"Dreitausend Nächte mit Lasse"

7. Februar 2013, 18:11
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Auch das Ausland hat Skihelden anzubieten. Zum Beispiel Kjetil Andre Aamodt, den erfolgreichsten Medaillensammler aller bisherigen Zeiten, der über die norwegische Siegeskultur spricht

Schladming - Kjetil Andre Aamodt (41) ist ein Auskenner. Früher ließ er zuschauen, jetzt schaut er zu. Also frägt man Aamodt, den Kollegen, ob sich was geändert habe im Sport, den er nach der Saison 2006 als Aktiver verließ? "Eigentlich nicht. Es gibt mehr Sponsoren, mehr Geld, mehr Professionalität, das geht immer weiter. Aber Skifahren ist immer noch Gravitation und Newton. Die Schwerkraft bringt uns runter ins Ziel. Und du musst auf dem Außenski stehen."

Aamodt, der an WM- und Olympia-Tagen via TV den Norwegern erklärt, warum einer gewonnen oder verloren hat, ist Unicef-Botschafter, hält einmal im Jahr eine Rennfahrerschule ab und hat eine 30-Prozent-Anstellung beim Olympia-Toppen, Norwegens übergeordneter Sportförderung. "Es geht darum, die Besten noch besser zu machen. Ich rede mit Athleten und Trainern darüber, wie man sein Potenzial besser ausnutzen kann." Aamodt konnte das ganz gut, mit 20 Olympia- und WM-Medaillen ist der erfolgreichste aller einschlägigen Sammler, als einer von nur fünf Rennläufern gewann er in sämtlichen Disziplinen.

Gesichter einer Karriere

Hauptsächlich aber hält er Vorträge für Firmen, ungefähr 50 bis 60 im Jahr. "Da geht es auch um die vielen Gesichter einer Karriere, über die Zusammenarbeit im Team." Und um Lasse Kjus, seinen kongenialen Landsmann, der es auf 16 Medaillen brachte. "Dreitausend Nächte in den gleichen Zimmern mit Lasse." Mit Lasse verbringt er zwar keine Nächte mehr, dafür machen die beiden eine Fernsehshow in Anlehnung an "Schlag den Raab" namens "Wer schlägt Aamodt und Kjus."

Die Generation Aamodt hat in den achtziger Jahren den alpinen Skilauf in Norwegen quasi neu erfunden. "Als wir angefangen haben, waren wir seit 40 Jahren, seit Stein Eriksen, ohne Medaille bei den Herren." In Saalbach 1991 begann das Sammeln, Ole Christian Furuseth gewann Bronze im Slalom, Aamodt Silber im Super-G.

"Vorher", erinnert sich Aamodt, "hatten wir keine Kultur, arbeiteten nicht viel. Dann ist der Österreicher Kurt Hoch gekommen und hat viel geändert. Kein Alkohol mehr, kein Snus, früh aus dem Bett. Dann haben wir eine Siegeskultur gehabt. Seit Saalbach haben wir sechzig Medaillen geholt. Furuseth war damals der Leader im Team. Er wollte aber von dem lernen, der sich vom 300. auf den 100. Platz verbessert hat. Schließlich entwickelt sich der mehr. Es gab keinen Egoismus. Wir haben das Wissen geteilt."

Jetzt ist es Axel Lund Svindal, der die Tradition fortsetzt, seit der Bronzenen im Schladminger Super-G bei zehn Medaillen hält. Svindal kam 2003 ins Team. Aamodt: "Axel hat viel gelernt von diesen grundsätzlichen Sachen, von der Inspiration. Vielleicht wäre er trotzdem der beste Skifahrer geworden."

Ist das Allroundertum etwas Norwegisches? "Nein, wenn ich noch einmal anfangen würde, wäre ich vielleicht kein Allrounder. Es war sehr schwierig, Skirennen zu gewinnen. 70 Mal war ich im Weltcup Vierter oder Fünfter." Aamodt hält immer noch den Einsatz-Rekord im Weltcup: 432 Starts. Er schaffte 64 Stockerlplätze und 21 Siege.

Im Jänner 2007, rekonvaleszent nach einer Knieverletzung, gab er seinen Rücktritt bekannt. "Lasse und alle Freunde haben aufgehört. Und ich hatte ein Kind. Skifahren war nicht mehr wichtig. Sollte ich den Rollstuhl riskieren?" Mittlerweile hat Aamodt zwei Kinder, sieben und drei Jahre alt. Norwegische Skihelden in spe? "Die haben kein Interesse. Vielleicht hab ich etwas falsch gemacht." Wissen die überhaupt, was der Papa gemacht hat? "Ich glaub nicht." (Benno Zelsacher, DER STANDARD, 8.2.2013)

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    Im Jänner 2007 verkündete Aamodt, der jetzt unter anderem Vorträge über die Gesichter einer Karriere hält, seine Rücktritt. Dass Skifahren nicht mehr wichtig war, hatte einen Grund.

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    2006 in Turin holte Aamodt noch einmal Olympiagold im Super-G. 1992 und 2002 war ihm das auch schon gelungen.

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