Schweden: Debatte um Steuergeld für Sektenschulen

7. Februar 2013, 19:16
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Staatlich finanzierte religiöse Schulen gewinnen in Schweden an Bedeutung. In diesen werden aber auch krude Theorien verbreitet – was der Europarat nun kritisiert.

Homosexualität ist heilbar, Gewalt in der Ehe in Ordnung und die Frau dem Manne untertan. Das lernen schwedische Schüler auf Kosten des Steuerzahlers – in öffentlich finanzierten sogenannten religiösen Freischulen, die an Terrain gewinnen. Was im Lande selbst bisher wenig hinterfragt wird, kritisiert jetzt der Europarat: Schwedens Schulsystem befördere den Einfluss von Sekten auf Heranwachsende, betonte kürzlich der Sekten-Sonderberichterstatter des Rates, Rudy Salles.

Freischul-Reform in den 90ern

Mehr Vielfalt lautete die Parole, als die schwedische Freischul-Reform zu Beginn der 90er-Jahre in Kraft trat und die Vorherrschaft kommunaler Schulen brach. Dem privaten Träger einer Schule fließt seither vom Staat pro Schüler eine festgesetzte, für öffentliche und freie Schulen gleiche Summe zu. Die Steuergelder darf er in Gewinne ummünzen, die stattliche Höhen erreichen können.

Bewilligt werden die Anträge auf eine Schulgründung von der Schulaufsicht. Der seit 2008 bestehenden Behörde obliegt außerdem die Schulinspektion. Im Falle religiöser Schulen folgt man dabei dem von der Politik vorgegebenen Spagat, der laut Andreas Spång von der Schulaufsicht in der Regel mündet: "Der Unterricht in freien Schulen soll nichtkonfessionell sein; im übrigen Schulbetrieb dürfen konfessionelle Aspekte aber vorkommen."

Ausgeblendeter Widerspruch

Nach offizieller Logik ist so sicher, dass die Schüler nicht ungebührlich religiös beeinflusst werden. Metta Fjelkner, Vorsitzende des Landesverbandes der Lehrer, hält das für absurd: "Niemand eröffnet eine religiöse Freischule, um sich dort nicht mit Religion zu beschäftigen. Schweden blendet den Widerspruch einfach aus."

Tatsache ist: Schwedens Schullandschaft hat sich zu einem farbenfrohen Mosaik entwickelt, auf dem zumal religiöse Bildungsstätten mit eigenwilligen Ansichten hervorstechen. So erzählt Karl-Erik-Lundin, Rektor der christlichen Schule Oasen in Sundsvall, seinen Schülern gern vom Fall eines früheren Studienkameraden, der sich mit Gottes Hilfe von schwul zu hetero gewandelt habe.

Für Schlagzeilen sorgte die Labora-Schule in Långeryd, betrieben von der weltumspannenden Plymouth-Brüder-Sekte, die Frauen als dem Mann untergeordnet ansieht und nach größtmöglicher Abschirmung ihrer Mitglieder von der Umwelt strebt. An ihrem Unterricht ist laut Schulaufsicht aber nichts auszusetzen.

Wenig Verständnis für Kritik des Europarates

Der Staatssekretär im Bildungsministerium, Bertil Östberg, zeigt für die Kritik des Europarates wenig Verständnis. Die Kontrolle der religiösen Schulen sei vielleicht nicht hundertprozentig, zitiert ihn die Nachrichtenagentur TT; von "Schlappheit" könne hingegen keine Rede sein. Weitere Interviews wehrt er ab.

Metta Fjelkner, deren Lehrergewerkschaft schon 2005 Kritik an den religiösen Freischulen anmeldete, konstatiert: "Keine politische Partei traut sich, in gleicher Weise wie wir Stellung zu beziehen." Im vermeintlich so "gottlosen" Schweden gebe es "im Gegenteil enorm starke religiöse Kräfte verschiedener Couleur". Doch Widerstand regt sich, zumal in der Opposition. Dass Sekten wie die Plymouth-Brüder überhaupt Schulen betreiben dürfen, sei Beleg für ernste Mängel im Schulsystem, heißt es in einem Antrag auf härtere Kontrollen, den der Sozialdemokrat Christer Adelsbo im Reichstag eingebracht hat. Schwedens Schulgesetzgebung sei sehr liberal – "und wahrscheinlich geradezu naiv". ( Anne Rentzsch aus Stockholm, DER STANDARD, 8.2.2013)

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