Energieautarkes Wohnen: Ein Puzzlespiel

Interview12. Februar 2013, 17:00
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Wolfgang Streicher, Experte für energieeffizientes Bauen, über die Grenzen des autarken Wohnens, Stadtwohnungen und Hausverstand

derStandard.at: Wie sehen energieautarke Haushalte aus?

Streicher: Haushalte, die zur Gänze energieautark sind, existieren nicht. Ein Haushalt kann nicht ohne sein Umfeld agieren. Denn das Ideal des energieautarken Wohnens heißt in letzter Konsequenz, dass man in allen Bereichen mehr Energie produziert, als man braucht. Hierfür stehen allerdings mit den richtig ausgerichteten Außenflächen der Gebäude nur begrenzte Möglichkeiten der Sonnenenergienutzung zur Verfügung.

derStandard.at: Zu welchem Teil kann man sich unabhängiger machen?

Streicher: In der Gesamtheit geht es bei dieser Frage viel um den persönlichen Lebensstil, um Kleidung und Essen, Dinge, die importiert werden müssen. Aber wenn man sich nur auf die Bereiche Warmwasser, Heizung und Strom beschränkt, dann gibt es viele Möglichkeiten, mit den Ressourcen sinnvoller umzugehen.

derStandard.at: Welche?

Streicher: Da gibt es eine Reihe baulicher und technischer Optionen - es ist im Prinzip ein Puzzlespiel: Da gäbe es die thermische Sanierung, man kann Fenster austauschen, oberste Geschossdecken dämmen oder auch kontrollierte Wohnraumlüftungen einbauen. Bei der Wasserversorgung kann man darauf achten, dass man keine Zirkulationsleitungen hat und wassersparende Armaturen einbaut. Man kann den Standby-Modus bei den elektrischen Geräten vermeiden. Ebenso kann man in der Küche Strom sparen, etwa mit einem Extra-Gefrierschrank statt einem, das im Kühlschrank integriert ist. Neben diesen technischen Möglichkeiten sollte man auch weiterhin mit Hausverstand vorgehen – das dauer gekippte Fenster im Winter beispielsweise ist einfach nur dumm.

derStandard.at: Vielen Menschen erscheint das sehr mühsam.

Streicher: Natürlich muss man ein bisschen auf sein Verhalten achten. Aber es geht ja auch um die Frage, wie baue ich mir eine Infrastruktur für mein Leben.

derStandard.at: Welche Bauformen erlauben ein möglichst energieeffizientes Wohnen?

Streicher: Die Wohnung im Mehrfamilienhaus in der Stadt ist prinzipiell die beste Wohnform hinsichtlich des Energieverbrauchs. Es sind rundherum beheizte Wohnungen, die Außenflächen sind gering. Zu den baulichen Vorzügen kommen kurze Wege und dementsprechend geringer Energieverbrauch für die Mobilität hinzu.

derStandard.at: Wie schwierig gestalten sich Sanierungen im städtischen Bereich, wo die Häuser meist schon älter sind?

Streicher: Es ist nur schwieriger im denkmalgeschützen Bereich der rund zehn Prozent der Gebäude ausmacht, aber auch hier nicht unmöglich. In Graz etwa wurde ein 1.100 Jahre altes Kloster im Einklang mit dem Denkmalschutz saniert und mit einer großen thermischen Solaranlage ausgerüstet.

derStandard.at: Wie sehr fällt das Verhalten einzelner Haushalte für den Klimaschutz wirklich ins Gewicht?

Streicher: Es geht um die Frage, was wir wollen, was wir uns leisten können und wie viel wir den Nachfolgegenerationen aufbürden möchten. Man kann nicht mehr machen, als seine eigenen Gewohnheiten zu verändern.

derStandard.at: Gibt es genug Anreize für Energieeffizienz im Alltag?

Streicher: Es gibt widerstrebende Interessen von Industrie und Politik. Diese beiden Systeme denken in zu kurzen Zeiträumen: Die Politik wird alle vier, fünf Jahre gewählt, die Investitionen der Industrie müssen sich meist innerhalb von drei bis vier Jahren rentieren. Aber im Privaten haben wir alle langfristige Perspektiven – etwa wenn wir Kinder, Familie, und Häuser haben. Und auch der Klimawandel ist langfristig. Nur wenn wir auch genügend Druck auf Politik ausüben, kann das wirklich einsickern. (Nina Brnada, derStandard.at, 12.2.2013)

Wolfgang Streicher hat seit dem Jahr 2009 den Stiftungslehrstuhl der Universität Innsbruck und der Tiroler Zukunftsstiftung „Energieeffizientes Bauen mit spezieller Berücksichtigung des Einsatzes Erneuerbarer Energie" inne.

  • Thermische Sanierung ist ein wichtiges Puzzlestück am Weg zu mehr Energieeffizienz
    foto: der standard/urban

    Thermische Sanierung ist ein wichtiges Puzzlestück am Weg zu mehr Energieeffizienz

  • Mehrfamilienhäuser sind die energiefreundlichste Wohnform.
    foto: der standard/hejduk

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  • Wolfgang Streicher

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