Frauen netzwerken anders als Männer

7. Februar 2013, 18:36
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Komplexitätsforscher analysieren mithilfe eines Online-Spiels, wie sich Menschen verhalten - Es zeigt sich, dass Frauen dichtere Netzwerke knüpfen und ökonomisch erfolgreicher sind

Wien - Die Sozialwissenschaften haben gegenüber den Naturwissenschaften einen entscheidenden Nachteil: Das allzu komplexe Untersuchungsobjekt namens Gesellschaft liefert keine so genauen Daten wie die Natur, die sich noch dazu in gut untersuchbare Einheiten unterteilen lässt.

Komplexitätsforscher Stefan Thurner von der Med-Uni Wien, der sowohl in Physik wie auch in Ökonomie promoviert hat, lässt das keine Ruhe: Er möchte die Wissenschaften vom Sozialen auf eine methodisch ähnliche exakte Ebene bringen wie die Naturwissenschaften und hat sich gemeinsam mit seinem Kollegen Michael Szell einen Trick einfallen lassen.

Szell hat vor acht Jahren das Online-Spiel "Pardus" entwickelt, in dem Spieler unter selbst gewählten Identitäten um Wohlstand und Ehre im Weltall kämpfen können. Ursprünglich stand dabei das spielerische Interesse im Vordergrund; doch bald erkannten die Forscher um Thurner, dass sie damit eine Art "Gesellschaft im Labor" zur Verfügung haben.

Orwells wildeste Fantasien

Tatsächlich liegen den Komplexitätsforschern sämtliche Handlungen der rund 300.000 Spieler vor. Sie wissen, welche Geschäfte die Spieler abschließen, mit wem sie in Interaktion treten, wohin sie reisen oder wie sie Streit beginnen und wieder beenden. So weit kann man laut Thurner "nicht einmal in den wildesten Fantasien von George Orwell" in gesellschaftliche Abläufe blicken.

Für eine Studie, die heute in der in der Fachzeitschrift "Scientific Reports" veröffentlicht wurde, analysierten Szell und Thurner, ob weibliche und männliche Spieler bei "Pardus" unterschiedlich agieren. Konkret ging es darum, wie sie ihre jeweiligen Netzwerke gestalten. Dabei zeigten sich tatsächlich erhebliche Unterschiede. Wie die beiden Forscher herausfanden, scheinen Frauen ihre Netzwerke viel "dichter" machen - was nun nicht bedeutet, dass Frauen mehr kommunizieren. Ihnen sei wichtig, "dass die Leute, mit denen sie reden, untereinander auch reden", so Thurner. Männern hingegen sei das weit weniger wichtig; sie wollen eher den Überblick haben.

Schnelle Reaktion der Frauen

Darauf würden auch die Daten über Freundesanfragen hindeuten. "Wenn eine Frau einer anderen Frau sagt: 'Ich bin deine Freundin', dann antwortet die andere darauf relativ schnell mit: ,Du bist auch meine Freundin'", so Thurner. Unter Männern dauere das viel länger. Tritt hingegen eine Frau an einen Mann heran, zeigen Männer die schnellsten Reaktionen überhaupt - obwohl in "Pardus" für Romantik kein Platz ist. Frauen seien zudem wirtschaftlich erfolgreicher als Männer.

Künftig wollen sich die Forscher den wirtschaftlichen Abläufen stärker zuwenden - auch wegen der Übereinstimmungen mit dem "wirklichen Leben", so Thurner: "Wir sehen zum Beispiel bei 'Pardus' Schwankungen bei Energiepreisen, die Ölpreiskurven in der echten Welt nicht unähnlich sind." (APA/tasch, DER STANDARD, 8.2.2013)

  • Sechs der Identitäten, in die Mitspieler von "Pardus" schlüpfen können (rechts die jeweils männliche Variante): Frauen sind - zumindest beim Online-Spiel - wirtschaftlich erfolgreicher.
    illustration: grigory kapustkin / bayer & szell og

    Sechs der Identitäten, in die Mitspieler von "Pardus" schlüpfen können (rechts die jeweils männliche Variante): Frauen sind - zumindest beim Online-Spiel - wirtschaftlich erfolgreicher.

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