über Musik. Zum Beispiel über Heavy Metal.

Hanika:  Heavy Metal finde ich für jemanden, dem es sehr schlecht geht, wie es mir eine Weile ging, sehr geeignet, weil eben die Hölle nach außen verlagert wird. Man beschallt seine Wohnung sehr, sehr laut, etwa mit Metallica, und so lange geht es einem gut.

STANDARD: Was fasziniert Sie an Led Zeppelins "Whole Lotta Love"?

Hanika:  Diese Vorstellung von einem Liebesverhältnis, die doch sehr primitiv ist. Meine Beziehung, von der ich in dem Buch berichte, war im Grunde genau so.

STANDARD: In dem Buch erfahren wir auch, dass Sie sich inzwischen in ein Land "verliebt" haben: Russland.

Hanika: Ich konnte mich erst in ein fremdes Land verlieben, als ich mit dem eigenen nicht mehr so verstrickt war wie noch zu Zeiten von Das Eigentliche. Russland ist extrem, die Sprache ist herrlich und gleichzeitig nicht zu lernen (spricht ein sehr klangvolles "Njet"). Ich habe in den ersten Russisch-Stunden jedes Mal einen Lachkrampf gekriegt. Eine befreundete Slawistin sagt immer: Alles was scheiße an Russland ist, ist auch großartig. Wie ich schon erwähnt habe, wurde mir die Tasche gestohlen. Zwei Tage später findet ein Mütterchen die Tasche im Müll und macht sich größte Mühe, mich zu erreichen, um sie mir zu übergeben.   (Bert Rebhandl, Album, DER STANDARD, 9./10.2.2013)

Iris Hanika, geb. 1962 , lebt als Schriftstellerin in Berlin. Sie hat für die "FAZ" und den "Merkur" geschrieben. Ihre Bücher erscheinen seit ihrem Weggang von Suhrkamp im Grazer Droschl-Verlag. Am 12. Februar liest Iris Hanika um 19 Uhr in der Hauptbücherei Wien aus "Tanzen auf Beton".

  • "Ich kann etwas erst veröffentlichen, wenn ich es so weit abstrahiert habe, dass es Literatur ist": Iris Hanika.
    foto: copyright cr/sh

    "Ich kann etwas erst veröffentlichen, wenn ich es so weit abstrahiert habe, dass es Literatur ist": Iris Hanika.

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