Schlagabtausch vor dem Zug der Geschichte

7. Februar 2013, 17:35
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Berlinale-Eröffnung mit Wong Kar-wais Kung-Fu-Melodram "The Grandmaster", das seinen hohen Ansprüchen nicht immer gerecht wird

Mitten im Kampf ziehen die Gesichter wie zwei sich kreuzende Züge aneinander vorbei. Der Höhepunkt der einzigen direkten Konfrontation der beiden Helden aus The Grandmaster ist ein flüchtiger Moment. Ip Man (Tony Leung) und die Tochter des Martial-Arts-Altmeisters, Gong Er (Zhang Ziyi, bekannt aus Crouching Tiger, Hidden Dragon) messen sich in einer Szene, die zwischen erotischer Verführung, sublimer Gewalt und tänzerischer Eleganz oszilliert. Die Kamera hebt immer wieder Details hervor - etwa die Füße, die ständig neue Stellungen suchen; die Montage passt sie dann in eine Bewegung ein, die in einer fragilen Balance zur Ruhe kommt.

Nicht allen Schaustücken aus Wong Kar-wais Kung-Fu-Historiendrama, das am Donnerstagabend die 63. Berlinale eröffnet hat, gelingt es, so souverän Erzählung und Attraktion zusammenzuführen. Der mit großer Spannung erwartete Film des Hongkong-Regisseurs, der in den 1990er-Jahren mit seinen Neo-Melodramen (Chungking Express u. a.) zum Star des Weltkinos avancierte, ist ein weitschweifiges Epos, das seinen hohen Ansprüchen nicht immer gerecht wird. Martial-Arts-Drama, Biopic und Geschichtsmelo in einem, verlieren sich die großen Erzählbögen darin mitunter in Sackgassen. Als Zuschauer ist man weniger involviert, als man sich das wünscht.

Ip Man, ein Meister des Wing Chun, einer Spielart des Kung-Fu, wurde vor allem als Lehrer von Bruce Lee zur Berühmtheit. In The Grandmaster, der in den 1930er-Jahren im republikanischen China beginnt und über die Kriegsjahre bis in die 1950er von Hongkong führt, ist er ein Held im Strudel der Geschichte. Eigentlich auserkoren, die konkurrierenden Kampfsport-Clans mit Kompetenz und Weitsicht zu einen, kommen ihm die weltpolitischen Ereignisse zuvor. Seine Spuren verlieren sich, erst viel später werden seine Fähigkeiten, unter veränderten Bedingungen, wiederentdeckt.

Wong Kar-wai hat in seinen Filmen stets einen nostalgisch-elegischen Blick bevorzugt. Entsprechend traditionsbewusst und ehrfürchtig agieren die Figuren auch hier. Die Stärke des Films liegt in der visuellen Grandezza, die er für diese im Übermaß bereithält: Die Szene, in der sich Gong Er mit einem Verräter vor einem fahrenden Zug duelliert, ist ein inszenatorisches Meisterstück - dynamisch, wuchtig, ausdrucksstark. The Grandmaster ist ein Film aus vielen funkelnden Stücken, die sich zu keinem Ganzen zusammenfügen. (Dominik Kamalzadeh aus Berlin, DER STANDARD, 8.2.2013)

  • Eine Großmeisterin in Wong Kar-wais "The Grandmaster": Gong Er (Zhang Ziyi) beherrscht die Kampfsportkunst aufs Schönste.
    foto: berlinale

    Eine Großmeisterin in Wong Kar-wais "The Grandmaster": Gong Er (Zhang Ziyi) beherrscht die Kampfsportkunst aufs Schönste.

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