Odessa war etwas anderes

8. Februar 2013, 19:32
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Elegie auf eine Stadt: Vladimir Jabotinskys Roman "Die Fünf" erscheint nach 80 Jahren zum ersten Mal auf Deutsch

Es ist ein guter Winter für russische Literatur des 20. Jahrhunderts, für aufregende Neu- oder Wiederentdeckungen nach Jahrzehnten. Gaito Gasdanow und sein subtiler Prosaband Phantom des Alexander Wolf wurde erstmals fürs deutsche Publikum verlegt, M. Agejews Roman mit Kokain neu übersetzt wie auch Michail Bulgakows Meister und Margarita, Letzteres vom in Wien lebenden Alexander Nitzberg. Diese Liste verschollener, neu auftauchender (Exil-)Autoren ergänzt der Odessit Vladimir Jabotinsky, dessen zweiten Vornamen "Ze'ev" der Verlag dezent unterschlägt.

Odessa: ein Mythos. Odessa: Cineasten bekannt ob der 200-stufigen Treppe aus Eisensteins Panzerkreuzer Potjomkin. Odessa: bisher eine literarische Schöpfung Isaak Babels. Dass Charles Kings große Biografie der faszinierenden Schwarzmeermetropole von 2011 bis heute nicht auf Deutsch erschienen ist, sagt viel aus übers deutsche Verlagswesen, gar nichts über Odessa mit seiner bewegten Historie. Kosmopolitisch war die Stadt aus Hafen- und Oberstadt bis 1917, multilingual und vielreligiös. Das jüdische Odessa vor Kriegsausbruch schildert Jabotinsky in seinem Roman.

Ein emigrierter Zeitungsfeuilletonist erzählt 20 Jahre später die Schicksale der fünf Kinder der jüdischen Familie Milgrom, der alle verzaubernden Marussja, die bei lebendigem Leib verbrennt, des nihilistischen Kriminellen Serjosha, der von einem gehörnten Ehemann mit Säure geblendet wird, des naiven Marko, der im Eis einbricht, des kalt-strebsamen Torik, der konvertiert, und Likas, einer kommunistischen Doppelagentin, die später in Stalins Gefängnissen endet. Dieser 1936 in Paris erschienene Untergangsroman ist ergreifende Elegie im letzten Glanz des Zarenreichs - und ungewöhnlich für den 1880 geborenen Journalisten Jabotinsky, war er doch einer der kämpferischsten und umstrittensten, weil radikalsten Zionisten.

1925 wandte er sich mit seinen Gefolgsleuten von den Allgemeinen Zionisten ab und drang auf eine ideologische Revision des Zionismus, er wollte zurück zu Theodor Herzl, als deren eigentliche Erben er seine Union der Zionistischen Revolutionäre ansah. Deren Jugendorganisation Irgun wurde nach Jabotinskys Tod 1940 radikaler - und gewalttätig. Angeführt von Menachem Begin, dem späteren israelischen Ministerpräsidenten, führte sie die Revolte gegen die Briten an, bis 1948 die Mandatsmacht in Palästina. Ihr Ziel: ein eigener jüdischer Staat. Aus der Irgun wurde nach der Gründung Israels die Herut, Keimzelle der heutigen Likud-Partei. Da war das multikulturelle Odessa fast zur Gänze untergegangen, mehr als 100.000 odessitische Juden waren von den Nazis ermordet worden.

Es ist ein guter Winter für russische Literatur. Dass aber darauf verzichtet wurde, ein Nachwort mit aufzunehmen, in dem man mehr erfährt über Jabotinsky, über die Editionsgeschichte und über Odessa, ist ein editorischer Malus, eine verpasste Chance.  (Alexander Kluy, Album, DER STANDARD, 9./10.2.2013)

Vladimir Jabotinsky, "Die Fünf". Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. € 37, / 272 Seiten. Die Andere Bibliothek, Berlin 2013

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    foto: die andere bibliothek
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