Aschenputtels Schwestern

8. Februar 2013, 17:04
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Jenseits des Speckgürtels - Von Julya Rabinowich

Das große Fressen ist vorbei. Die heilige Dreifaltigkeit aus Weihnachtsgans, Karpfen und dem Rehrücken hat das Irdische gesegnet. Der Segen war sehr groß. Hinterher purzelten noch lustige Punschabende, herzhafte Krapfenrunden und ein paar staubtrockene Kekserln. Ich muss zugeben, Weihnachten hat mich nicht wirklich ausgebremst, und in Gesellschaft völlerte es sich noch ungenierter.

Eine von mir in regelmäßigen Abständen zum Obengenannten verführbare Freundin geriet in einen gewissen, nun, Engpass, was ihre Ballpläne anbelangte. Diese unerwartete Ausweitung der Kampfzone gefährdete die sorgsam ausgewählte, lange im Voraus - und damit vor dem Mästen - erworbene Abendgarderobe. Trotz dreitägigen Wahnsinns mit Entwässerungsölen, Bauchmassagen, Kasteiung mit Chili und Zitronenwasser.

Die Kraft des positiven Denkens wollte auch nicht recht klappen, die Ballnacht jedoch stand kurz bevor. Geld für ein neues Kleid: nicht vorhanden. Tickets verfallen lassen: auch keine Option. Ich suchte schuldbewusst Auswege und schlug das Modell "Iron Lady reloaded" vor. Formende kampfbeige Unterwäsche mit Charakter. Sehr zurückhaltend. " Bauch rein, Luft raus", befahl ich und war siegreich. Das Kleid passte.

Freundschaft gerettet, dachte ich. Aber Mensch denkt und Gott lenkt, und die Wäschedesigner haben manchmal Blackouts zu vermelden. "Jetzt weiß ich, wie sich Aschenputtels Schwestern gefühlt haben", fauchte sie mich am Morgen danach an. Meinen Einwand, dass der Abend dann wohl ohnehin märchenhaft verlaufen sei, schmetterte sie ab.

Für Aschenputtels Schwestern verlief der Abend bekanntlich nicht so rosig wie für die Titelheldin. Nach entzückenden Tanzeinlagen hatte sie knapp vor Mitternacht - die Hand des Tanzpartners auf der Taille - gefühlt, wie der Bodyverschluss mit einem verräterischen Knacken aufsprang. In Bruchteilen von Sekunden rollte sich der Stoff hinauf und presste eine beachtliche Speckgürtelwurst knapp unterm Busen hervor. Sie floh mit geraffter Robe auf die eiskalte Toilette.

Das Darunter ließ sich trotz mehrfacher Angelversuche weder herunterziehen noch schließen. Sie wand sich akrobatisch nicht unbegabt, aber zeitintensiv aus Kleid und Body. Die wurstförmige Verwerfung wurde wieder ein runder Bauch. Es klopfte an der Türe, ihr Puls beschleunigte, der Begleiter wollte wissen, ob alles in Ordnung sei. Sie stand splitternackt in Stöckelschuhen im Klo, verfluchte mich und fror. Zur Garderobe robbte sie mit offenem Zipp am Rücken an der Wand entlang. Mein Ausflug in die Welt der Schönheitsexperten war vorbei. Beim nächsten offiziellen Empfang spielen wir dann König Drosselbart.   (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 9./10.2.2013)

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